Verrückte Selbstversuche - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Verrückte Selbstversuche Nobelpreis oder tot

Sie tranken Cholera-Erreger, spritzen sich Pfeilgift oder erhängten sich zu Versuchzwecken: Aus Wissensgier und Ruhmsucht machten Forscher den eigenen Körper zum Experimentierfeld. Einige entdeckten Sensationelles, andere starben tragisch - einestages erinnert an die verrücktesten Selbstversuche.
1 / 18

Ein widerwärtiger Drink: "Es roch irgendwie abstoßend nach frischem Fleisch", erinnerte sich Barry Marshall (Bild) später. Am 10. Juli 1984 genehmigte sich der Mediziner im Labor des Freemantle Hospital in Perth, Australien, dennoch ein ekliges Getränk. Es war ein Gemisch aus etwa einer Milliarde Bakterien aus dem Magen eines 66-jährigen Patienten und ein wenig Wasser. Marshall stürzte es herunter in der Hoffnung, so richtig krank zu werden. Genau genommen wollte der junge Arzt sich mit diesem ekligen Selbstversuch eine Magenschleimhautentzündung einfangen. So wollte er beweisen, dass diese Erkrankungen nicht nur psychische Gründe haben, sondern auch durch Bakterien ausgelöst werden können. Es gelang. Am achten Tag erbrach Marshall etwas Schleim. In der zweiten Woche bekam er einen fauligen Mundgeruch und litt unter Kopfschmerzen. Eine Untersuchung ergab schließlich den Beweis - die Bakterien hatten eine Magenschleimhautentzündung ausgelöst. Heimlich wünschte sich der hochmotivierte Mediziner, dass sich die Entzündung zu einem Magengeschwür entwickeln würde. Über das hätte er "jahrelang publizieren können". Doch als Marshall seiner Frau von dem Selbstversuch erzählte, stellte diese ihn vor die Wahl: Er sollte entweder Antibiotika oder eine eigene Wohnung nehmen.

2 / 18

Charles-Edouard Brown-Séquard: Eigentlich ein angesehener Mediziner, vollzog der französische Arzt am 15. Mai 1889 einen Selbstversuch, der seinen Namen nachhaltig schädigen sollte. Er pürierte die Hoden eines jungen Hundes, mischte Sperma und Samenstränge dazu und spritze sich die mit Wasser verdünnte Lösung in den linken Unterarm. Schon bald konnte er länger arbeiten oder schneller die Treppe hochsteigen - vermutlich ein Placeboeffekt. Sogar seine sexuelle Leistungsfähigkeit habe sich verbessert, deutete der greise Arzt an. Danach begann ein Ansturm auf das vermeintliche Wundermittel. Einige Patienten holten sich eine Blutvergiftung.

3 / 18

Mitten ins Herz: Konzentriert blickte der junge Assistenzarzt auf den Röntgenschirm im Keller des Auguste-Viktoria-Krankenhauses in Eberswalde. Immerhin legte der 25-jährige Werner Forßmann gerade den ersten Herzkatheter der Geschichte - bei sich selbst. Unter Experten galt der Eingriff 1929 als lebensmüde. Forßmann jedoch ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, er hielt ihn für ein Schlüsselelement zur Verbesserung der Diagnostik bei Herzkrankheiten. Langsam schob er den eingeölten Katheter immer weiter in seine Armvene. Schmerzen habe er keine verspürt, berichtete er später, nur einen Hustenreiz und ein leichtes Wärmegefühl. Als der Schlauch in seiner Herzkammer anlangte, machte er eine Röntgenaufnahme. Ein halbes Jahr später veröffentlichte er einen zweiseitigen Aufsatz. Von der Presse wurde der riskante Selbstversuch als medizinischer Durchbruch gefeiert. Die Fachwelt und auch sein Chefarzt blieben jedoch unbeeindruckt. Auf Forßmanns Frage, ob er zu dem Verfahren habilitieren könne, kanzelte der Chefarzt ihn ab: "Mit solchen Kunststücken habilitiert man in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik." Heute gehört der Herzkatheter fest zum diagnostischen Repertoire. 1956 erhielt Forßmann den Nobelpreis für Medizin.

Foto: dpa
4 / 18

Der erste Horrortrip: Auf der Suche nach einem Kreislaufstimulans tröpfelte sich der Chemiker Albert Hofmann am 16. April 1943 eine Flüssigkeit auf die Haut und nahm so im Selbstversuch eine winzige Menge des eben synthetisierten Lysergsäurediäthylamids auf. Als Folge erlebte er einen rauschartigen Zustand und eine merkwürdige Unruhe. Dieser Effekt beschäftigte ihn. Drei Tage später machte er den Versuch mit einer größeren Menge und erlebte den ersten LSD-Trip der Menschheitsgeschichte. "Bei geschlossenen Augen (...) drangen ununterbrochen fantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein", notierte Hofmann später. In diesem Zustand nahm er das Fahrrad und fuhr vom Labor nach Hause - und kam dort auf einen Horrortrip: "Alles im Raum drehte sich, und die vertrauten Gegenstände nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. Die Nachbarsfrau, die mir Milch brachte, erkannte ich kaum wieder. Das war nicht mehr Frau R., sondern eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze."

Foto: AFP
5 / 18

Der Volksheld: Die Hautkrankheit Verruga Peruana war eine in der Andenregion weitverbreitete bakterielle Infektionskrankheit - und der junge Medizinstudent Daniel Alcides Carrión wollte unbedingt ein Mittel gegen sie finden. Er injizierte sich daher das Blut eines Erkrankten und starb 39 Tage später überraschend am Oroya-Fieber. Damit hatte Carrión zumindest einen Zusammenhang zwischen beiden Krankheitsverläufen nachgewiesen und wurde in Peru wie ein Märtyrer verehrt: Eine Uni trägt seinen Namen und eine Statue erinnert an den tragisch Verstorbenen.

6 / 18

Friedrich Sertürner: Der Assistent in einer Paderborner Apotheke machte Anfang des 19. Jahrhunderts ausgiebige Selbstversuche mit dem von ihm entdeckten Morphin, das er für das Schmerzmittel der Zukunft hielt. Damit lag er nicht komplett falsch, doch er verabreichte sich einmal eine viel zu hohe Dosis. Schon völlig benebelt, erkannte er im letzten Moment die Symptome einer Vergiftung. Er überlebte seinen Selbstversuch wohl nur, weil er noch geistesgegenwärtig genug war, sich ein Brechmittel zu verabreichen.

7 / 18

Würmer gegen Allergien: David Pritchard, britischer Professor für Parasiten-Immunologie, infizierte sich 2004 absichtlich mit Dutzenden Hakenwurmlarven. Damit wollte er seine These beweisen, dass die Parasiten die Immunabwehr der Menschen so herunterfahren können, dass sich damit auch Heuschnupfen und anderen Allergien lindern lasse. Auf die Idee kam Pritchard schon in den achtziger Jahren während seiner Feldforschung in Papua-Neuguinea. Dort bemerkte er, dass Einheimische, die mit dem Hakenwurm infiziert waren, deutlich weniger an Immunkrankheiten litten. Bis heute ist die Theorie umstritten - sie hat zudem einen Nachteil: Die Parasiten verlassen ihren neuen Wirt freiwillig nicht.

8 / 18

Duell der Giganten: Max von Pettenkofer, Begründer der experimentellen Hygiene, in einer zeitgenössischen Aufnahme. Jahrelang lieferte sich der Münchner Mediziner mit dem Mikrobiologen Robert Koch einen spektakulären Streit über die Ursachen des Ausbruchs der Cholera. Koch hatte den Erreger der Cholera, das Kommabazillus, entdeckt. Pettenkofer hielt dennoch eisern an seiner "Bodentheorie" fest, wonach der Bazillus nicht die alleinige Ursache für den Ausbruch der Krankheit sein könnte - sondern Umwelt- und Bodenverhältnisse. Ungeniert trank er 1892 daher vor den Augen seiner entsetzten Studenten ein Glas mit rund einer Milliarde Kommabazillen. Er wurde, trotz der falschen These, tatsächlich nicht schwerwiegend krank - doch das Duell mit Koch entschied er mit dem Selbstversuch nicht.

Foto: dpa
9 / 18

Jonas Salk: Der US-Immunologe wurde berühmt, als er 1954 einen Impfstoff gegen Polio entwickelte. Bis dahin war Kinderlähmung eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit. Kinder, die abends kerngesund waren, wachten am nächsten Tag mit tauben Körperteilen auf. Mörderische Epidemiewellen rafften Tausende dahin - beispielsweise 1914, als allein in den USA 27.000 Menschen an Polio starben. Um sicherzugehen, dass er wirklich einen verträglichen Impfstoff entwickelt hatte, testete ihn Salk 1953 zuerst an sich. Das Bild zeigt Salk am 27. März 1954 in einem Labor der Universität von Pittsburgh.

Foto: AP
10 / 18

Robert Koch: Der spätere Medizin-Nobelpreisträger experimentierte ebenso mit seinem eigenen Körper. Er injizierte sich 1890 ein Mittel gegen Tuberkulose - und litt unter starken Nebenwirkungen. Auf der Jagd nach einem Impfstoff missbrauchte Koch seine zweite Ehefrau als Versuchskaninchen, auch sie erkrankte ernsthaft. Kochs vermeintlicher Impfstoff Tuberkulin zeigte nach der Markteinführung nicht die gewünschte Wirkung.

11 / 18

Joseph Goldberger: Der US-Epidimologe war der Meinung, dass die Pellagra keine Infektionskrankheit sei, sondern durch Mangelernährung ausgelöst werde. Pellagra äußert sich durch raue Haut, Juckreiz und Schäden am zentralen Nervensystem. Überzeugt von seiner These verschluckte Goldberger Hautschuppen und Exkremente von Erkrankten - und steckte sich nicht an. Seine Annahme war richtig: Pellagra wird durch den Mangel an Vitamin B ausgelöst.

12 / 18

Evan O'Neill Kane: Der US-Mediziner, Mitte, schrieb 1929 Medizingeschichte, als er sich seinen entzündeten Blinddarm selbst aus dem Leib schnitt. Nach gelungener Arbeit legte er zufrieden den Wurmfortsatz in eine Schale. Die Assistenzärzte waren nur Zuschauer; sie nähten ihm lediglich die frische Wunde zu. Der Einsatz war keine Ausnahme: Noch im Alter von 70 Jahren operierte sich Kane selbst an der Leiste. Wenig später starb er an einer Lungenentzündung - diese Behandlung hatte der eigensinnige Mediziner einem Kollegen anvertraut.

13 / 18

Leonid Rogazow: Auch der sowjetische Polararzt entfernte sich eigenhändig einen Blindarm - anders als Evan O'Neill Kane nicht aus Experimentierfreude, sondern aus purer Not. Als der Blinddarm sich entzündete, war Rogazow in einer sowjetischen Station in der Antarktis - 3000 Kilometer vom nächsten Krankenhaus entfernt. Das Foto zeigt Rogazow, wie er sich am 30. April 1961 selbst operiert. Die Do-it-yourself-OP dauerte eine Stunde und 45 Minuten. Zwei Helfer von der Station waren anwesend. Sie sollten eingreifen, falls Rogazow das Bewusstein verliere.

Foto: AP
14 / 18

Horace Wells: Im Dezember 1844 beobachtete der amerikanische Zahnarzt einen Gaukler auf einem Jahrmarkt, der Freiwillige mit Lachgas amüsierte. Neugierig ließ sich Horace Wells die Wirkung des Gases erklären - und glaubte nun, ein neues Mittel zur lokalen Betäubung gefunden zu haben. Er erprobte es erfolgreich bei sich selbst. Doch die öffentliche Präsentation des neuen Mittels geriet dann wirklich zur unfreiwilligen Lachnummer: Die Gasmenge reichte für einen übergewichtigen Patienten nicht aus, so dass der Mann wie am Spieß schrie. Wells war blamiert, experimentierte mit Chloroform als Betäubungsmittel, wurde davon abhängig - und nahm sich das Leben.

15 / 18

William Stewart Halsted: Der US-Mediziner war ein fortschrittlicher Mann. Er führte die Verwendung der Gummihandschuhe bei Operationen ein und gilt zudem als Vater der modernen Brustchirurgie. Doch Halsted beging dennoch einen fatalen Fehler: Er experimentierte - vorwiegend bei sich selbst - ausgiebig mit Kokain-Injektionen als einer neuen Methode der lokalen Betäubung. Schließlich wurde er von seinen Selbstexperimenten kokainabhängig.

16 / 18

Lebender Crash-Test-Dummy: Colonel John Paul Stapp nahm in den fünfziger Jahren an einer Versuchsreihe der U.S. Air Force teil, die der Unfallforscher selbst ins Leben gerufen hatte. Er wollte beweisen, dass ein Mensch Fliehkräfte von mehr als 18 g überleben kann. Für sein Experiment ließ er einen Raketenschlitten zum Testen von Gurtsystemen bauen. Das Gefährt probierte er selbst aus und ließ sich in dem "Höllenschlitten" auf mehr als tausend Kilometer pro Stunde beschleunigen und dann in nur 1,4 Sekunden vollständig abbremsen. 42 g, das 42fache der Erdanziehungskraft, wirkten dabei auf den Wissenschaftler - die höchste Beschleunigung, der sich je ein Mensch freiwillig ausgesetzt hat.

17 / 18

Fahrt auf dem heißen Stuhl: John Paul Stapp testet mit Blick in Fahrtrichtung auf dem Gelände der Edwards Air Force Base in Kalifornien den Raketenschlitten. Der Selbstversuch, den der Unfallforscher mehrmals wiederholte, sollte die Sicherheit verschiedener Flugzeug- und Fallschirmgurte der amerikanischen Luftwaffe prüfen. Bei den Crash Tests brach sich Stapp zweimal das rechte Handgelenk und einzelne Rippen. Aufgrund einer Blutung färbten sich außerdem nach den Testläufen regelmäßig seine Augen dunkel.

18 / 18

Schlangenbissschocktherapie: Der Ig-Nobelpreis in Medizin wurde 1994 in zwei Teilen verliehen. Die eine Hälfte ging an einen ehemaligen Marine-Offizier für eine neue Behandlungsmethode von Klapperschlangenbissen. Der Forscher hatte ein Autostarterkabel an seine Lippen angeschlossen und den Motor fünf Minuten auf 3000 Umdrehungen pro Minute laufen lassen. Die andere Hälfte holte sich die amerikanischen Ärzte Richard A. Gustafson und Richard C. Dart für ihre Arbeit "Misslingen der Elektroschockbehandlung im Fall eines Klapperschlangenbisses".

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?