Unsinns-Synchronisationen - DER SPIEGEL
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Unsinns-Synchronisationen Hör mal, was der spricht!

Recycling statt Regiestuhl: 1981 startete Woody Allens Erstling "What's Up, Tiger Lily?" in Deutschland. Selbst gedreht hatte er ihn nicht, sondern einen japanischen Agentenfilm völlig irre synchronisiert. Das Werk floppte. Dann machten "Star Trek"-Fans die Masche zum Internetkult.
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Falscher Tiger: Auch wenn das in ein Tigerkostüm gezwängte Playmate China Lee auf dem Plakat zu Woody Allens Debütfilm von 1966 suggerierte, sie sei die titelgebende "Tiger Lily" - tatsächlich erschien Lee nur in einer kurzen Striptease-Szene am Ende des Films. Mit dem Rest der Handlung hatte die nicht das Geringste zu tun.

Der Erfolg der absurden Komödie hielt sich in Grenzen: Erst 15 Jahre später, am 16. Dezember 1981, erschien er auch in deutschen Kinos.

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In kulinarischer Mission: Ursprünglich ging es in dem Film, der in Japan unter dem Titel "Kagi No Kagi" (Schlüssel der Schlüssel) lief, um den Diebstahl von Mikrofilmen, die ein Geheimagent wiederbeschaffen muss. Doch in Woody Allens Neusynchronisation "What's Up, Tiger Lily?" wurde daraus ein Nonsens-Streifen um den Agenten Phil Moskowitz (gespielt von Tatsuya Mihashi, r.), der das Rezept für einen Eiersalat aufspüren soll.

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Doppelzüngiger Trash: Ähnlich wie Woody Allen griffen viele kommerzielle Falschsynchronisations-Komödien auf asiatische B-Movies zurück, deren Rechte sie für wenig Geld erwarben. Das US-Trashfilmstudio Troma Entertainment etwa machte 1982 aus einem indonesischen Kickboxfilm durch Neuvertonung ein Trashfest um Elvis-Imitatoren und eine Samenleiter-OP.

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Sprüche von den billigen Plätzen: Eine Variation des Falschsynchronisierens, das durch "What's Up, Tiger Lily?" bekannt wurde, bot die Fernsehserie "Mystery Science Theatre 3000", kurz "MST3K", die von 1988 bis 1999 im US-Fernsehen lief. Anstatt die Originaltonspur zu löschen, wurde in ihr "Riffing" angewandt - das improvisierte Sprechen von Zuschauern über die Originaltonspur eines Films, während er vorgeführt wird.

In der Serie wurden ein von seinen Arbeitgebern ins All verbannte Mann und seine Roboterfreunde gezwungen, sich auf ihrer Raumstation schlechte Filme anzusehen - die sie mit improvisierten Witzen und Dialogzeilen auf die Schippe namen. Meist waren dies B-Movies wie der britische Godzilla-Abklatsch "Gorgo" von 1961, die ohnehin kaum ernstzunehmen waren. Erst durch die Kommentare der Sprecher wurden aus den Trash-Filmen oft wieder unterhaltsame Komödien.

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Sonnendämon auf Tour: Oft war es erstaunlich, wie aus ohnehin schon unfassbar trashigen Vorlagen durch Neusynchronisation noch absurdere Streifen enstanden - wie im Fall des Horrorfilms "The Hideous Sun Demon" von 1959. In ihm verwandelte sich ein Wissenschaftler nach einem Strahlungsunfall in ein Monster, sobald er der Sonne ausgesetzt wurde.

Die Neusynchronisation "What's Up, Hideous Sun Demon" von 1983 - auch bekannt als "Hideous Sun Demon - Special Edition" - machte daraus einen Streifen über das Opfer eines verunreinigten Kosmetikprodukts.

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Ein Prosit der Gemütlichkeit: Mitte der Neunziger begannen Amateure, Woody Allens Prinzip der Falschsynchronisation zu nutzen - für sogenannte "Fansynchros", bzw. "Fandubs".

Eine der ersten, stilprägenden Fansynchros war die "Star Trek"-Persiflage "Sinnlos im Weltraum". Sie drehte die Charaktere der Originalserie komplett auf den Kopf: Statt Earl Grey trinkt Captain Jean-Luc Picard hier nur Hochprozentiges - und nötigt seine Crew, das Trinklied "Wir saufen, bis wir umfall'n!" mit ihm anzustimmen.

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Pazifisten-Rambo: Eigentlich ging es in dem frühen Sylvester-Stallone-Streifen "No Place To Hide" von 1970 um eine Studentengruppe, die Bombenanschläge plant.

Doch unverwendetes Filmmaterial wurde neu synchronisiert und 1990 als Komödie "A Man Called... Rainbo" veröffentlicht, die sich über den Kriegsfilm "Rambo" lustig machte. Stallone desertiert hier bei seinem Vietnam-Einsatz, kehrt in die USA zurück und schließt sich dort einer Gruppe kommunistischer Hippies an.

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Intellektueller Schlagabtausch: Ein Kung-Fu-Film als Kapitalismuskritik? Die marxistisch orientierte französische Künstlergruppe der "Situationistischen Internationale" synchronisierte tatsächlich 1973 einen Kampfsportfilm mit Texten, die vom Kampf des Proletariats gegen eine übermächtige Bürokratie erzählen. Das Ergebnis: Grimmige Kung-Fu-Kämpfer, die sich vor der Entfremdung ihrer Arbeit fürchten.

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Abgespaced: Die Komödie "Don't Ask Don't Tell" erzählte 2002 von Außerirdischen, die planen, die gesamte Menschheit homosexuell zu machen. Der Streifen bestand aus neu vertontem Material des Science-Fiction-B-Movies "Killers From Space" aus dem Jahr 1954.

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Die dunkle Seite der Wirtschaftsmacht: 2007 griff auch die Werbebranche auf die wachsende Populärität falsch synchronisierter Fandub-Filme im Netz zurück: Mit dem viralen Werbeclip "Virales Marketing im Todesstern Stuttgart", der eine Szene aus dem ersten "Star Wars"-Film neuvertonte - zu einer Vorstandskonferenz von Mercedes-Benz auf der Suche nach neuen Werbestrategien. Auf schwäbisch.

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Humoristischer Tiefschlag: Eines der jüngsten Beispiele für bewusst falsch vertonte Kinofilme lieferte 2002 der US-Komiker Steve Oedekerk mit seinem Kung-Fu-Klamauk "Kung Pow! Enter the Fist". Darin kämpfte Oedekerk mit einem Nunchaku aus Erdhörnchen gegen fernöstliche Kämpfer, Bikini-Badenixen - und eine Karate-Tritte austeilende Kuh.

Der Film basierte auf neu synchronisiertem Material des Hong-Kong-Kampfsportfilms "Tiger & Crane Fists" von 1976, in das Oedekerk und andere Figuren nachträglich hineinmontiert worden waren.

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Schwammige Sache: Bereits im Original war das Schwammtaucher-Drama "Beneath the 12-Mile Reef" aus dem Jahr 1953 - hier eine Szene mit den Hauptdarstellern Robert Wagner und Terry Moore - kein Glanzstück der Filmkunst. Der Film inszenierte ein Familiendrama und eine Liebesgeschichte - rund um das Thema "Schwammtauchen".

Doch die 1985 ausgestrahlte Fernsehserie "Mad Movies with the L.A. Connection" schaffte es, mit neuen Dialogen noch mehr Trash in den Streifen zu quetschen. Plötzlich verehrt der Protagonist seine Nebenfiguren für ihre formschönen Schatten und Schnurrbärte - und nimmt sich vor, nur noch in einem Klavier zu schlafen.

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Foto: AP
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Spiel mit dem Medium: Bereits im Original war die von 1986 bis 1989 ausgestrahlte japanische Gameshow "Takeshi's Castle" mehr als schräg. Der bekannte japanische Schauspieler und Regisseur Takeshi Kitano ("Hana-Bi") erschien darin verkleidet als Graf Takeshi, dessen Festung von den Kandidaten erobert werden soll. Die wurden jedoch durch verschiedenste Fallen vom Erreichen ihres Ziels abgehalten.

Von 2003 bis 2007 wurde die Sendung auch im US-Fernsehen ausgestrahlt - allerdings unter neuem Titel "MXC" - und mit einer neuen, absurden Synchronspur unterlegt. Kitano, hier rechts im Bild, hieß plötzlich Vic Romano und bekam es mit mit abwegigen Kandidatenteams zu tun - wie in dieser Folge, in der Superhelden gegen Myspace-Mitarbeiter antraten.

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Im falschen Film gelandet:1982 eiferte Regisseur Carl Reiner Woody Allens Synchronisationsverfahren nach - und ließ den Komiker Steve Martin in Ausschnitte aus etlichen Klassikern des Film Noir hineinmontieren, die er zu einer völlig neuen Handlung zusammenschnitt. Alles, was im Film Noir Rang und Namen hatte, tritt hier auf - selbst Humphrey Bogart gibt den Mentor Steve Martins. Die Komödie "Tote tragen keine Karos" zählt heute zu den kommerziell erfolgreichsten ihrer Machart.

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Drogenkultur im Auenland: Eines der ersten deutschen Fandub-Projekte, die versuchten, dem Erfolg von "Sinnlos im Weltraum" nachzueifern, war "Lord of the Weed - Sinnlos in Mittelerde". Durch Neuvertonung hatten Amateure hier aus Peter Jacksons "Der Herr der Ringe - Die Gefährten" aus dem Jahr 2001 ein Stoner-Movie gemacht: Zauberer Gandalf - rechts, gespielt von Ian McKellen - ist hier ein Dauerkiffer, der über ein Subwoofer-System in seinem Pferdekarren dröhnende Techno-Beats hört.

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Gute Nacht, Verstand: Das Original von "Night of the Living Dead" aus dem Jahr 1968 war eigentlich alles andere als lustig - Amerika wurde darin von menschenfressenden Zombies heimgesucht.

Aus dem Horrorschocker wurde 1991 der Film mit dem wohl längsten Titel aller Neusynchronisations-Komödien: "Night of the Day of the Dawn of the Son of the Bride of the Return of the Revenge of the Terror of the Attack of the Evil, Mutant, Alien, Flesh Eating, Hellbound, Zombified Living Dead Part 2: In Shocking 2-D".

Foto: ddp images
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Unsinn im Armani-Sakko: Inzwischen existieren etliche deutsche Fandub-Projekte zu verschiedensten Filmen und Fernsehserien, die über das Internet verbreitet werden - etwa die "Miami Vice"-Satire "Vielleicht mit Kümmel". In ihr plagen sich die neu synchronisierten Drogenfahnder Crockett und Tubbs - Don Johnson, links, und Philip Michael Thomas - mit monoton sprechenden FBI-Androiden herum und bemühen sich, Tubbs Nichte im Pornogeschäft unterzubringen.

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Lacher im Lendenschurz: Ein mögliches Vorbild für Woody Allens "What's Up, Tiger Lily?" ist die Fernsehserie "Fractured Flickers", die von 1963 bis 1964 im US-Fernsehen lief. In ihr wurden, moderiert vom TV-Komiker Hans Conried, alte Stummfilme mit klamaukigen neuen Texten vertont. So verwandelte sich etwa ein Stummfilm-Tarzan in einen gackernden, geistig minderbemittelten Clown.

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Erste Schritte einer Regielegende: Als Henry Saperstein, der Produzent von "What's Up, Tiger Lily?", sich dafür entschied, mit Woody Allen zusammenzuarbeiten, war der als Regisseur noch ein unbeschriebenes Blatt. Allen hatte sich jedoch einen Namen als Stand-up-Comedian und Gagschreiber für Fernsehshows gemacht - und 1965 als Schauspieler und Drehbuchautor an der erfolgreichen Komödie "What's New, Pussycat?" mitgewirkt. Um von dem Erfolg des Films zu profitieren, wurde "What's Up, Tiger Lily?" bewusst ähnlich betitelt.

Foto: AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?