Versailler Vertrag "Die Stunde der Abrechnung ist da"
Gruppenbild ohne Dame: "The Signing of Peace in the Hall of Mirrors" heißt dieses 1919 angefertigte Gemälde des britischen Künstlers William Orpen. Frauen sucht man in Versailles vergeblich: Sie waren nicht erwünscht, um über die Neuordnung der Welt mit zu verhandeln. Stattdessen luden sie im Mai 1919 zum Frauenfriedenskongress nach Zürich. 150 Frauen aus 16 Nationen nahmen teil - auch die deutschen Frauen waren eingeladen. Die deutsche Pazifistin Lida Gustava Heymann schenkte der Französin Jeanne Mélin als Versöhnungsgeste einen Strauß Rosen.
William Orpen
Historischer Moment: Der deutsche Reichsaußenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) unterzeichnen den Vertrag im Spiegelsaal von Versailles. Laut dem 440 Artikel enthaltenden Vertrag sollte die Weimarer Republik alle Kolonien sowie rund ein Siebtel des deutschen Gebiets von 1914 abtreten, ebenso fast seine gesamte Handelsflotte, ein Drittel der Kohlen- und drei Viertel der Erzvorkommen. Über die Höhe der Reparationen herrschte unter den Alliierten zunächst Uneinigkeit: 1921 wurden sie auf 132 Milliarden Goldmark festgelegt (entspricht heute ca. 300 Milliarden Euro). Zudem musste Deutschland radikal abrüsten: Die Wehrpflicht wurde verboten, nur ein Berufsheer mit 100.000 Mann zugelassen. Vor allem aber sollte Deutschland die alleinige Verantwortung für den Krieg übernehmen sowie den Kaiser und führende Militärs als Kriegsverbrecher den alliierten Gerichten ausliefern. "Das war schlicht nicht aushaltbar", sagt .
Füllfederhalter mitgebracht: Siegel und Unterschriften der deutschen Delegierten unter dem Versailler Vertrag. Bauer und Bell hatten ihre eigenen Schreibwerkzeuge mitgebracht, um nicht mit französischer Tinte unterschreiben zu müssen. Bis zuletzt hatten sich die Deutschen gegen die Unterzeichnung gewehrt. Am 16. Juni 1919 hatten die Alliierten genug und drohten mit der militärischen Besetzung Deutschlands. Erst als der Erste Generalquartiermeister Wilhelm Gröner nach Weimar kabelte, dass eine Wiederaufnahme der Kämpfe aussichtslos sei, lenkte die Nationalversammlung ein und stimmte für eine Unterzeichnung.
"Die Großen Drei": Ankunft der sogenannten Peacemaker in Versailles. Das Foto vom 28. Juni 1919 zeigt den britischen Premier David Lloyd George, US-Präsident Thomas Woodrow Wilson und Frankreichs Premier Georges Clemenceau. "Sie verfolgten völlig unterschiedliche Ziele", sagt Historiker Gerd Krumeich. "Wilson wollte den ewigen Frieden, den Franzosen ging es vor allem um Rache und Reparationen, den Briten um eine Arrondierung ihres Imperiums, den Italienern um Gebietszuwachs. Einigkeit herrschte nur in einem einzigen Punkt - der deutschen Alleinschuld am Krieg. Das war der Kitt, der sie zusammenhielt."
"Führen Sie die Deutschen herein": Mit diesen Worten wies Clemenceau (Bildmitte, rechts neben ihm Wilson, links Lloyd George) um 15.07 Uhr den Protokollchef an, die Vertragsunterzeichner hereinzuführen. Müller und Bell durften am Hufeisentisch Platz nehmen - zwischen der brasilianischen und der japanischen Delegation. Um 15.12 Uhr leisteten sie ihre Unterschrift. Nacheinander unterzeichneten nun - beginnend mit dem amerikanischen Präsidenten - die übrigen 67 Delegierten den Vertrag, was bis 15.49 Uhr dauerte. Nachdem Clemenceau die Sitzung für beendet erklärt hatte, ertönten Gewehrsalven und Kanonenschüsse, im Schlosspark gingen die Fontänen an.
Stumme Anklage Richtung Deutschland: Auf Anordnung des französischen Premiers Clemenceau wurden diese fünf Gesichtsversehrten am 28. Juni 1919 in einer Fensternische des Spiegelsaals von Versailles platziert. Das Foto zeigt (von links) André Cavalier, Pierre Richard, Henri Agogué, Albert Jugon und Eugène Hébert. Ob die Deutschen diese Geste tatsächlich wahrnahmen, ist nicht überliefert.
"Schmachfrieden": Die Sieger feiern, der Verlierer leidet nackt in Ketten - diese Karikatur zum Friedensvertrag von Versailles erschien am 25. Januar 1920 im Satireblatt "Kladderadatsch". Betextet war sie mit: "Einst wird kommen der Tag, da auch diesem Simson die Locken wieder wachsen". Der Vertrag von Versailles war einer von fünf Pariser Vorortverträgen, die 1919/20 zwischen Siegermächten und unterlegenen Staaten abgeschlossen wurden.
"Ich sterbe gern, ich bin ja schon in Versailles gestorben": Diesen Satz soll Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau 1928 auf seinem Sterbebett gesagt haben. Der Politiker war erster Reichsminister des Auswärtigen der Weimarer Republik im Kabinett Scheidemann. Als Leiter der deutschen Delegation wurde er am 7. Mai 1919 in Versailles über die Friedensbedingungen informiert. Frankreichs Premierminister Clemenceau hatte die Zeremonie mit den Worten eröffnet: "Die Stunde der Abrechnung ist da". Im Gegensatz zum französischen Premier war Brockdorff-Rantzau bei seiner Rede sitzengeblieben - ein Affront. Der britische Premier geriet daraufhin so in Rage, dass er einen Brieföffner zerstörte; Clemenceau lief rot an vor Wut.
Deutschland vor der Guillotine: Auch die satirische Wochenzeitschrift "Simplicissimus" agitierte gegen den Versailler Friedensvertrag. Die Karikatur, erschienen am 3. Juni 1919, zeigt (von links) US-Präsident Wilson, den französischen Premier Clemenceau, den britischen Premierminister Lloyd George - und vor der Guillotine das personifizierte Deutschland. Der Text lautet: "Auch Sie haben noch ein Selbstbestimmungsrecht: Wünschen Sie, dass Ihnen die Taschen vor oder nach dem Tode ausgeleert werden?"
"Vive Wilson!": Wohin US-Präsident Wilson (hier 1919 in Paris) auch reiste, überall in Europa wurde er wie ein Heilsbringer gefeiert. Als er am 13. Dezember 1918 in Brest vom Schiff ging, empfing der französische Außenminister Stéphen Pichon ihn mit den Worten: "Wir sind so dankbar, dass Sie herübergekommen sind, um uns die richtige Art von Frieden zu bringen."
Die deutsche Verhandlungsdelegation: In Versailler durften die Verlierer nicht mitverhandeln - "ein absolutes Novum in der Geschichte des Völkerrechts", so Historiker Krumeich im Interview. Das Fozo zeigt (von links): Robert Leinert, Carl Melchior, Johannes Giesberts, Ulrich von Brockdorff-Rantzau, Otto Landsberg und Walther Schücking (Foto von Mai 1919).
Auf Hochglanz poliert: Diese drei Frauen liegen im Spiegelsaal von Versailles auf dem Boden - letzte Arbeiten im 70 Meter langen Prachtsaal vor der historischen Unterzeichnung durch die Deutschen am 28. Juni 1919. Damit rächten sich die Franzosen für die 1871 erlittene Demütigung: Am 18. Januar 1871 wurde Wilhelm I. im Spiegelsaal zum deutschen Kaiser gekrönt.
Die Unterzeichner: Johannes Müller, Reichsminister des Auswärtigen (links) und Johannes Bell (bis 21. Juni 1919: Reichskolonialminister, dann Reichsverkehrsminister) nach der Vertragsunterzeichnung. Der junge britische Diplomat Harold Nicolson schilderte ihren Auftritt im Spiegelsaal so: "Durch die Tür am Ende des Saals erscheinen zwei Huissiers mit Silberketten. Sie marschieren im Paradeschritt. Hinterdrein kommen vier Offiziere, ein französischer, ein britischer, ein amerikanischer und ein italienischer. Und dann, abgesondert und bedauernswert, kommen die beiden deutschen Delegierten. Die Stille ist beklemmend. Ihre Schritte auf dem Parkettstreifen zwischen den Savonnerie-Teppichen hallen hohl im Doppeltakt wider. Sie halten die Blicke von diesen zweitausend sie anstarrenden Augen weggerichtet, zum Deckenfries empor. Sie sind totenbleich."
Pazifist gegen den Frieden: Das Entsetzen gegen die in Versailles ausgehandelten Friedensbedingungen reichte quer durch das politische Lager. Selbst linke Antimilitaristen wie der Schriftsteller Kurt Tucholsky (Foto von 1929) lehnten sich gegen die Beschlüsse der Alliierten auf. Seinen Unmut machte er mit einem am 13. Juni 1919 in der Zeitschrift "Ulk" veröffentlichten Gedicht Luft. "Brüder! Brüder! Schließt die Reihn! / Brüder! das darf nicht wieder sein! / Geben sie uns den Vernichtungsfrieden, / ist das gleiche Los beschieden / unsern Söhnen und euern Enkeln. / Sollen die wieder blutrot besprenkeln / die Ackergräben, das grüne Gras? / Brüder! Pfeift den Burschen was!"
"Gegen den Gewaltfrieden": Protestkundgebung gegen Versailles in Berlin. "Selbst die liberalsten und klügsten Köpfe wetterten gegen den 'Schandfrieden'", sagt Historiker Krumeich im Interview. Und sogar die Alliierten fanden den Versailler Vertrag misslungen. So prophezeite de französische Oberbefehlshaber Ferdinand Foch: "Das ist kein Frieden. Es ist ein Waffenstillstand auf 20 Jahre." Und Herbert Hoover, später US-Präsident, urteilte, der Vertrag sei "von Hass und Rache durchsetzt".
"Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt"? Mit diesen Worten wehrte sich SPD-Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann am 12. Mai 1919 bei seiner Rede in der Nationalversammlung gegen die harten Friedensbedingungen - und trat zurück, um den Vertrag von Versailles nicht unterzeichnen zu müssen. Es folgte das Kabinett Bauer.
Kundgebung gegen den Versailler Vertrag: Tausende Berliner strömen im Lustgarten zusammen, um gegen den "Schandfrieden" zu protestieren. Im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg, der unverstandenen Niederlage und dem Friedensvertrag von Versailles hat der Historiker Gerd Krumeich die Formel vom "kollektiven Trauma" geprägt. Die richtige Therapie laut Krumeich: "Ein vernünftiges Gefallenengedenken, ein gemeinsamer Trauertag, ein anständigerer Umgang mit den rund acht Millionen Kriegsheimkehrern. Das ist für mich die Krätze der Republik: Sie schafft es nicht, die Soldaten moralisch zu integrieren, Hass und Zerrissenheit zu überwinden", so der Historiker im Interview.
Wenn der Mensch zum Material wird: Deutsche Soldaten neben den Trümmern eines Rot-Kreuz-Wagens (Foto von ca. 1916). Im Ersten Weltkrieg, dieser "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (George F. Kennan), starben knapp neun Millionen Soldaten. Etwa doppelt so viele kehrten physisch und psychisch versehrt aus dem Krieg zurück.
Gebrochen an Leib und Seele: Notdürftige Versorgung eines französischen Verwundeten hinter der Front (Foto von 1915). Das zermürbende Verharren im Schützengraben, der pausenlose Beschuss, aber auch der Anblick verstümmelter Kameraden führte oftmals zu gravierenden seelischen Traumata: Die Überlebenden zitterten pausenlos, nässten ein, waren von Ohnmacht, Krämpfen, Sprachverlust geplagt. Viele Ärzte unterschätzten derlei Leiden - und schmähten die psychisch Zerrütteten als "hysterische" Feiglinge und Drückeberger.
Industrie des Tötens: Eine berstende Granate bei Babaume an der Westfront (Foto von ca. 1917). Im Ersten Weltkrieg kamen zahlreiche grauenvolle Waffen erstmals massiv zum Einsatz - darunter Flammenwerfer und Splitterhandgranate, Giftgas und Maschinengewehr, Panzer und U-Boot. Neue Explosivgeschosse zerfetzten die Körper der Soldaten oft bis zur Unkenntlichkeit.
Für immer traumatisiert: Ein französischer Soldat macht Pause vor einer zerstörten Buchhandlung, aufgenommen 1917 in Reims. Die Kriegsheimkehrer kämpften oft ein Leben lang mit den Traumata, wie Erich Maria Remarque 1928 in seinem Kriegsroman "Im Westen nichts Neues" beschrieb: "Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können. Man wird uns auch nicht verstehen (...). Die Jahre werden zerrinnen, und schließlich werden wir zugrunde gehen."
Ein Land liegt in Trümmern: Häuserskelette in der nordfranzösischen Stadt Arras. Die Verheerungen, die der Erste Weltkrieg in Frankreich anrichtete, waren unvorstellbar: Laut Schätzungen wurden 222.000 Häuser, die Hälfte aller Straßen und 5600 Kilometer Schienen zerstört. Granaten und Minen hatten ganze Départements in Mondlandschaften verwandelt. "Anders die Situation in Deutschland", sagt Historiker Krumeich, "wo der Krieg bis zuletzt merkwürdig fern erschien, da er nie auf eigenem Boden ausgetragen worden war. Deshalb verstanden die Deutschen die Niederlage auch nicht."
"Kriegsschuldlüge": Deutschland ein zorniger Kraftprotz in Ketten, die Alliierten ein fieser Geier - rechte Agitation gegen den Paragrafen 231 des Versailler Vertrags von Künstler Heinz Wever. Darin hieß es wörtlich: "Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben."
Münchner Dolchstoßprozess: Die Frage nach dem Grund für die deutsche Niederlage 1918 beherrschte die Diskussionskultur der Weimarer Republik über Jahre - 1925 fand in München sogar ein Dolchstoßprozess statt, ausgelöst durch Nicolaus Cossmann. 1924 veröffentlichte der Herausgeber der "Süddeutschen Monatshefte" Dokumente, die eine starke Mitschuld der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) an der deutschen Niederlage nachweisen sollten (das Foto zeigt das Titelblatt der Publikation). Ergebnis des Prozesses: Die MSPD wurde vom Dolchstoßvorwurf entlastet.
"Wer hat im Weltkrieg dem deutschen Heere den Dolchstoß versetzt?" Der rote Verbrecher rammt dem siegreichen deutschen Soldaten von hinten den Dolch in den Rücken - mit dieser Lüge machte die DNVP 1924 Wahlkampf. Am erfolgreichsten instrumentalisierte Adolf Hitler die Legende für seine Zwecke. Er habe verstanden, "wo es wirklich drückt - bei der versagten Ehre für die Soldaten", so Gerd Krumeich. "Dieses politische Vakuum füllen die Nazis. Sie errichten Denkmäler, huldigen den Toten und Beschädigten des Krieges, heilen die nationale Wunde. Und beharren am konsequentesten von allen auf der Auslöschung von Versailles. Das - und nicht der Antisemitismus - erklärt den großen Jubel, diese emotionale Begeisterung für Hitler."