Verweigerungsbriefe - DER SPIEGEL
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Verweigerungsbriefe Die Nein-Sager

In Deutschland wird in diesem Jahr die Wehrpflicht ausgesetzt, mit ihr endet vorerst auch die Ära der Verweigerungsschreiben. einestages blickt zurück auf wütende, nachdenkliche und verzweifelte Briefe von jungen Männern, die die Bundeswehr boykottierten - oder ganz schnell verlassen wollten.
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Anonym, 2003: "Zur Zeit des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien wurden Bilder von Vertreibung, Verfolgung und Massengräbern gezeigt. Unser Verteidigungsminister Scharping [...] machte Stimmung für eine militärische Offensive der Nato mit fragwürdigen Fotos und zweifelhaften Aussagen. Der Verdacht drängt sich auf, dass er log, um ein militärisches Vorgehen im Namen humanitärer Hilfe zu rechtfertigen. [...] Was ich damit sagen will: Hinter jedem Krieg stehen politische und wirtschaftliche Interessen. Ich möchte mich nicht zum Spielball derjenigen machen, die ihre Interessen mit militärischen Mitteln durchsetzen wollen. [...] Die Nato-Luftschläge waren für mich aus damaliger Sicht schon verhinderbar gewesen und damals war ich davon überzeugt, dass sie nur noch mehr Leid und Trauer über die Zivilbevölkerung bringen würden."

Deutsche Panzer am 12. Juni 1999 in Mazedonien kurz vor der Grenze zum Kosovo.

Foto: Georgi_Licovski/ dpa
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Anonym, 1993: "Die Bundesrepublik wird militärisch nicht bedroht. Unabhängig davon, ob man der Meinung ist, dass eine solche Bedrohung jemals bestanden habe, ist seit den Umwälzungen in Osteuropa den offiziellen Begründungen für Rüstung und Militär jede Grundlage entzogen."

Nato-Luftangriff im Kosovo, 1999.

Foto: Kai K.
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Markus Meckel, 1975 (Ex-MdB der SPD und letzter Außenminister der DDR 1990): "Ich verweigere den Wehrdienst auch in Blick auf die deutsche Vergangenheit. Von Deutschen ist zweimal ein Weltkrieg ausgegangen. Umso notwendiger ist es, dass diese sich jetzt entschieden für Frieden und Abrüstung einsetzen. Es kommt dazu, dass ich mich im Falle eines Krieges gegen Freunde und meine eigenen Verwandten wenden müsste, die in der Bundesrepublik wohnen."

Szene aus dem Antikriegsfilm "Im Westen nichts Neues" (1930), hier mit Lew Ayres und Raymond Griffith.

Foto: ddp images
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Ausgebildeter Bundeswehr-Offizier (27), 2010: "Als dann im April 2010 eine Vielzahl von Kameraden in Afghanistan zu Tode gekommen sind, sprach man öffentlich und politisch zunächst von 'kriegsähnlichen Zuständen' und letztendlich auch vom 'Krieg'. Ich wurde nun immer mehr mit dem eigentlichen Beruf des Soldaten konfrontiert. [...] Die Trauer und das Leid der der Familien haben mir innerlich so stark zugesetzt, dass ich während der Beisetzung im Fernsehen geweint habe. [...] Allerdings möchte ich nicht beteiligt sein, Trauer bei Familien zu verbreiten, indem ich ihnen ihre geliebten Menschen nehme."

Die Beerdigung zweier deutscher Fallschirmjäger im Oktober 2008 in Zweibrücken. Die 22- und 25-jährigen Männer waren bei einem Selbstmordanschlag nahe Kunduz ums Leben gekommen.

Foto: REUTERS
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Eckard Bretzke, 22 Jahre alt, 1963 (heute Pastor im Ruhestand): "In den ersten Nachkriegsjahren war man unter dem Eindruck des nicht zu fassenden Elends allgemein gegen jegliche Aufrüstung, zumal man auch überzeugt war, Gott selbst habe dem Deutschen Volk die Waffe aus der Hand geschlagen. Franz Josef Strauß sagte 1949, dass jedem die Hand abfallen solle, der eine Waffe in die Hand nehme."

Überlebende des KZ Auschwitz nach der Befreiung durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945.

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Anonym, 2002: "Man betrachte das Verhalten der USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Man argumentiert, der Krieg in Afghanistan würde zur Bekämpfung des Terrors geführt."

Die brennenden Türme des World Trade Center nach dem Terroranschlag, aufgenommen von einem Mitarbeiter des National Park Service.

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Eckard Bretzke, 22 Jahre alt, 1963 (heute Pastor im Ruhestand): "In Japan wurde nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki in der neuen Verfassung von 1947 der Pazifismus verankert."

Die japanische Stadt Hiroshima am 6. August 1945 nach der Explosion der Atombombe.

Foto: Getty Images
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Georg Alt (Name geändert), Reserve-Offizier (44), 1985: "Ich half für die Dauer von sechs Stunden mit, die militärische Maschinerie zu behindern. Die Tatsache, dass ich als Reserve-Leutnant der Bundeswehr Soldaten dieser selben Bundeswehr an der Verrichtung ihrer Dienstpflichten hinderte, wurde mir mit meinem Tun erst so richtig bewusst."

"Ohne das Andenken an die Opfer der Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 verunglimpfen zu wollen, sah und sehe ich zwischen den Atomwaffenlagern unserer Tage und den Konzentrationslagern von damals eine unheilvolle Parallele."

"Die Forderung 'Nie wieder Krieg', die nach dem Zweiten Weltkrieg alle Deutschen, auch die CDU, mitgetragen hat, ist für mich angesichts des drohenden atomaren Holocausts eine aktuelle Tagesforderung."

Im September 1983 demonstrierten Friedensaktivisten mit einer Sitzblockade vor der US-Raketenbasis in Mutlangen. Mit dabei auch die Grüne Petra Kelly (mit dem Blumenhelm) und ihr Lebensgefährte, der ehemalige Bundeswehrgeneral Gert Bastian (schräg links hinter ihr).

Foto: AP
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Andreas Goll (Name geändert), 1984: "Mir ist zum Beispiel stets unverständlich geblieben, wie man als Deutscher eine ganze Armee nach Osten ausrichten kann, wo doch dort ein Teil unseres eigenen Vaterlandes liegt und somit das oft angeführte Argument der Vaterlandsverteidigung hinfällig wird. Selbst wenn jemand es scheinbar vor seinem Gewissen verantworten kann, im Kriegsfall einen anderen Soldaten zu töten [...], müsste ein Deutscher auf eine Bewaffnung verzichten, da er das eigene Land vor dem eigenen Land verteidigen würde."

Eine Ost-Berliner Kolonne errichtet unter Aufsicht von bewaffneten DDR-Volkspolizisten am 18. August 1961 an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze am Potsdamer Platz eine Mauer. Sie wurde zum Symbol der deutsch-deutschen Teilung.

Foto: Upi/ dpa
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Anonym, 1995: "Mein damaliger Wohnort in Berlin [...] lag nur wenige hundert Meter von der Mauer entfernt. Häufig habe ich die Aussichtsplattform in [...] besucht. Direkt daneben befand sich ein Holzkreuz eines 1961 erschossenen DDR-Bürgers. Beim Beobachten der Grenzsoldaten im Wachturm oder auf Streife wurde mir schmerzlich bewusst, was es für mich bedeutet hätte, dort Dienst zu tun. [...] Auch wenn es sich dabei im Gegensatz um einen totalitären Staat gehandelt hat und nicht direkt um Kriegshandlungen, so erzeugte diese Konfrontation mit Tod und Gewalt bei mir ernste Zweifel am eigenen Tun."

Kreuze mit den Namen der Opfer an einem Gitter vor der Berliner Mauer erinnern auf der West-Berliner Seite an die Menschen, die bei ihrer Flucht aus der DDR von Grenzsoldaten erschossen wurden. Die Aufnahme entstand 1986.

Foto: dpa
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Anonym, 1997: "Als ich außerdem erfuhr, dass die Bundeswehr Anti-Demonstrationszüge aufbaute, um sogar im 'Ernstfall' gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen, außerdem mögliche Einsätze von Tieffliegerangreifern gegen die eigene Bevölkerung zur Zeit der Stoltenbergregierung ernsthaft in Erwägung gezogen wurden, um 'feindliche Brokdorf-Demonstranten' auseinanderzutreiben."

Polizisten versuchen am 26. Februar 1981 während einer Demonstration gegen den Bau des Atomkraftwerks im schleswig-holsteinischen Brokdorf mit Wasserwerfern eine Blockade der Demonstranten aufzulösen.

Foto: dpa
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Peter Tobiassen, 1973, Geschäftsführer der Zentralstelle KDV: "Die gewaltsame Auseinandersetzung wird wie in diesem einen Fall in Israel viele Opfer fordern, die mit der Auseinandersetzung nichts zu tun haben. Ich kann als einzelner nicht verhindern, dass immer wieder solche schrecklichen Sachen vorkommen. Ich kann aber versuchen, indem ich mich weigere, mich für derartige Sachen ausbilden zu lassen, die Bereitschaft durch mein Beispiel zu mindern, sich für so etwas Unmenschliches zur Verfügung zu stellen."

Das Foto zeigt Tobiassen am 2. September 2010 in seinem Büro in Bockhorn (Kreis Friesland).

Foto: dpa
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19-Jähriger, nach Grundwehrdienst, 2009: "Ich bekam erste Zweifel am Kriegsdienst im Unterricht der Bundeswehr über die Aufgaben der Bundeswehr und die derzeitige weltpolitische Lage. So erfuhr ich zum Beispiel, dass mit den Anschlägen am 11. September 2001 in den USA der Nato-Bündnisfall in Kraft trat. Durch meine Position als Soldat begann ich darüber nachzudenken, ob ein militärischer Einsatz gegen ein Land durch diese Anschläge gerechtfertig sei, da es so gesehen keine völkerrechtlichen Kriegsparteien gibt."

Mit einem Wärmesuchgerät versucht ein Feuerwehrmann am Morgen des 12. September 2001 in den Trümmern des World Trade Center Überlebende zu finden.

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19-jähriger Bundeswehrsoldat, 2009: "Es stellte sich heraus, dass dieser Oberleutnant erst kurz nach einer Einplanung für einen Einsatz in Afghanistan Suizid beging. Ein Zusammenhang war offensichtlich. Emotional und seelisch traf mich dieser Vorfall sehr schwer. Ich musste in dieser Zeit sehr oft daran denken, dass auch diesen Oberleutnant die gleichen Gewissenskonflikte beschäftigt haben könnten wie mich zu dieser Zeit."

Zwei Bundeswehrsoldaten suchen im Dezember 2009 Deckung, nachdem sie während des Versuchs eine Brücke nahe Kunduz wieder aufzubauen, angegriffen wurden.

Foto: REUTERS
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Anonym, 1993: "Bei der Alarmübung war ich mit zwei weiteren Sannis zwei Tage im B-50 (Atombunker) untergebracht. Man hat viel Zeit zum Nachdenken in 48 Stunden, was man bei der Bundeswehr aber zu vermeiden hat. Ich fand heraus, dass dieser Bunker Filteranlagen besitzt, die ganze 30 Stunden vor Fallout (radioaktiver Niederschlag) schützen. Über die Risse im Mauerwerk möchte ich mich an dieser Stelle nicht auslassen. Einige Stunden bevor die Übung beendet wird, beginnen die Fallout-Meldungen aus dem gesamten Bundesgebiet. Ich fragte einen Kameraden, was dies zu bedeuten hat und er antwortete lapidar, 'wir können bald nach Hause'. Im sogenannten V-Fall bedeutet es aber nichts anderes als Feuer und Asche, Radioaktivität, vollständige Zerstörung der Lebensgrundlagen für Jahrtausende, Tod. Dieses Beispiel steht für die absolute Sinnlosigkeit der damals vorherrschenden Militärstrategie und jeden Krieg. Das zu verteidigende Gebiet hat keine Überlebenschance."

Das Bild zeigt Bundeswehrsoldaten 2002 im Bunker Harnekop.

Foto: Patrick Pleul / dpa
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