Umstrittener Judenretter - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Umstrittener Judenretter Eichmanns Helfer, Eichmanns Feind

Wohltäter oder Kollaborateur? Im Auftrag der Nazis brachte der österreichische Jude Berthold Storfer Flüchtlinge nach Palästina und bewahrte nach eigenen Angaben mehr als 9000 Menschen vor dem Tod. Eine Biografie zeichnet nun das Bild eines umstrittenen Helden - der schließlich selbst in Auschwitz starb.
1 / 14

Verkannt? Berthold Storfer 1937 im tschechoslowakischen Kurort Karlsbad. 1880 in Czernowitz (Bukowina) als Spross einer jüdischen Familie geboren, konvertierte Storfer in der Zwischenkriegszeit kurzfristig zum Protestantismus, beschrieb sich später jedoch wieder als "mosaisch". Vor dem "Anschluss" Österreichs besaß Storfer eine erfolgreiche Privatbank - die 1938 liquidiert wurde.

Durch seinen direkten und indirekten Einsatz konnten insgesamt 9096 jüdische Flüchtlinge das Deutsche Reich in Richtung Palästina verlassen. Der polnische Jude und Historiker Arno Lustiger bezeichnete Storfer als "Helden", dessen tausendfache Rettungstaten bis heute totgeschwiegen würden - und spricht sich dafür aus, ihn als Gerechten in Jad Vaschem zu ehren.

Foto: © privat
2 / 14

"Zentralstelle für jüdische Auswanderung": Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde im August desselben Jahres in dem Palais des Freiherrn Louis von Rothschild in der Prinz-Eugen-Straße 20-22 (damals Heugasse 26) im 4. Wiener Gemeindebezirk die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" eingerichtet. Erster Chef war Adolf Eichmann.

Ziel war es, die Juden so schnell und effizient wie möglich aus Österreich zu verjagen. Bevor sie das Land verließen, mussten die Juden eine Reihe diskriminierender Steuern zahlen. Die Bankkonten der Flüchtlinge wurden gesperrt - das Geld floss in die Staatskassen (Foto von 1906, das Gebäude wurde 1955 abgerissen).

3 / 14

"Am gleichen Strang gezogen": Holocaust-Organisator Adolf Eichmann (hier bei der Verhandlung vor dem Jerusalemer Gericht 1961) besuchte Berthold Storfer 1944 im Vernichtungslager Auschwitz - was er später vor Gericht als humanen Akt darstellte. Gern sei er der Bitte Storfers gefolgt, nach Auschwitz zu reisen, schließlich hätten beide jahrelang am gleichen "Strang gezogen", so Eichmann. Außerdem...

Foto: Getty Images
4 / 14

...gab Adolf Eichmann zu Protokoll, dass er Storfer das Privileg ermöglicht habe, statt der schweren Arbeit im KZ die Kieswege vor der Kommandantur zu säubern. Storfer sei über Eichmanns Angebot "sehr erfreut" gewesen.

Eichmann am 12. April 1961 in einer Zelle im Jerusalemer Gefängnis.

Foto: Central Press / Getty Images
5 / 14

Eingepfercht: Dicht gedrängt stehen die Flüchtlinge auf dem Bug der "Atlantic". Den Holzschnitt fertigte der jüdische Flüchtling Peretz Mayer an, der selbst an Bord des Hochseedampfers nach Palästina flüchtete. Die "Atlantic"...

Foto: © privat
6 / 14

...stach am 7. Oktober 1940 mit 1829 Flüchtlingen vom rumänischen Tulcea aus in See. Sofort nach der Abreise fuhr sie - vermutlich wegen eines betrunkenen Lotsen - auf eine Sandbank. Zudem brach während der Fahrt eine Typhusepidemie aus, 15 Menschen starben. Als die Kohlen knapp wurden,...

Foto: © privat
7 / 14

...verfeuerte die Besatzung fast alle brennbaren Gegenstände an Bord, am Ende der Reise glich das Schiff einem eisernen Skelett. Als die Flüchtlinge der "Atlantic" am 24. November 1940 endlich in der Bucht von Haifa ankamen, durften sie nicht an Land, sondern wurden nach Mauritius deportiert beziehungsweise in einem Internierungslager bei Haifa eingesperrt. Der Grund: 1939 hatte die britische Mandatsmacht in Palästina die jüdische Einwanderung drastisch reduziert.

Foto: © privat
8 / 14

Ankunft in Haifa: Nachdem sie von den Briten nach Mauritius deportiert worden waren, erreichen diese jüdischen Flüchtlinge an Bord der "S.S. Frankonia" am 26. März 1945 den Hafen von Haifa im britischen Mandatsgebiet Palästina. Auch wenn die britische Regierung ihnen lange die Einreise untersagt hatte, war es für die das "gelobte Land", aus dem später der Staat Israel werden sollte. Einer von ihnen schwenkt bereits die blau-weiße Flagge mit dem Davidstern.

Foto: Getty Images
9 / 14

Alibikonferenz: Am 6. Juli 1938 eröffnete der US-amerikanische Verhandlungsleiter Myron Taylor (Foto) die internationale Flüchtlingskonferenz im französischen Evian-les-Bains. Neun Tage lang diskutierten Delegierte aus 32 Nationen über die Regelung von Einwanderungsquoten von Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschland in andere Länder.

Doch geriet die Konferenz zum Fiasko und ging es den Anwesenden, so Historikerin Anderl, vor allem darum, das eigene Gewissen zu beruhigen: Von den 32 teilnehmenden Staaten erklärte sich einzig die Dominikanische Republik bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. An den Verhandlungen nahm auch der österreichische Jude Berthold Storfer teil.

Foto: AP
10 / 14

Zensierte Kommunikation: Umschlag eines Briefes an Berthold Storfer, der auf der Rückseite deutlich den Stempel der Zensurstelle des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) zeigt. Storfers Korrespondenz unterlag einer rigiden Zensur durch die NS-Stellen - was den sachlichen Ton der von der österreichischen Historikerin Gabriele Anderl ausgewerteten Schriftzeugnisse erklärt. Private Stellungnahmen fehlen ebenso wie Passagen, die Aufschluss über die Motivation Storfers geben könnten.

Foto: IKG Wien
11 / 14

Gestrandet: Das Flüchtlingsschiff "Parita" war am 13. Juli 1939 von Rumänien aus in See gestochen - nach wochenlanger Irrfahrt wurden die mehr als 800 jüdischen Passagiere von den Engländern in ein Lager bei Haifa abtransportiert.

12 / 14

Mit letzter Kraft an Land: Mitglieder der zionistischen Untergrundorganisation "Hagana" bringen jüdische Flüchtlinge, die mit dem umgebauten Viehtransporter "Parita" vor Tel Aviv gestrandet sind, an Land.

13 / 14

Der Reisepass von Karl Drill mit Datum vom 22. Februar 1939. Notiert wurden unter anderem die Merkmale: "Gestalt: groß, Gesicht: rund". Mit diesem Ausweis gelangte der jüdische Flüchtling mit Berthold Storfers großem Transport nach Palästina - und wurde von dort durch die britische Mandatsmacht nach Mauritius verfrachtet.

Foto: © privat
14 / 14

Letzte Hoffnung "Rositta": Eine Postkarte des Dampfers "Rositta" (hier "Rizitta" genannt), verschickt aus Griechenland am 12. Juli 1940. Nachdem die von Storfer organisierten Schiffe "Atlantic", "Pazifik" und "Milos" Anfang Oktober 1940 mit mehr als 3500 Flüchtlingen in See gestochen waren, plante Berthold Storfer, weitere tausend Juden an Bord der "Rositta" nach Palästina zu bringen. Doch kam es nicht mehr zu diesem Transport: Ab Herbst 1941 verbot Heinrich Himmler jegliche jüdische Emigration.

Foto: IKG Wien
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?