Türkische Gastarbeiter Von Istanbul in den Ruhrpott
Abschied: Verwandte der Gastarbeiter am Bahnhof Istanbul-Sirkeci. Im Juni 1964 reiste eine Delegation des Bochumer Vereins für Gussstahlproduktion AG in die Türkei, um 100 Arbeitskräfte für das Unternehmen zu rekrutieren. Fotograf Hans Rudolf Uthoff war bei der Zugreise von Istanbul ins Ruhrgebiet dabei und porträtierte die Menschen.
Zwischen Ungewissheit und Euphorie: Ernst blicken die Männer in die Kamera, vor ihnen stehen die wenigen Habseligkeiten, die sie mit auf ihre große Reise nehmen. Das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei wurde 1961 geschlossen und enthielt zunächst die Vereinbarung, dass die Gastarbeiter maximal zwei Jahre bleiben dürfen; ein Familiennachzug war ursprünglich nicht vorgesehen. 1964 entfiel diese Klausel.
Rigoroses Auswahlverfahren: Türkische Arbeitsmigranten in Istanbul vor ihrer Abreise. Die Gesundheitsuntersuchung der Gastarbeiter wurde vielfach als extrem entwürdigend wahrgenommen. A. Özyol aus Zonguldak, der 1971 als Bergarbeiter in die Bundesrepublik kam, erinnert sich: "Wir mussten uns alle ausziehen. Wir schämten uns, denn wir waren alle nackt. Der deutsche Arzt ließ uns mit Hilfe eines Dolmetschers sagen, dass wir 18 Kniebeugen machen sollten. Als wir die gemacht hatten, mussten wir uns mit dem Gesicht zur Wand und dem Rücken zum Arzt drehen und in einer gebückten Haltung stehen. Darauf hat der Arzt Handschuhe angezogen (...) und bei allen den Hintern auseinandergezogen und angeschaut." (aus Karin Hunn: Nächstes Jahr kehren wir zurück... Die Geschichte der türkischen "Gastarbeiter" in der Bundesrepublik, Göttingen 2005).
An viele Tränen am Bahnhof erinnert sich Fotograf Uthoff. "Viele wussten nicht: Wann werden wir uns wiedersehen, werden wir uns überhaupt jemals wiedersehen?"
Win-win-Situation: Angehörige der Gastarbeiter drängen sich am Bahnhof, um ihre Ehepartner, Väter, Söhne zu verabschieden. Das Anwerbeabkommen war für beide Seiten von Vorteil: Die Wirtschaft in der Bundesrepublik brummte, es mangelte an Arbeitskräften. In der Türkei hingegen herrschte eine hohe Arbeitslosigkeit; zudem litt das Land nach dem Militärputsch 1960 politisch-gesellschaftlich wie wirtschaftlich unter Instabilität.
Vom Großvater bis zum Enkelkind: Die ganze Familie strömte an jenem Tag zusammen, um die nach Deutschland reisenden Männer am Istanbuler Bahnhof zu verabschieden.
In Schale geworfen: Viele der Männer hatten sich für die Zugfahrt nach Almanya ihre besten Anzüge übergestreift. Es herrschte eine positive Grundstimmung, erinnert sich der heute 89-jährige Fotograf Hans Rudolf Uthoff: "Die meisten Männer waren euphorisch, ausgewählt worden zu sein. Almanya, das war ein Sehnsuchtsort für sie."
Abfahrt! Um 14.30 Uhr Ortszeit setzte sich der Zug vom Bahnhof Istanbul-Sirkeci Richtung Deutschland in Bewegung, und...
...viele Verwandte und Freunde liefen auf dem Bahnsteig noch ein Stück nebenher.
"Der Zug hielt an jeder Wasserpumpe", erinnert sich Fotograf Uthoff an die Strapazen der Reise, die über Bulgarien, das ehemalige Jugoslawien und Österreich führte. Rund 50 Stunden dauerte in den Sechzigerjahren die Fahrt von Istanbul nach München, wo die Männer Richtung Ruhrgebiet umsteigen mussten.
Verpflegung: Unterwegs wurde den Reisenden Essen und Trinken in den Zug gereicht. Weil die Strecke zum Teil eingleisig war, musste vielfach auf Ausweichstellen gehalten werden, erzählt Uthoff.
Fahrt in eine ungewisse Zukunft: Die Atmosphäre im Zug erlebte der Fotograf Uthoff als "gedämpft, voller verborgener Ängste und gleichzeitig voller Erwartungen".
Hüter der Pässe: Nach der Abfahrt wurden zunächst alle Ausweise eingesammelt. Uthoff erinnert sich, wie einer der Männer schnell und verlegen seinen Pass küsste, bevor er ihn abgab. "Für mich war es ein Kuss voller Hoffnung", so der Fotograf.
Mit dem Bummelzug Richtung Almanya: Schuhputzer wie dieser Mann boten ihre Dienste an, wenn der Zug unterwegs hielt.
Herr der Gleise: Ein türkischer Bahnhofsvorsteher posiert für die Kamera.
Ankunft in Deutschland: In Dortmund stiegen die Männer aus dem Zug, eine Delegation des Bochumer Vereins für Gussstahlproduktion AG nahm die Gastarbeiter in Empfang und brachte sie zu ihren Unterkünften. Was aus den jungen Menschen von damals geworden ist, weiß Uthoff nicht - anders ist es bei der "Pardon"-Leserin im weißen Kleid auf dem Foto: Sie sah die Aufnahme von 1964 in einer Ausstellung, erkannte sich wieder und kontaktierte den Fotografen.
Das deutsche Wirtschaftswunder mit angekurbelt: Die türkischen Arbeitsmigranten nach ihrer Ankunft im Ruhrgebiet. Mit seinen Aufnahmen von 1964 möchte Fotograf Uthoff an ihren Beitrag zum deutschen Wirtschaftsboom nach dem Krieg erinnern. Zwischen 1961 und 1973 wurden...
...rund 640.000 Türkinnen und Türken angeworben. Laut Migrationsforscherin Karin Hunn entsprach dies rund 70 Prozent aller in diesem Zeitraum auf legalem Weg in die Bundesrepublik eingereisten türkischen Arbeitskräfte.