Ullrich-Karriere Wunderkind mit Höhen und Tiefen
Jung und alt: Jan Ullrich war gerade 22-jährig, als er im Trikot des Teams Telekom bei der Tour de France debütierte. Hinter ihm lag der WM-Titel bei den Amateuren, vor ihm eine der größten Erfolgsgeschichten des deutschen Sports - und der dänische Kapitän Bjarne Riis. Ullrich gewann das abschließende Zeitfahren, Riis die Gesamtwertung. Der ehemalige Masseur Jef D'hont sagt: "Ullrich hätte schon damals gewinnen können."
Wunder der Natur: Jan Ullrichs körperliche Voraussetzungen für den Radsport sorgten schon früh für Staunen. 1,2 Liter Herzvolumen und ein Ruhepuls von 30 bis 35 Schlägen, dazu ein Lungenvolumen von sechs Litern sorgen dafür, dass der junge Deutsche beim Stufentest unglaubliche 500 Watt treten kann, mehr als doppelt so viel wie der Normalbürger.
Der erste Sieg: So verwundert es niemanden, dass Ullrich 1997 die Tour de France gewinnt (auf dem Bild erreicht er - schon in Gelb - Courchevel als Tageszweiter hinter dem Franzosen Richard Virenque). In Andorra Arcalis war Ullrich ins Maillot Jaune gefahren, nachdem er von seinem Kapitän Riis die Erlaubnis geholt hatte. Die französischen Zeitungen feiern den 23-Jährigen als neuen "Patron", sie erwarten eine Siegesserie für die Zukunft, wie sie davor zuletzt der Spanier Miguel Indurain (fünf Erfolge) vorgelegt hatte.
Der nächste Titel: Ullrich wird im Dezember 1997 Deutschlands "Sportler des Jahres". In der Heimat ist ein beispielloser "Ulle"-Hype ausgebrochen, der erste Deutsche, der die Tour gewann, sorgt für Hysterie.
Telekom-Express: Der deutsche Rennstall, der 1996 und 1997 den Toursieger und mit Erik Zabel den besten Sprinter stellt, erwirbt sich im Feld großen Respekt. Mit dabei zu dieser Zeit unter anderem: Jens Heppner, Christian Henn und Udo Bölts, die für Ullrich die Arbeit im Wind oder in den Bergen machen. Nach den Aufzeichnungen von Ex-Masseur D'hont wurden die Erfolge 1996 nur unter Zuhilfenahme von massivem Doping erzielt.
Absturz: 1998 folgt der erste Rückschlag für Ullrich. Nachdem es lange nach einer Verteidigung des Gelben Trikots aussah, erlitt der neue Telekom-Kapitän auf der Etappe nach Les Deux Alpes seinen legendären "Hungerast" und verlor mehr als acht Minuten auf den Sieger Marco Pantani. Der Italiener ließ sich das Maillot Jaune nicht mehr nehmen, am nächsten Tag ...
... lieferten sich beide ein fantastisches Duell in Richtung Albertville, das am Ende Ullrich gewann. Für Pantani wurde das Jahr zum besten seiner Karriere, er gewann zuvor den Giro d'Italia. "Elefantino" aus Cesenatico wurde sechs Jahre später mit einer Überdosis Kokain in einem Hotelzimmer in Rimini tot aufgefunden.
Kompensation: 1999 hielt sich der mittlerweile 25-Jährige bei der Spanienrundfahrt schadlos, nachdem er die Tour nach einem Sturz bei der Deutschland Tour verpasste. Ullrich lieferte sich ein spannendes Duell mit den Spaniern Igor Gonzáles de Galdeano und José María Jiménez und gewann am Ende dank seiner überlegenen Form am Berg souverän. Dies sorgte für weiter steigende Popularitätswerte.
Weiter Zweiter: Ab 2000 hieß der neue große Gegenspieler Ullrichs Lance Armstrong, ein von Hodenkrebs genesener früherer Eintagesspezialist, der plötzlich die Tour dominiert. Armstrong, der im Jahr von Ullrichs Amateur-WM-Titel 1993 Profiweltmeister wurde, beherrscht die Große Schleife durch überragende Zeitfahrfähigkeiten und überraschende Antritte am Berg. Ullrich kann nicht folgen und wird wieder Zweiter.
2000 bei der Expo in Hannover geriet der Auftritt des Radprofis zum Jubelbad.
Höhepunkt: Einer der größten Erfolge in der Karriere des Jan Ullrich war der Olympiasieg 2000 - den er nicht wie erwartet im Zeitfahren holte (dort wurde er Zweiter, vor Lance Armstrong), sondern im Straßenrennen.
Stehaufmännchen: Die Tour, mittlerweile so etwas wie das Zentrum des Ullrich-Schaffens, endet erneut nur mit dem zweiten Platz hinter Dominator Armstrong. Auf der 13. Etappe von Foix nach Saint-Lary-Soulan stürzt der Telekom-Profi, verletzt sich aber nicht schwer. Nach der Enttäuschung, wieder an dem Amerikaner in Gelb gescheitert zu sein ...
... rehabilitiert sich Ullrich am Ende des Jahres mit seinem zweiten Zeitfahr-WM-Titel nach 1999. In Lissabon siegt er über 38,2 Kilometer. Zudem liegt Ullrich als erster Deutscher am Jahresende an der Spitze der Weltrangliste.
Wegbegleiter: Peter Becker (r.) holte den jungen Jan Ullrich nach der Wende nach Hamburg, wo das Talent in einer kargen Wohngemeinschaft lebte, aber viel Spaß hatte. Der langjährige Trainer Ullrichs wurde nach zwischenzeitlicher Trennung 2002 wieder Privatbetreuer des Radstars. Vom Team Telekom handelte sich Becker jedoch Kritik ein - der Arbeitgeber führte Ullrichs Kniebeschwerden auf die Trainingsarbeit des Coaches zurück.
Neuanfang: Nach dem Seuchenjahr 2002 (Unfall unter Alkoholeinfluss, sechsmonatige Dopingsperre wegen Ecstasy-Konsums, Trennung von Telekom) unterschreibt Ullrich 2003 beim neu gegründeten Team Coast des Unternehmers Dahms. Zur Tour de France tritt der Radstall wegen finanzieller Probleme nicht an, stattdessen fährt Ullrich für den Nachfolger "Bianchi" - und feiert ein beeindruckendes Comeback.
Er bleibt Serienchampion Lance Armstrong am Hinterrad - und wartet nach dessen Sturz auf der 15. Etappe nach Luz-Ardiden auf den Amerikaner. Das bringt ihm später einen Fairplay-Preis ein, den Sieg sichert sich aber am Ende wieder der US Postal-Mann, Ullrich landet aber ...
... trotz eines Sturzes beim letzten Zeitfahren nach Nantes nur 1:01 Minuten hinter Armstrong - und wird Gesamtzweiter. Ein Ergebnis, das sich wie ein Sieg anfühlt. Und das das T-Mobile-Team bewegt, dem verlorenen Sohn noch einmal eine Chance zu geben. 2004 ...
... kehrte Ullrich zurück nach Bonn, erstmal ohne, 2005 wieder mit seinem steten belgischen Begleiter und Freund Rudy Pevenage (hinten), der ihn jedoch privat zur Tour begleitete. 2006 sollte er bei Ullrichs Tour-Start eigentlich wieder offiziell mit an Bord sein, doch der Deutsche wurde (wie auch andere Favoriten wie Ivan Basso) kurz vor Start wegen einer angeblichen Verstrickung in die Affäre um den spanischen Arzt ...
... Eufemiano Fuentes disqualifiziert. Fuentes wird vorgeworfen, mehrere Radprofis mit Eigenblut gedopt zu haben.
Kritiker: Der Heidelberger Doping-Experte Professor Werner Franke sorgte für Aufsehen, als er aus den Akten der spanischen Ermittler zitierte. Zudem reichte er Klage gegen Ullrich ein, wider besseres Wissen eine eidesstattliche Erklärung abgegeben zu haben, dass er nichts mit dem Dopingskandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes zu tun habe.
Privates Glück: Seit 2006 ist Ullrich mit Sara Steinhauser verheiratet, sie ist die Schwester des Radprofis Tobias Steinhauser, der bester Freund des in Scherzingen (Schweiz) lebenden Deutschen ist.
Negativer Höhepunkt: Nach seinem Rücktritt, einem peinlichen Auftritt bei "Beckmann" und der Verkündung eines Engagements beim zweitklassigen Österreichischen Rennstall Volksbank bestätigte die Staatsanwaltschaft Bonn, dass die bei der Operacion Puerto beschlagnahmten Blutkonserven eindeutig Jan Ullrich zugeordnet worden seien.