Umstrittener Abenteurer Alain, allein
Umstrittener Abenteurer: Der französische Arzt Alain Bombard überquerte 1952 in 65 Tagen den Atlantik in einem Schlauchboot. Mit seinem verrückten Selbstexperiment wollte er beweisen, dass ein Schiffbrüchiger notfalls wochenlang auf hoher See überleben kann, wenn er moderate Mengen an Salzwasser, die ausgepressten Säfte aus dem Fleisch roher Fische und Vitamin-C-haltiges Plankton konsumiert. Bombards Ergebnisse wurden jedoch später von Wissenschaftlern in Frage gestellt und der Franzose sogar des Betrugs bezichtigt.
Allein: Wochenlang sah er kein Schiff, gegen die erdrückende Stille redete er manchmal mit sich selbst und fühlte sich danach noch schlechter. Sogar seinen 28. Geburtstag musste Alain Bombard allein auf hoher See begehen - kurz danach bekam er seine erste Depression.
"Ich fühle mich schrecklich einsam", gestand er in seinem Tagebuch. "Nichts zu sehen als das Meer. Als Anfänger in der Navigationskunst weiß ich nicht, wo ich bin; ich glaube nur, dass ich es weiß." Und an anderer Stelle: "Die echte Einsamkeit, sie bringt jeden Menschen um."
Der vierfache Bombard: Mit Selbstporträts dokumentierte Alain Bombard während seiner Atlantiküberquerung seine körperlichen Veränderungen. Akribisch notierte er seinen Puls sowie die Beschaffenheit seiner Haut, Haare, Nägel und Schleimhäute.
Während der Fahrt litt der Arzt unter blutigem Durchfall, Ödemen und Ausschlägen und nahm 25 Kilogramm ab. Den langwierigsten Schaden holte er sich aber an der Wirbelsäule, möglicherweise durch Kalkmangel aufgrund der einseitigen Fischdiät. Weil seine Wirbelsäule sein Gewicht nicht mehr tragen konnte, musste 1954 ein Stück von seinem Schienbein zwischen zwei Wirbelsäulenknochen gesetzt werden.
Ende der Harmonie: Alain Bombard und sein Begleiter Jack Palmer (links) im Sommer 1952 im marokkanischen Hafen Tanger. Von hier aus wollten die beiden eigentlich ihre Atlantiküberquerung mit Stopps in Casablanca und auf den Kanaren starten, doch Palmers Begeisterung für das Projekt ließ nach einem gescheiterten Test im Mittelmeer merklich nach.
Wütend hinterließ Bombard seinem Freund in der Hafenstadt Tanger eine kurze Notiz: "Ich fahre allein und habe so nur die Verantwortung für mich selbst zu tragen. Wer Erfolg haben will, muss daran glauben. Auf Wiedersehen, Jack. Alain."
Frankreichs Volksheld: Lange in seiner Heimat für seine ungewöhnlichen Theorien verspottet, wurde Alain Bombard am 15. Februar 1957 mit dem Kreuz der französischen Ehrenlegion ausgezeichnet, das seine Frau Ginette hier stolz den Fotografen präsentiert.
Unmittelbar vor seiner spektakulären Atlantiküberquerung 1952 war Bombard Vater geworden; sein Abenteuer ließ er sich trotzdem nicht ausreden. Er blieb ein paar Tage bei seinem Kind, flog dann nach Gran Canaria zurück und nahm wenig später in seinem winzigen Schlauchboot Kurs auf Amerika - zwei Monate musste seine Frau bangen, bis sie wusste, dass ihr Mann überlebt hatte.
Gescheiterte Testfahrt: Im Frühjahr 1952 probten Alain Bombard und sein langjähriger schottischer Freund Jack Palmer (links im Bild) den Ernstfall als freiwillige Schiffbrüchige. Von Monaco aus wollten sie das Mittelmeer durchqueren. Doch als die Männer tagelang keinen Fisch fingen, mussten sie ein vorbeifahrendes Schiff um Hilfe bitten - Bombards Experiment galt als gescheitert, sein wichtigster Sponsor sprang ab.
In sicheren Gewässern: Nach seiner Rückkehr war Alain Bombard in seiner Heimat ein gefragter Mann - hier rudert er 1953 bei einem Pressetermin gemeinsam mit dem französischen Schauspieler Jean Marais (links) in einem Boot über einen See im Pariser Park "Bois de Bologne".
Bombards Buch "Naufragé volontaire" (freiwilliger Schiffbrüchiger) verkaufte sich hunderttausendfach und wurde in viele Sprachen übersetzt. In Frankreich galt er als Umweltexperte und saß von 1981 bis 1994 als Abgeordneter der Sozialisten im Europaparlament. Bombard starb 2005 im Alter von 80 Jahren in Toulon.
Zwei Ärzte, zwei Meinungen: Der deutsche Arzt Hannes Lindemann wollte die Theorie seines französischen Kollegen Alain Bombard überprüfen, der Mensch könne notfalls wochenlang nur mit Salzwasser und den Säften aus rohen Fischen überleben. 1955 überquerte er in einem hölzernen Einbaum den Atlantik, ein Jahr später in einem Faltboot der Marke Klepper.
Danach war er sich sicher: Bombard hat betrogen. Denn ohne Süßwasserkonserven und Regenwasser hätte er, Lindemann, seine Reisen medizinisch nicht überstanden. Vom Salzwasserkonsum seien seine Füße angeschwollen; zudem habe er davon Ödeme bekommen. Und aus dem Fischfleisch konnte er - zumindest ohne eine Presse, die aber auch Bombard nicht hatte - so gut wie kein Wasser pressen. Er habe lediglich geringe Mengen Wasser aus Augen, Blut und Spinalflüssigkeit der Fische gewonnen. Lindemann behauptete zudem, Bombard habe heimlich große Mengen Frischwasser mitgenommen.
Aufbruch zum Abenteuer: Hannes Lindemann kurz vor seiner Abreise am 20. Oktober 1956 von Las Palmas, Gran Canaria. 72 Tage später kam er in einem Klepper-Faltboot auf der Karibikinsel St. Martin, die zu den Kleinen Antillen gehört, an.
Nach seiner spektakulären Atlantiküberquerung galt Lindemann unter Faltbootfahrern als Legende. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ließ die Erfahrungen aus seinen Selbstversuchen in ihre Empfehlungen für die Seefahrt einfließen.
Kraft der Moral: Trotz aller Differenzen teilte Hannes Lindemann zumindest in einem Punkt die Meinung Alain Bombards - auch der Deutsche war sich sicher, dass die Psyche ein entscheidender Faktor für das Überleben Schiffsbrüchiger sei. Als Anhänger des autogenen Trainings hämmerte er sich auch während der Atlantiküberquerung mantrahaft kurze Durchhalteparolen ein: "Ich schaffe es!", "Kurs West!", "Nicht aufgeben!" Später verfasste Lindemann einen Ratgeber für autogenes Training.
Seebär: Der gebürtige Hamburger Hannes Lindemann auf einem Selbstporträt während seiner Atlantiküberquerung in einem Faltboot im Jahr 1956.
Treffen in Gabun: Als Arzt hatte Hannes Lindemann (rechts) jahrelang in Afrika gearbeitet; in Liberia baute er sich seinen hölzernen Einbaum, mit dem er 1955 erstmals über den Atlantik fuhr. Das Foto von 1959 zeigt den Deutschen zusammen mit dem Theologen und Pazifisten Albert Schweitzer in Gabun.
Der Ketzer: Alain Bombard 1952 in seinem nur sechs Meter langen Schlauchboot "L'Heretique". Der Name seines Bootes, "Der Ketzer", war programmatisch gemeint - Bombard wollte unbedingt den Spöttern und zweifelnden Wissenschaftlern beweisen, dass er mit seiner Theorie recht hatte. Besonders seine These, ein Schiffsbrüchiger könne täglich bis zu 900 Gramm Salzwasser konsumieren, hatte für viel Aufregung und Empörung gesorgt.
Angst vor der Angst: Alain Bombard glaubte, dass die Verzweiflung und Angst einen Schiffsbrüchigen in vielen Fällen eher den Tod bringt als physische Faktoren. Dennoch befiel ihn selbst schon kurz nach seiner Abreise von Casablanca Richtung Gran Canaria ein ungutes Gefühl, wie er Mitte August 1952 in sein Tagebuch schrieb:
"Die Angst, oder zumindest eine tiefe Unruhe, lässt mich nicht mehr los. Solange ich die Küste zu meiner Linken sehe, habe ich Selbstvertrauen, aber sobald ich zu meiner rechten in die Weite des Ozeans blicke, erschrecke ich vor seiner Unermesslichkeit."