Verbotene Filme in der DDR Zu wenig Stolz auf die Arbeiterklasse
Kleinstadtgerüchte: Jadup (Kurt Böwe) ist der angesehene Bürgermeister einer DDR-Kleinstadt, dem die Eröffnung der neuen Kaufhalle obliegt. Doch ein Ereignis versetzt den selbstbewussten, routinierten Politiker in Unruhe: Beim Einsturz eines alten Hauses ist ein Buch zum Vorschein gekommen, das er kurz nach Ende des Krieges dem Mädchen Boel (Katrin Knappe) geschenkt hatte. Durch das Buch werden alte Gerüchte lebendig. Regisseur Rainer Simon drehte den Spielfilm 1980/1981 in der Altmark. Vorlage war der Roman "Jadup" von Paul Kanut Schäfer, der in der Kleinstadt Seehausen spielt - in Buch und Film "Wickenhausen" genannt.
Progress Filmverleih
Szene aus "Jadup und Boel": DDR-Alltag Ende der siebziger Jahre. Eine Kleinstadt sieht ihrem 800-jährigen Jubiläum entgegen und muss sich dabei auch mit der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen. Polizist Wenzel (Rolf Martin-Kruckenberg) steht vor dem alten Fachwerkhaus, in dem Boel einst mit ihrer Mutter lebte. Das Mädchen wurde nach dem Krieg vergewaltigt, das Verbrechen nie aufgekärt. Vorlage für den DEFA-Spielfilm (1981, Regie: Rainer Simon) war der Roman "Jadup" von Paul Kanut Schäfer.
"Das Kaninchen bin ich": Staats- und Parteichef Walter Ulbricht tobte, es gehe nicht einfach um dieses "Kaninchen", sondern auch "um einige Dutzend andere Kaninchen". Der DEFA-Film von Regisseur Kurt Maetzig hatte das DDR-Staatsoberhaupt im Dezember 1965 maßlos empört. Bald darauf wurde neben diesem noch rund ein Dutzend weiterer DEFA-Filme, fast die gesamte Jahresproduktion, verboten.
In Maetzigs DDR-Gegenwartsfilm darf die Kellnerin Maria Morzeck (Angelika Waller) nicht studieren, weil ihr Bruder wegen "staatsgefährdender Hetze" zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Sie verliebt sich in einen älteren Mann und erfährt dann, dass er der Richter war, der ihren Bruder verurteilt hat.
"Wenn Du groß bist, lieber Adam": Der DEFA-Filmer Egon Günther versuchte, seine Kritik an Lüge und Heuchelei im SED-Staat in einer Märchenkomödie zu verpacken. In "Wenn du groß bist, lieber Adam" verfügt ein kleiner Junge über eine Wunderlampe, die jeden, der die Unwahrheit sagt, durch die Luft schweben lässt - und so entlarvt. Doch die DDR-Zensoren ließen auch derart subtile Kritik nicht durchgehen, der Film wurde noch vor seiner Fertigstellung 1965 verboten. 1989/90 machte sich der Regisseur an die Rekonstruktion.
"Spur der Steine": Manfred Krug als aufmüpfiger Brigadier Hannes Balla auf einer sozialistischen Großbaustelle. Den Volkspolizisten, der ihm und seinen Zimmerleuten das Nacktbaden verbieten will, zieht er gleich erstmal ins Wasser. Frank Beyers Kinofilm "Spur der Steine" nach dem gleichnamigen Roman von Erik Neutsch lief nach seiner Premiere 1966 drei Tage im Kino, dann verschwand er aus dem Programm. Zu sehen war der DEFA-Film erst wieder 1989.
"Die Schönste": Die Entstehungsgeschichte des ersten in der DDR verbotenen Spielfilms ist langwierig - am Ende gab es ihn in zwei Fassungen. Mitte der fünfziger Jahre beauftragte die DEFA den westdeutschen Autor Artur A. Kuhnert und den Südtiroler Regisseur Ernesto Rimani. Das Kalkül: Der Film sollte auch im Westen ein Erfolg werden. Die Geschichte spielt im westdeutschen Aufsteiger-Milieu und karikiert Eitelkeiten und Raffsucht in der Wirtschaftswunderzeit. Aus Sicht der DDR-Zensoren allerdings geriet die Darstellung der Lebenswelt des Klassenfeindes gar zu verführerisch für das Publikum im Osten. Der Film wurde daher noch vor der Premiere verboten. Es entstand eine zweite Fassung, doch auch die verschwand nach dem Mauerbau bald im Archiv der DEFA.
"Fräulein Schmetterling": Die Schriftstellerin Christa Wolf hatte das Drehbuch geschrieben, zusammen mit ihrem Mann Gerhard Wolf und dem Regisseur Kurt Barthel. "Fräulein Schmetterling" ist die Geschichte zweier Mädchen, die ihren Vater verlieren und in die Obhut des Staates geraten. Helene, die ältere der Schwestern, träumt davon, Stewardess oder Mannequin zu werden, doch sie bekommt nur Lehrstellen vermittelt, die ihr nicht zusagen: Als Verkäuferin in einem Fischladen oder Kassiererin im Bus. Ihre Traumwelt passt nicht in den offiziellen DDR-Alltag. Nach dem 11. Plenum des ZK der SED, das den Kurs der DDR-Kulturpolitik schlagartig änderte, werden die Arbeiten an dem Film abgebrochen.
"Jahrgang 45": Der DEFA-Film von 1965 erzählt die Geschichte eines jungen Paares, das nach zwei Ehejahren vor der Trennung steht. In der engen Altbauwohnung im Prenzlauer Berg fällt ihnen die Decke auf den Kopf. Er nimmt Urlaub und zieht durch die Stadt, sie ist unglücklich. Der Kaderleiter seines Betriebes stellt ihn zur Rede. Regisseur Jürgen Böttcher hatte die Arbeit an seinem ersten Spielfilm noch nicht beendet, da fiel der Film der verschärften Zensur zum Opfer. Noch Jahrzehnte später war Böttcher verbittert: "Wenn es wenigstens ein richtiges politisches Ding gewesen wäre, (...) aber für eine kleine Alltagsgeschichte, für ein harmloses Anfängerfilmchen so bestraft worden zu sein, das ist schlimm", zitierte ihn 1990 die "taz".
"Karla": "Ich glaubte, mir sei so ungeheures Unrecht geschehen, jetzt müsse die Welt stehenbleiben - aber das Leben ging weiter, als sei nichts geschehen", beschrieb Regisseur Herrmann Zschoche später den Moment, in dem er erfuhr, dass die Arbeiten an seinem Film abgebrochen würden. Die Geschichte von "Karla", einer jungen Lehrerin in der DDR, die - voller kommunistischer Ideale - nach dem Studium ihre erste Stelle antritt, wollte Zschoche 1965 mit dem Autor Ulrich Plenzdorf realisieren. Doch den Zensoren in der DDR ging der Film zu kritisch mit der sozialistischen Volksbildung um. Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann, damals verheiratet mit Zschoche, siedelte in den achtziger Jahren in die Bundesrepublik über.
"Die Sonnensucher": Konrad Wolfs DEFA-Film "Die Sonnensucher" von 1958 hatte den von offizieller Seite geheim gehaltenen Uranbergbau der Wismut zum Thema. Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG Wismut) förderte den Rohstoff für die sowjetische Atomindustrie. Die realistische Darstellung des Uran-Bergbaus im Erzgebirge galt im SED-Staat als politische Nestbeschmutzung. Der Film blieb daher zunächst unter Verschluss, erst 1972 kam er in die Kinos.
"Denk bloß nicht, ich heule": Der aufmüpfige Schüler Peter Naumann eckt immer wieder mit provokanten Äußerungen an. Als er schließlich in einem Aufsatz verkündet, dass er "die Republik nicht braucht", fliegt er von der Schule. Auch zwischen ihm und dem Vater seiner Freundin, einem Antifaschisten und LPG-Vorsitzenden, kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen. Das Filmdrama von Regisseur Frank Vogel gehört zu den DEFA-Produktionen, die 1965 in der DDR verboten wurden.
"Der Frühling braucht Zeit": Der Titel des von Regisseur Günter Stahnke 1965 in der DDR gedrehten und bald darauf verbotenen Spielfilms war geradezu prophetisch. Einem größeren Publikum sollte "Der Frühling braucht Zeit" erst 1990 bekanntwerden. Wegen seiner kritischen Auseinandersetzung mit Problemen der Planwirtschaft in der DDR wurde der Film im Zuge des 11. Plenums des ZK der SED kurz nach der Premiere gesperrt.
"Das Kleid": Mit ironischen Anspielungen auf die Machtverhältnisse in der DDR greift der DEFA-Film im Sommer 1961 das bekannte Märchen "Des Kaisers neue Kleider" auf. Fertiggestellt werden sollte der Film jedoch erst viele Jahre später. Nach dem Herbst 1989 wurde er auf der Grundlage des Drehbuchs originalgetreu rekonstruiert, die Stimmen mittlerweile verstorbener Darsteller wurden durch andere ersetzt. Erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt wurde "Das Kleid" (Regie: Konrad Petzold) 1991.
"Hände hoch oder ich schieße": Rolf Herricht spielt in der Gangsterkomödie den Kriminalisten Holms, in dessen Heimatstädtchen im Süden der DDR keine Verbrechen mehr geschehen. Holms hat nichts mehr zu tun, er verzweifelt daran und wird depressiv. Das ändert sich, als ein paar befreundete Ex-Ganoven beschließen, ihn aus seinem Stimmungstief herauszuholen, und ein "großes Ding" vorbereiten. Regisseur Hans-Joachim Kasprzik konnte die Dreharbeiten 1966 beenden, doch zur Aufführung gelangte der Film aus Zensurgründen nie. Nun haben DEFA-Stiftung und Bundesarchiv das Material gesichtet. Als letzter aus der Reihe der verbotenen Filme der DEFA kommt "Hände hoch oder ich schieße" im Juni 2009 in die Kinos.