TV-Propagandaschlacht - DER SPIEGEL
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TV-Propagandaschlacht Mit dem Westen sah man besser

Machtkampf per Flimmerkiste: Mitte der siebziger Jahre sendeten die Finnen Westfernsehen nach Estland. "Star Wars", "Dallas" und kapitalistische Kochsendungen sollten den Kommunismus erschüttern. Die Sowjets schlugen mit grauer Propaganda zurück - dann zündete der Westen die Sexbombe.
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Ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht: Vor allem bei der estnischen Jugend war die Serie um das sprechende Wunderauto enorm beliebt. Kurz nachdem "Knight Rider" im Fernsehen angelaufen war, konnte man in den Straßen Tallinns überall Kinder sehen, die vor ausländischen Autos standen und in ihre Uhren sprachen.

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Inspiration für die Jugend: Noch Tage, nachdem "Star Wars" im finnischen Fernsehen gelaufen war, zierten unzählige, mit Kreide gemalte Raumschiffe die Bürgersteige Tallinns.

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Am 24. Juli 1987 strahlte das finnische Fernsehen den Erotik-Streifen "Emanuelle" aus. Wer konnte und Freunde oder Verwandte in Tallinn hatte, fuhr an diesem Tag hoch in den Norden. Kolonnen von Ladas und Moskwitschs machten sich auf in Richtung Hauptstadt und bevölkerten dort die Straßen und Parkplätze, als würde ein gigantisches Festival abgehalten werden. Denn nur in Tallinn und den nördlichen Gegenden Estlands war das Signal der finnischen Sendemasten stark genug, um Westfernsehen zu empfangen.

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Hagi Shein, rechts, Generaldirektor des Öffentlichen Fernsehens in Estland, leitete 1972 eine Delegation estnischer Soziologen, die auf Geheiß von Moskau in Tallinn die Auswirkungen des finnischen Fernsehens auf die Bevölkerung untersuchen sollten.

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Ein Seitenhieb auf das kommunistische System war auch die Ausstrahlung des Films "Ninotschka" mit Greta Garbo und Melvyn Douglas von 1939 im finnischen Fernsehen. Eine linientreue Kommunistin verliebt sich darin in einen französischen Adeligen - und die Annehmlichkeiten des Kapitalismus: "Ich wurde mit Ziegenmilch und Vodka aufgezogen", erklärt sie dem Grafen, als der ihr das erste Glas Champagner reicht. Dann trinkt sie und genießt, woraufhin der Graf erwidert: "From goats (Ziegen) to grapes (Trauben) - that's drinking in the right direction."

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Dieser Cartoon mit dem Titel "Radio-Arbeit" erschien am 24. Januar 1970 in einer estnischen Zeitung und gehörte zu der sowjetischen Propaganda-Kampagne gegen die täglichen US-Rundfunksendungen im Äther des baltischen Staates. Gegen die Radiowellen halfen Hunderte Störsender, die die Sowjets in Estland installiert hatten - gegen die Fernsehsendungen aus Finnland jedoch waren sie machtlos.

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Der moskautreue Politiker Karl Vaino (links, undatierte Aufnahme) übernahm 1978 das Amt des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Estlands - und strebte in dieser Position, ganz im Sinne des Kreml, eine Russifizierung der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik an. Die finnischen Übertragungen waren ihm deswegen ein Dorn im Auge - er forcierte alle möglichen Gegenmaßnahmen, auch ein gigantisches Unterwassernetzwerk von Störsendern im Golf von Finnland.

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Selbstporträt des Dokumentarfilmers Jaak Kilmi. Er lebte zur Zeit des Propagandakrieges in Tallinn und verarbeitete seine Eindrücke jetzt in der Dokumentation "Disco And Atomic War".

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Wenn "Dallas" lief, war das im Elternhaus von Jaak Kilmi, dem Regisseur von "Disco And Atomic War", immer ein Großereignis, dem die ganze Familie beiwohnte.

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Der Golf von Finnland: Die Esten sendeten die graue Sowjet-Propaganda gen Westen, die Finnen schickten den Segen Hollywoods zurück nach Estland. Bereits in den siebziger Jahren war Estland zu einem Riss im Eisernen Vorhang geworden, durch den unablässig die Popkultur des Westens sickerte.

Foto: Disco & Atomic War
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Versammlung vor dem Fernseher: Häufig scharte sich die ganze Verwandschaft sowie Nachbarn um jenes TV-Gerät, dass so modifiziert worden war, dass es finnisches Fernsehen empfangen konnte. Wer in Estland einen Lötkolben halten und einen Schaltplan lesen konnte, verdiente sich ein Zubrot mit der Hinterhofproduktion von Antennen oder den sogenannten finnischen Blocks: Decodern, die das in Europa verwendete PAL-Signal auch auf den in der UdSSR verwendeten Secam-Fernsehern in Farbe sichtbar und den Ton hörbar machten.

Foto: Disco & Atomic War
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Der Mast des Anstoßes: Zwei Jahre nach den Esten gründeten die Finnen ihr eigenes Staatsfernsehen und errichteten 1971 einen 350 Meter hohen Sendemast, der groß genug war, die Verheißungen der kapitalistischen Kultur bis weit hinein nach Estland zu schicken. Die Sowjets zürnten: In einer großen estischen Tageszeitung bezichtigte ein Artikel die finnische Regierung, nur eine Marionette der amerikanischen Geheimdienste zu sein und die estische Jugend mit Hilfe von brutalen und anzüglichen Fernsehsendungen entmenschlichen zu wollen.

Foto: Disco & Atomic War
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Beinparade: Weil das finnische Fernsehen bei den Esten immer beliebter wurde, brütete man in der politischen Führung Estlands über mögliche Gegenkonzepte. Nur mit Müh und Not konnten die Verantwortlichen des estischen Staatsfernsehens die politische Führung davon abhalten, im Golf von Finnland ein gigantisches Netz von Störsendern auszulegen. Auch der Ansatz, sich in die finnischen Übertragungen einzuklinken, estische Untertitel mitzusenden und auf diesem Wege zweifelhafte Botschaften an die Zuschauer zu verhindern, wurde verworfen. Man verständigte sich auf eine andere Lösung. Statt das finnische TV auszuschalten, wollte man die Finnen mit ihren eigenen Mitteln schlagen: In aufwändig produzierten Sendungen über hellerleuchtete Kaufhäuser oder vermeintlich glamouröse Modenschauen...

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... sollte ihnen gezeigt werden, wie toll das Leben in Estland sei. Und tatsächlich erfreuten sich diese Sendungen bei den Finnen alsbald großer Beliebtheit, allerdings nicht im Sinne ihrer Erfinder: Wegen ihrer unfreiwilligen Komik wurden sie im finnischen Fernsehen auf die Schippe genommen.

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Allein die Werbung im finnischen TV muss zersetzende Wirkung gehabt haben. In Tallinn stürmten jeden Morgen die Kunden in die Läden, um Lebensmittel zu ergattern, bevor diese nach wenigen Minuten ausverkauft waren. In Finnland gab es "Mr. Väiski", einen fiktiven Koch: Der wandelte an Frische-Theken vorbei, hinter denen sich die feinsten Fleischsorten stapelten, als sei es ein kapitalistisches Schlaraffenland. Er bereitete erlesene Speisen zu, bewarb gute Weine. Dass die estnische Propaganda behauptete, es handele sich dabei um Attrappen aus Plastik, half da wenig.

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Trabantenstadt in Tallinn: Bereits ein Jahr, nachdem Finnland auch für die Esten funkte, war auf den Dächern Tallinns ein Wald von Fernsehantennen gewachsen. Sie alle waren gen Westen gerichtet - auf den finnischen Sendemast.

Foto: Disco & Atomic War
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