Vergessene Orte Versteckspiel um Leben und Tod
Fluchtpunkt Wochenendhaus: Ein Nachbar riet Alice Löwenthal unterzutauchen, nachdem ihr Ehemann am 27. Februar 1943 an seiner Arbeitsstelle festgenommen worden war. Für die jüdische Schneiderin und ihre zwei kleinen Töchter begann eine Odyssee durch verschiedene Unterkünfte. Freunde vermittelten ihr eine Bleibe in Strausberg im Wochenendhaus der 59-jährigen Witwe Luise Nickel. Doch schon nach kurzer Zeit drohte Verrat, und Alice Löwenthal musste mit ihren Kindern wieder auf die Flucht.
Versteck auf dem Land: Durch Zufall gelang es Alice Löwenthal, ihre knapp vier und sechsjährigen Töchter bei einer unbekannten Frau in Weimar unterzubringen, die sie als ausgebombte Flüchtlingskinder ausgab. Sie selbst kehrte nach Berlin zurück, um unter höchster Gefahr und enormen Entbehrungen Lebensmittelmarken und Geld zu beschaffen und nach Weimar zu schicken. Ab Ende 1943 kam sie erneut in Strausberg bei Luise Nickel unter und musste so immerhin nicht mehr dauernd Verstecke wechseln. Dass ihre kleinen Töchter im Sommer 1944 verraten und nach Auschwitz deportiert worden waren, erfuhr Alice Löwenthal erst nach Kriegsende.
Alice Löwenthal: Die Aufnahme zeigt die junge Jüdin während der Zeit der Illegalität in Berlin während des Zweiten Weltkriegs. Die Sorge um ihre beiden kleinen Töchter scheint ihr in das Gesicht geschrieben.
Kellerversteck in Kreuzberg: In diesem Keller in der Großbeerenstraße 92 in Berlin-Kreuzberg und in seiner Schöneberger Wohnung versteckte der Werbekaufmann und NS-Gegner Karl Deibel ab 1942/43 mindesten elf untergetauchte Juden. Im Sommer 1944 wurde einer von Deibels Schützlingen, der 60-jährige Leo Seelig, von der Gestapo festgenommen und nach Auschwitz deportiert, offenbar nach einem Verrat durch einen jüdischen Spitzel. Auch Deibel wurde im Juli verhaftet, nachdem er hartnäckig leugnete im Oktober aber wieder freigelassen. Kurz darauf wurde er jedoch erneut festgesetzt und im Auffanglager Schönewalde interniert.
Belegschaft der Blindenwerkstatt: Das Foto zeigt die Belegschaft der Blindenwerkstatt Otto Weidt um 1939, damals noch nicht in der Rosenthaler Straße am Hackeschen Markt in Berlin Mitte, sondern in der Großbeerenstraße 92 in Kreuzberg. In der Mitte sitzt Otto Weidt.
Versteck in der Farbspritzpistolenfabrik: Das Fabrikgebäude in der Berliner Oranienstraße 20, in dem sich die jüdische Familie Arndt versteckte. Gegen Kriegsende lebten hier in einem fensterlosen, zwei mal drei Meter großen Lagerraum mit einem zweistöckigen Bett sechs Personen. Aus Angst vor Entdeckung durfte kein Licht gemacht werden, der Toiletteneimer konnte nur benutzt werden, wenn draußen die Maschinen lärmten.
Wieder in Freiheit: Ellen und Erich Arndt, Bruno und Ruth Gumpel (v. l.) sowie Charlotte Lewinsky (vorne) bei ihrer Ankunft 1946 in New York. Sie alle konnten sich in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in der Kreuzberger Oranienstraße in einer Fabrik für Farbspritzpistolen versteckt halten und überlebten so den Nationalsozialismus.
Herz-Jesu-Kirche im Prenzlauer Berg: Als der 23-jährige Horst Rothkegel im Oktober 1944 seine Stelle als Kaplan der Herz-Jesu-Kirche in der Fehrbelliner Straße 99 im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg antrat, übernahm von seinem Vorgängers auch die Versorgung des im Keller versteckten Erich Wolff. Der beinamputierte Wolff, der seit September 1942 im Untergrund lebte, hielt sich zumeist im Heizungskeller der Herz-Jesu-Kirche versteckt. Da die Kirche nicht geheizt werden durfte, war der Keller relativ sicher.
Der Heizungskeller heute: Erst 30 Jahre nach Kriegsende erfuhr der frühere Kaplan der Herz-Jesu-Kirche in Berlin- Prenzlauer Berg, Hans Rothkegel, dass im Sakristeikeller der Kirche ein weiterer Verfolgter versteckt war. Wie der von Rothkegel betreute Erich Wolff war auch dieser Karl Müller jüdischer Herkunft und in der Herz-Jesu-Kirche getauft worden. Beide standen in engem Kontakt mit dem "Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin", das zum Katholizismus konvertierten Juden und Juden in sogenannten Mischehen beistand. Das Bild zeigt den Heizungskeller der Herz-Jesu-Kirche im heutigen Zustand.
Kellertreppe zum Versteck: Erst in jüngster Zeit stellte sich heraus, dass in der Berliner Herz-Jesu-Kirche neben Erich Wolff und Karl Müller sogar noch eine dritte Person vor den Nazis Zuflucht gefunden hatte. Die Jüdin Sonja Goldwerth versteckte sich in den letzten Kriegsmonaten in einem Zimmer des Vorderhauses, das zu den Klausurräumen der "Schwestern unserer lieben Frau" gehörte und nur von diesen betreten werden durfte.
Erich Wolff: Mehr als zweieinhalb Jahre überlebte der katholisch getaufte Jude, der bereits als 16-jähriger ein Bein verloren hatte, ab September 1942 im Heizungskeller der Herz-Jesu-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg. Nur ganz gelegentlich konnte er sein Versteck verlassen und zur Abwechslung etwa die eingeweihten Eltern des Gemeindekaplans besuchen.
Laubacher Straße 39: In letzter Minute entkamen Lotte Kahle und ihr Verlobter Herbert Strauss in der Nacht zum 24. Oktober 1942 dem Abtransport nach Osten. Von ihrer bereits deportierten Mutter hatte Lotte noch eine Adresse in Berlin-Wilmersdorf erhalten: Laubacher Straße 39, Wilmersdorf. Dort quartierte der Malermeister August Sapandowski die Flüchtlinge ohne Zögern ein. Kurz nachdem die beiden sechs Wochen später das Versteck gewechselt hatten, entdeckte die Gestapo drei versteckte Juden in Sapandowskis Werkstattkeller, denunziert von einer Hausbewohnerin.
Der Werkstattkeller:Auf getrennten Wegen gelang Lotte Kahle und Herbert Strauss im Sommer 1943 die Flucht in die Schweiz, von dort aus gelangten sie 1946 in die USA. Herbert Strauss wurde 1982 Gründungsdirektor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der an die Technische Universität Berlin. Ihr Quartiergeber August Sapandowski floh nach der Verhaftung drei anderer Illegaler in seinem Haus unter falschem Namen nach Tirol, kehrte aber bald nach Berlin zurück und wurde selbst verhaftet. Nach drei Monaten kam er wieder frei, versteckte erneut Illegale, wurde wieder verhaftet und in das KZ Sachsenhausen geworfen. Am 10. März 1945 starb August Sapandowski im KZ Bergen-Belsen.
Judenretter Sapandowski: Der selbstständige Malermeister, der als Soldat im Ersten Weltkrieg zum Pazifist geworden war und 1921 in die KPD eintrat, versteckte während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Juden - selbst noch, nachdem er deswegen für mehrere Monate inhaftiert worden war. "Er besaß den Eifer eines echten Gläubigen", erinnerte sich Herbert Strauss, dem Sapandowski 1942 in der Illegalität Unterschlupf gewährte. Der mutige Helfer kam im März 1945 im KZ Bergen-Belsen um, im Jahre 2001 wurde er von der Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt.
Lotte Kahle: Die Verlobte von Herbert Strauss nach der gelungenen Flucht in die Schweiz 1943. Zuvor hatten beide ein dreiviertel Jahr illegal in Nazi-Deutschland gelebt und waren mehrfach nur knapp der Verhaftung und Deportation entkommen.
Gutshaus am Summter See: Eine historische Postkarte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zeigt das Gutshaus von Summt seiner früheren Pracht. Damals gehörte es noch einer Gutsherrin, die das Haus samt Ländereien später an Familie Friedrich verkaufte. Die betrieb hier hier in den dreißiger Jahren eine Gastwirtschaft mit Pension - und bot während des Zweiten Weltkriegs von der Deportation bedrohten Juden einen Zufluchtsort.
Versteckt hinter Bäumen: Von dichten Büschen und Bäumen zugewachsen, ist das verfallene Gutshaus am Summter See heute kaum zu finden. Ab April 1943 arbeitete der untergetauchte Jude Heinz Rosenbaum in dem damals hier befindlichen Gasthaus unter falschem Namen als Kellner. Mit seiner Frau Grete und ihrem knapp zwei Jahre altem Sohn Denny konnte er im Gutshaus wohnen. Im Oktober wurde die Familie verraten und musste mitten in der Nacht Hals über Kopf aus Summt fliehen. Später erfuhren die Rosenbaums, dass die Gestapo am darauf folgenden Morgen das Dorf abriegelte und die Bevölkerung dazu aufrief, nach ihnen zu suchen.
Rettung im Ravensbergweg: Ein Bombenangriff in der Nacht zum 30. Januar 1944 zerstörte ausgerechnet das Haus, in dem sich Ella Deutschkron und ihre Tochter Inge versteckt gehalten hatte. Die beiden illegal in Berlin lebenden Jüdinnen saßen buchstäblich auf der Straße. Am frühen Morgen erschien plötzlich ein alter Freund der Familie Deutschkron und nahm sie kurzerhand nach Potsdam mit, wo seine ebenfalls ausgebombte Familie Zuflucht gefunden hatte.
Ein Zuhause im Stall: Ella und Inge Deutschkron kamen in einer Steinhütte unter, die zum Einfamilienhaus von Frau Fabig in der Potsdamer Arbeitersiedlung "Eigenheim" gehörte und die früher als Ziegen- oder Kaninchenstall und als Waschküche benutzt worden war. "Ja, wenn Sie glauben, dass Sie darin wohnen können...", waren die Worte der Vermieterin - die nicht ahnte, dass sie ihre Hütte gegen ein geringes Entgelt Illegalen überließ - die Deutschkrons hatten sich als ausgebombte Berlinerinnen mit Namen Richter ausgegeben. Jeden Morgen fuhren Mutter und Tochter nach Berlin, wo sie mit Hilfe von Freunden unter falschem Namen Arbeit fanden; am Abend kehrten sie nach Potsdam in ihren Ziegenstall zurück.
Ella und Inge Deutschkron: Die beiden Berlinerinnen um 1939 auf dem Balkon ihrer Wohnung. Nach dem Einsetzen der Deportationen in die Vernichtungslager im Oktober 1941 wählten die Deutschkrons den Gang in die Illegalität. Inge Deutschkron schrieb ihre Erlebnisse nach dem Krieg in dem Beststeller "Ich trug den gelben Stern" auf.