Irre vor Gericht Mit Promi verwechselt? Kaffee zu heiß? Klagen!
Schock statt Schocker: Marcy Noriega war Polizistin im Dienst der kalifornischen Stadt Madera. 2003 nahm sie einen Verdächtigen fest, legte ihm Handschellen an und verfrachtete ihn in den Fond ihres Streifenwagens. Plötzlich begann der Gefesselte, gegen die Fensterscheibe zu treten. Noriega griff nach dem Taser an ihrem Gürtel, um den Randalierer ruhig zu stellen. Dann fiel ein Schuss: Noriega hatte nicht den Taser abgefeuert, sondern ihre Dienstpistole. Der Verdächtige war auf der Stelle tot.
Kein Grund zur Klage? Doch. Nachdem die Angehörigen des Opfers gegen die Polizistin vorgingen, entschied sich die Stadt Madera für eine eigenwillige Verteidigungsstrategie. Sie ging selbst in die Offensive und ...
... befand zunächst, dass Noriega keine Schuld treffe. "Jedem Polizisten kann es passieren, dass er einen Taser mit einer Pistole verwechselt", hieß es in der Begründung. Kurz darauf reichte die Stadt allen Ernstes Klage gegen die Firma Taser ein. Das Unternehmen solle alle entstehenden Kosten übernehmen, die Madera aus dem Gerichtsverfahren der Angehörigen entstünden. Die Klage gegen Taser wurde abgewiesen, seit August 2011 muss sich die Polizistin in einem Prozess verantworten.
Ich und Er: Allen Ray Heckard hatte etwas, auf das andere vielleicht stolz gewesen wären - Ähnlichkeit mit einem Superstar. In Heckards Fall war es die amerikanische Basketball-Ikone Michael Jordan. Der war zwar deutlich größer, deutlich schwerer, acht Jahre jünger und auch nicht aus Portland, sondern aus Chicago. Aber wer nur auf die Gesichtszüge schaute, konnte tatsächlich Gemeinsamkeiten feststellen.
Kein Grund zur Klage? Doch. Heckard fühlte sich psychisch regelrecht "verletzt" durch die ständige Verwechslung mit dem Basketballidol und verklagte Jordan 2006 auf ...
... 52 Millionen Dollar Schadensersatz. Doch damit nicht genug: Der Doppelgänger wollte auch doppelt abkassieren - nämlich zusätzlich noch bei Jordans Sponsor, der Schuhfirma Nike sowie dessen Gründer Phil Knight. Die geforderte Summe belief sich auf 832 Millionen Dollar. Die Jordan-Kopie musste ihren Traum vom Reichtum aber schnell begraben. Nach einem Anruf der Nike-Anwälte ließ Heckard seine Klage fallen.
Fetter Vorwurf: Caesar Barber ging es nicht gut. Der Mann war Diabetiker und hatte Herzprobleme - alles Folgen seines Übergewichts. Barber, 56, wog bei einer Größe von 1,80 Metern knapp 130 Kilo. Sein Übergewicht führte er auf seinen ausgiebigen Fast-Food-Konsum zurück. Fünfmal die Woche genoss Barber Burger, Fritten und Cola.
Ein Grund zur Klage? Aber ja. Nur wen verklagen, wen verantwortlich machen für das eigene Leid? Barber entschied sich 2003 für die naheliegendste Variante: Er zog gegen ...
... die Fast-Food-Riesen McDonald's, Burger King, Wendy's und KFC vor Gericht. Seine Begründung: Die Burgerbrater hätten ihn quasi gezwungen, ihr fettes Essen zu konsumieren und davon "enorm profitiert". Auch sei er nicht gewarnt worden, dass der Fraß nicht gut für ihn sei. Barber forderte eine unbestimmte Summe als Entschädigung für die Folgen. Doch die Klage wurde zweimal abgewiesen.
Die Mutter aller Klagen: Stella Liebeck saß 1992 im Auto ihres Enkels, als das Drama begann. Zwischen ihren Schenkeln hatte die ältere Dame einen Kaffeebecher von McDonalds platziert - und als sie den Deckel entfernte, verbrannte der heiße Kaffee Liebecks Haut. Sie kam ins Krankenhaus, wo sie sich unter anderem einer Hauttransplantation unterziehen musste.
Ein Grund zur Klage? Aber ja. Liebeck zog im gleichen Jahr gegen ...
... die Fast-Food-Kette vor Gericht. Die Strategie ihrer Anwälte baute darauf auf, dass sich schon vor Stella Liebeck (links, bei einer Pressekonferenz 1995) Hunderte Kunden über die Temperatur des Kaffees beschwert und Verbrennungen erlitten hatten. Die Geschworenen sprachen der Klägerin 1994 2,7 Millionen Dollar Schadensersatz zu, später wurde die Summe auf knapp 500.000 Dollar reduziert. Da sich beide Parteien in einem außergerichtlichen Vergleich einigten, nachdem sie Berufung eingelegt hatten, ist die genaue Höhe der letztlich gezahlten Summe nicht bekannt. Randy Cassingham benannte seine Stella Awards für die verrücktesten Klagen nach Stella Liebeck.
Hosenlos: Roy Pearson, 57, war ein angesehener Richter aus Washington DC - und außerdem war er ein ordentlicher Mann. Er brachte seine Sachen regelmäßig in die Reinigung der Familie Chung, Hemden, Anzüge und auch seine Hosen. Und dann passierte es: 2007 ging Pearson in die Reinigung und musste feststellen, dass ein Paar Hosen verloren gegangen war.
Kein Grund zur Klage? Doch, selbstverständlich. Richter Pearson, vielleicht im Glauben, Unrecht erlitten zu haben, verklagte ...
... die Reinigung auf Schadensersatz. So groß war der gefühlte Schaden durch die verlorenen Hosen, dass Pearson 65.462.000 Dollar Entschädigung von dem Familienbetrieb forderte. Das Paar sei nicht zu ersetzen, argumentierte Pearson vor Gericht. Doch das Urteil und seine Folgen waren überhaupt nicht im Sinne des streitbaren Richters: Die Chungs sollten knapp 83.000 Dollar Prozesskostenentschädigung bekommen, Pearson nichts. Er legte selbstverständlich Berufung ein, die 2008 erneut abgewiesen wurde. Seinen Job als Richter war er mittlerweile los, aber auch dagegen ging der Klagegeist vor. Vergeblich.
Göttlicher Unfug: Vor sechs Jahren reicht es Christopher Roller. Der Mann aus Minnesota fühlte sich in die Irre geführt von den weltbekannten Zauberkünstlern David Copperfield und David Blaine (Foto). Roller verstand nicht, warum die beiden Magier den Gesetzen der Physik trotzen konnten - und folgerte, sie müssten eine Art "göttliche Kraft" benutzen.
Ein Grund zur Klage? Ganz bestimmt. Roller ging 2005 gegen Copperfield und Blaine vor Gericht. Aber was soll man von übersinnlichen Zauberern fordern? Roller verlangte ...
... dass die Magier ihm ihre Tricks verrieten - oder ihm aber zehn Prozent ihrer gesamten zukünftigen Einnahmen überließen. Im Falle Copperfields schätzte Roller die zu erwartende Summe auf 50 Millionen Dollar, bei Blaine wären es immerhin noch zwei Millionen gewesen. Doch noch irrer als die Forderungen war Rollers Argumentation der zauberhaften "Straftaten": Da die Magier, wie eingangs schon erwähnt, seiner Meinung nach göttliche Kräfte benutzten, würden sie eine Patentverletzung begehen. Denn diese "göttlichen Kräfte" dürfe allein er benutzen. Denn er, Roller, sei Gott. Ganz irdisch wurde die Klage 2007 abgewiesen.
Jetzt bitte anschnallen: Man wünscht es niemandem, in einem Auto zu sitzen, das einen Unfall baut - schon gar nicht sich selbst. Mary Ubaudi saß 2004 als Beifahrerin in einem Mazda, als dieser bei einem Unfall einen Blechschaden davontrug. Sie überlebte, von dramatischen Verletzungen ist nichts bekannt.
Kein Grund zur Klage: Doch! Warum nicht die Gunst der Stunde nutzen und den, ja wen eigentlich, zu verklagen? Mary Ubaudi überlegte und kam dann auf ...
... Mazda. Die Japaner hatten schließlich das Auto gebaut, in dem sie gesessen hatte. Um möglichst viel Geld herauszuschlagen, musste sich Frau Ubaudi dann aber noch einen irgendwie sinnvollen Klagegrund überlegen - und sie kam auf die Anschnallgurte. Mazda hatte es doch tatsächlich "versäumt, eine Anleitung zum sicheren Verwenden des Anschnallgurtes zu geben". Ubaudis Forderung belief sich auf 150.000 Dollar.
Vorsicht, wilde Tiere! Marcy Meckler trat 2006 vor den Eingang des Einkaufszentrums, dann ging alles ganz schnell. Das böse Tier attackierte die Frau ohne Vorwarnung, sie schlug in Panik um sich, wollte flüchten und fiel dann hin. Frau Meckler zog sich bei diesem Sturz "schwerste Verletzungen" zu, wie es später heißen sollte. Das böse Tier verschwand in den Büschen - ein Eichhörnchen.
Ein Grund zur Klage!, fand Marcy Meckler, und sie hatte den Schuldigen für den Tierangriff auch schnell ausgemacht ...
... das Einkaufszentrum. Lag natürlich auch nahe, Eichhörnchen lassen sich schließlich schwer vor Gericht zerren. 50.000 Dollar forderte Meckler von den Verantwortlichen des Supermarkts. Diese hätten es unterlassen, vor den Eichhörnchen zu warnen, die sich in der Nähe des Eingangs aufhielten. Ein Gericht beschied die Klage 2007 negativ.
Augen auf bei der Ärztewahl: Michelle Knepper wollte sich verschönern und sich deshalb Fett absaugen lassen. Weil sie aber keinen Schönheitschirurgen kannte und offenbar auch kein Internet hatte, schlug sie das Telefonbuch auf und wurde fündig. Leider stellte sich der behandelnde Doktor als Hautarzt und nicht als Spezialist für Liposuktionen heraus. Aber egal. Knepper ließ ihn machen - und es kam zu Komplikationen.
Ein Grund zur Klage, dachte sich Michelle Knepper also. Doch sie zerrte 2005 nicht nur den Arzt vor Gericht, sondern ...
... auch die Telefonbuchfirma. Sie hätte die OP nie machen lassen, hätte sie gewusst, dass der Arzt für derlei Eingriff kein Zertifikat besessen habe. Und das hätte eben im Telefonbuch stehen müssen, fand Frau Knepper. Noch irrer als die Klage war das Urteil: Tatsächlich bekam die Patientin Recht - und 1,2 Millionen Dollar zugesprochen. Obendrauf gab es 375.000 Dollar für ihren Ehemann. Knepper hatte ihren "ehelichen Pflichten" nicht mehr nachkommen können.
Gefährliche Nähe: Janice Bird, Dayle Bird Edgmon und Kim Bird Moran sind Geschwister, und Geschwister halten zusammen. Als 2002 Nita Bird ins Krankenhaus gebracht wurde, begleiteten die drei ihre Mutter. Im Krankenhaus lief zunächst alles nach Plan, bis Nita Bird plötzlich von den Ärzten in den Not-OP-Saal gebracht wurde.
Ein Grund zur Klage? Janice, Dayle und Kim fanden: ja. Sie gingen vor Gericht gegen die Ärzte und das Krankenhaus, nur der Grund klingt unglaublich: Die Geschwister ...
... fühlten sich emotional verstört durch die plötzliche Verlegung ihrer Mutter auf die Intensivstation. Schmerzensgeld nicht für die Mutter, nein, Schmerzensgeld für sich forderten die drei, die so sehr mitgenommen wurden von dem Anblick der helfenden Ärzte. Bis zum höchsten kalifornischen Gericht ging die Sache, bis die Richter die Klage der Frauen abwiesen. Man muss sich mal die Konsequenzen vorstellen, hätten die Geschwister Recht bekommen: Kein Arzt hätte mehr die Anwesenheit von Angehörigen im Krankenhaus dulden dürfen, schließlich *könnte* ja ein Notfall eintreten.
Der Horrorflug: Philipp Shafer flog von New Orleans nach Cincinnati und war danach traumatisiert. Hatte ihn Delta Airlines doch wirklich direkt neben einen beleibten Mann gesetzt.
Aber war das ein Grund zur Klage? Natürlich. Shafer ist Anwalt, und das, was ihm auf dem Flug im Jahr 2002 passiert war, konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Er verklagte ...
... die Fluggesellschaft. Warum? "Peinlich" sei das neben dem "riesigen Mann" gewesen. "Sehr ungemütlich", eine "psychische Qual" und natürlich auch "emotionales Elend". 9500 Dollar fand Shafer den richtigen Betrag, um all die Folgen des Fluges abzumildern und die Tatsache, dass er quasi nur einen halben Sitz habe nutzen können, aber einen ganzen bezahlte. Kläger und Beklagte einigten sich außergerichtlich.
Klagende Kinder: Steven und Kathryn Miner waren schon Erwachsene, als sie sich ihrer Kindheit erinnerten. Eine grausame Kindheit muss das gewesen sein, schließlich zogen die beiden Geschwister am Ende ihrer Überlegungen gegen die eigene Mutter vor Gericht. Sie verklagten Kimberly Garrity, weil diese seit der Scheidung vom Vater 1995 immer wieder versucht habe, die Kinder gegen den Papa aufzubringen - und mit Geschenken viel zu sparsam umgegangen sei. Mal sei die Schwester bevorzugt worden, mal der Bruder. Alles in allem habe es aber zu wenig von allem gegeben: Weihnachtsgeschenke, Diskogeld, Verpflegungspäckchen. Erst Ende August entschied ein Gericht gegen die Geschwister und ihren Anwalt: den Vater.
Der Mann hinter den echten "Stella Awards": Randy Cassingham, Journalist, Humorist, Blogger, Verleger und Autor des Buches "The True Stella Awards" verlieh seit 2002 jährlich online den gleichnamigen Preis für die wahnwitzigsten Klagen. Er selbst sei von irren Klagen aber verschont geblieben, sagt er im Gespräch mit einestages - "und das, obwohl ich in meinem Buch jeden Kläger bei seinem Namen genannt habe". Cassingham hatte 2008 seinen Preis nicht mehr vergeben, "ich glaubte, ich hätte alles mit meinem Buch gesagt, was zu sagen war." Jetzt kommt es doch zum Comeback. Im Herbst 2011 wird der Award wiederbelebt.