Urvater der Hacker-Szene Genie und Hörsinn
Glücksrad: Für den blinden Josef Engressia wurde das Drehscheibentelefon seines Elternhauses schon in jungen Jahren zu seinem besten Freund: Er liebte es, den verschiedenen Geräuschen im Telefonnetz zuzuhören und wildfremde Menschen anzurufen. Schon als Vierjähriger entdeckte er, dass er durch rhythmisches Klicken mit der Telefongabel Telefonnummern wählen konnte.
Vor Glück Blasen werfen: Foto von Joybubbles, der 1949 als Josef Carl Egressia Jr. geboren wurde und im Alter von sieben Jahren lernte, Telefone durch sein Pfeifen zu manipulieren. Er wurde zum Urvater der "Phone Phreak"-Bewegung, die Schwachstellen von Telefonnetzen ausspionierte und so als Vorreiter für die Hacker-Szene fungierte. 1991 ließ Josef Carl Engressia Jr. seinen Namen amtlich in "Joybubbles" ändern - er wollte seine Kindheit nachholen.
Das letzte Stündchen der Handvermittlung: Diese seltsame Maschine, der "Strowger Switch", war das erste Gerät zur automatischen Gesprächsvermittlung. Er beendete das Zeitalter der manuellen Verbindungsherstellung durch Telefonvermittler - und machte die Maschinen-Manipulationen der "Phone Phreaks" erst möglich. Das Gerät war 1889 von dem Bestattungsunternehmer Almon Strowger entwickelt worden - angeblich, weil die Ehefrau eines konkurrierenden Bestattungsunternehmers in der örtlichen Vermittlungszentrale arbeitete und Anfragen nach Bestattungen grundsätzlich zu ihrem Mann durchstellte.
Mutterglocke: In den Sechzigern und Siebzigern lieferten sich die Phone Phreaks ein Katz- und Maus-Spiel mit "Bell System", der Organisation, die damals praktisch ein Monopol auf die Telefonkommunikation in den USA hatte. Die Phreaks erdachten immer neue Tricks, um die Gebührenabrechungsmechanismen zu umgehen.
Tote Leitung: Das amerikanische Hackermagazin "2600 - The Hacker Quarterly" benannte sich bei seiner Gründung 1984 nach dem 2600-Hertz-Pfeifton, mit dem Josef Engressia alias Joybubbles 1956 gelernt hatte, das Telefonnetz zu manipulieren und kostenlose Telefonate zu führen. Bis heute beschäftigt es sich sowohl mit dem Hacken von Computern als auch mit dem "Phone Phreaking", wie man an diesem Cover aus dem Frühjahr 2008 sieht.
Erfinder der "Blue Box": Der Vietnamkriegsveteran John Draper hatte es schon in den sechziger Jahren während seiner Zeit bei der U.S. Air Force mit Tricks seinen Kameraden ermöglicht, kostenlos nach Hause zu telefonieren. Nach dem Krieg erfand er die "Blue Box", ein Gerät, das die Geräusche reproduzieren konnte, mit der die Telefongesellschaft Verbindungen herstellte.
Flockige Flöte: 1971 erhielt John Draper von einem blinden Phone Phreak namens Dennie den Tipp, man könne mit einer simplen Spielzeugtröte, der "Bo'sun Whistle", die damals den Frühstücksflocken der Firma "Cap'n Crunch" beigelegt wurde, den gleichen 2600-Hertz-Ton ausstoßen, den Josef Engressia pfiff, um die Telefon-Gebührenzählung zu umgehen. Mit Hilfe der Plastikpfeife entwickelte Draper seine "Blue Box" - und wurde unter dem Namen "Captain Crunch" zur Galionsfigur der Szene.
Schwarzhörer: Die "Blue Boxes", mit denen sich Gebührenzähler umgehen ließen, wurden in den siebziger Jahren für Telefongesellschaften zunehmend zum wirtschaftlichen Problem. Auf dieser Anzeige warnt die "Rochester Telephone"-Gesellschaft, die das Telefonnetz des Bundesstaates New York betrieb, Telefonbetrug könne mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden.
Computer-Spiele: Während der achtziger Jahre verlor die Manipulation von Telefonsystemen gegenüber der von Computern an Bedeutung. Mit dem Kinofilm "Wargames" kam die Hacker-Kultur 1983 im Mainstream an: Matthew Broderick spielte hier einen Jugendlichen, der einen Regierungscomputer hackt - und beinahe einen atomaren Krieg zwischen den USA und der UdSSR auslöst.
Alles Rogers: Joybubbles liebte die Fernsehserie "Mr. Rogers' Neighborhood" über alles. Der Moderator der Show, Fred Rogers, wurde für ihn zu einer Art Vaterfigur. Als er 1998 erfuhr, das Archiv der Bibliothek von Pittsburgh habe sämtliche Serienfolgen vorrätig, reiste Joybubbles dorthin, um sechs Wochen lang jeden Tag in der Bibliothek unter einer Decke vor einem Fernseher zu sitzen und sich sämtliche Episoden anzuhören.
Die Geheimnisse der blauen Kiste: 1971 erfuhr Steve Wozniak aus dem Magazin "Esquire" von der Phreak-Szene und dem Telefonmanipulationsgerät, das John Draper ersonnen hatte. Gemeinsam mit seinem Freund Steven Jobs baute er selbst ein solches Gerät und wurde in den Folgejahren zu einem der bekanntesten Phone Phreaks - bevor er mit Jobs zusammen die Computerfirma Apple gründete. Das Bild zeigt Wozniak auf einer Abbildung aus dem Blog myoldmac.net
Telefonaudienz beim Papst: Steve Wozniaks Blue Box steht heute im "Computer History Museum" im kalifornischen Mountain View. Mit ihr erlaubte sich der spätere Heimcomputer-Erfinder in den Siebzigern zahllose Scherze - etwa, als er mit verstellter Stimme im Vatikan anrief und erklärte, er sei Außenminister Henry Kissinger und müsse dringend den Papst sprechen. Leider hatte Wozniak die Zeitverschiebung nicht bedacht - der Papst schlafe derzeit noch und sei daher leider gerade nicht verfügbar, erklärte man ihm - und bat um späteren Rückruf.