Wie die Zeit vergeht mit... Weihnachten bei den Wagners
42 Jahre Heiligabend: Zwischen 1900 und 1942 knipsten die Wagners fast jedes Jahr ein Foto unterm Weihnachtsbaum. Die Bilder dokumentieren fette und magere Jahre, technische Neuerungen - und die verheerenden Auswirkungen zweier Weltkriege. einestages zeigt eine Auswahl der beeindruckenden Aufnahmen.
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1900
Das Bild zeigt ein Paar unter dem Weihnachtsbaum. Er, festlich gekleidet mit Jackett und Fliege, in der Hand eine lange Pfeife. Sie hält die Katze Mietz auf dem Schoß. "Essen. Weihnachten 1900" steht darunter. Betrachtet man allein dieses Motiv, ist es nichts Besonderes. Eine junge Familie im Kaiserreich. Ein Bild, wie man es so ähnlich vermutlich in etlichen alten Fotoalben finden kann. Ein schöner Moment, der dem Vergessen entrissen wurde - aber nicht mehr.
Auch, wenn man es diesem Bild nicht ansieht, ist es doch Teil eines erstaunlichen Schatzes: Denn es ist nicht das einzige Mal, dass die Wagners sich mit ihren Geschenken unter dem Weihnachtsbaum fotografierten. Zwischen 1900 und 1942 nahmen Richard Wagner und seine Frau Anna beinahe jedes Jahr ein solches Festtagsbild mit Gabentisch auf, um es als Grußkarte an Freunde zu versenden.
Die Serie ist eine Freude für aufmerksame Betrachter und ein Glücksfall für Historiker. Denn der Mikrokosmos unterm Weihnachtsbaum verrät vieles darüber, wie einfache Familien in Deutschland die ersten vier Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verlebten: einer Zeit, die geprägt war von zwei Kriegen, politischen Umbrüchen, Inflation, der Weltwirtschaftskrise - aber auch technischen Neuerungen, die über den Gabentisch den Weg in den Haushalt der Wagners fanden.
1908
Richard Wagner war Beamter bei der Eisenbahn und begann seine Karriere als Betriebssekretär. Sein Hobby, das Fotografieren, ließ er sich offenbar einiges kosten. Denn die Bilder entstanden mit einer Flachdelta-Kamera der Wiener Firma Wachtl. Um 1900 kostete ein solcher Fotoapparat rund 240 Mark - etwa einen Monatslohn.
Anna Wagner wurde in diesem Jahr besonders reich beschenkt. Stolz zeigt sie auf dem Bild ihre neue Ausstattung: Jackett, Spitzenbluse, Rock und ein reichlich merkwürdig aussehender Hut, der damals allerdings der Mode entsprach.
1908 war das letzte Jahr, das die Wagners in Essen verlebten. Im folgenden Jahr zogen sie nach Berlin.
1915
Die Bilder der Wagners sind auch deshalb ein Sonderfall, weil die Bilderserie nicht von den Weltkriegen unterbrochen wird. Richard Wagner ist beim Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 bereits zu alt, um noch eingezogen zu werden. Die Kampfhandlungen verfolgt er allerdings mit großem Interesse, wie die Europakarte zeigt, auf der die Truppenbewegungen festgehalten sind.
Im zweiten Kriegswinter sind die Lebensmittel rationiert, in einigen Berliner Vororten kommt es im Winter 1915 zu Unruhen wegen Lebensmittelknappheit. Der Beamte hält diese Form des Protests scheinbar für unpatriotisch und versteckt in diesem Bild einen sarkastischen Kommentar: Auf dem kleinen Schild neben der Schüssel voller Würste und dem Korb mit Eiern steht "Hungersnot".
1917
Waren die Wagners im berüchtigten Kohlrübenwinter von 1916 noch gut versorgt, werden im vierten Kriegsjahr auch sie von den Auswirkungen der Rationierung eingeholt: "Weihnachten 1917 bei Kohlenmangel" steht unter diesem Bild. Der Zugriff auf Kohle, Gas und Heizöl ist beschränkt, und so verbringen die Wagners das Fest in dicken Wintermänteln.
Auch der große Holzkasten im Vordergrund ist ein Zeichen des Mangels. Es ist eine sogenannte Kochkiste: ein wärmeisoliertes Behältnis, in das man auf dem Herd erhitzte Lebensmittel hineinstellte, damit sie ohne weitere Wärmezufuhr garten.
1924
Nach dem Ersten Weltkrieg stürzte Deutschland in eine Inflation, die Richard Wagner veranlasste, fortan die Preise für jedes Geschenk auf der Rückseite der Karte zu notieren. Ein besonders steiler Kostenanstieg traf das Ehepaar zwischen 1921 und 1922. Zwischen diesen zwei Weihnachtsfesten stieg der Preis einer Tafel Schokolade von 7,50 Mark auf 500 Mark, eine Weihnachtstanne kostete nun 350 statt zwölf Mark.
1924 hatte sich die Lage einigermaßen erholt. In diesem Jahr präsentierten sich die Wagners ihren Freunden in Hausjoppe und Hauskleid, ihren Weihnachtsgeschenken. Zudem gab es für Anna noch einen echt goldenen "Klunker" für 8,75 Mark und ein Fläschchen "Dr. Dralles Birkenwasser", ein entspannendes Kopfmassagewässerchen für Menschen, die geistig arbeiten.
1927
In diesem Jahr hielt die Elektrik Einzug ins Haus der Wagners. So wird der Baum erstmals von einer Lichterkette statt von Wachskerzen erleuchtet. Im Vordergrund wird stolz ein Staubsauger der Firma Progress präsentiert. Erst kurz zuvor waren die Haushaltshilfen handlicher geworden und hielten nun langsam Einzug in die Wohnungen - zu einem stolzen Preis: Während der ebenfalls in diesem Jahr erstandene Mopp 3,50 Mark kostete, schlug der "Progress" mit 140 Mark zu Buche.
1933
Weihnachten im Jahr 1933 sieht bei dem Ehepaar nicht anders aus als in vielen Jahren zuvor. Offenbar haben sich die beiden im Laufe des Jahres eine neue Gardine geleistet. Richard Wagner ist mittlerweile deutlich ergraut und hat etwas zugelegt.
Dabei befindet sich Deutschland mit Hitlers Machtübernahme in einem politischen Umbruch, der das Land schon bald ins Verderben führen sollte. Jüdische Geschäfte werden boykottiert, "nicht-arische" Beamte von ihren Arbeitsplätzen verdrängt. In Bremen, Dresden, Frankfurt, Berlin und vielen anderen Städten gehen Bücher unliebsamer Autoren in Flammen auf.
Auch wenn die Wagners von diesen Entwicklungen nicht unmittelbar betroffen waren, sollten die Schrecken des "Dritten Reichs" auch an ihnen nicht spurlos vorübergehen.
1937
In diesem Jahr leisten sich die Wagners neben einem Nähkasten und einer Brotschneidemaschine auch einen "Volksempfänger", Modell VE 301. Es war natürlich nicht das erste Radio des stets an technischen Neuerungen interessierten Richard Wagner. Doch in den letzten Jahren waren die Preise für die Geräte rasant gefallen. Auch deshalb, weil die Nazis das Radio als wichtiges Sprachrohr verstanden, um ihre Propagandareden in die heimischen Wohnzimmer zu schicken.
So sorgte die "Dr. Goebbels-Rundfunk-Spende" etwa dafür, dass am 19. Dezember 1937 "bedürftigen Opfern des Krieges und der Arbeit" Radiogeräte geschenkt wurden.
1940
Fast trotzig wirkt die Heiterkeit, die das Ehepaar Wagner auf diesem Bild zur Schau stellt. Ein zweites Mal müssen sie Weihnachten im Wintermantel verbringen. Und nicht nur das: Nachtangriffe der britischen Bomber bringen den Zweiten Weltkrieg direkt vor die Haustür des Ehepaars. Wenige Tage vor dem Fest wurde der Berliner Dom getroffen und schwer beschädigt. Auch die Kerzen dürften an diesem Heiligabend nicht besonders lang gebrannt haben. Zwischen 16.49 Uhr und 9.11 Uhr am nächsten Morgen musste laut "Berliner Lokal-Anzeiger" verdunkelt werden.
1942
Es ist der vierte Kriegswinter. Während in anderen Berliner Familien die Zuteilung der Kerzen so knapp bemessen ist, dass aus Wachsresten notdürftig Lichter herstellt werden, scheint es den Wagners mit ihrer elektrischen Weihnachtsbeleuchtung noch ganz gut zu gehen.
Doch spurlos ist der Krieg auch an ihnen nicht vorübergegangen: Im Vergleich zum Fest von 1940 haben die beiden stark abgenommen. Besonders Anna Wagner wirkt ausgezehrt. Es ist das letzte Weihnachtsbild des Ehepaars.
Am 23. August 1945 stirbt Anna im Alter von 71 Jahren laut dem Register der Friedhofsverwaltung "an allzu großer Abmagerung". Nach ihrer Einäscherung wurde sie in einem Massengrab beigesetzt. Richard Wagner überlebte seine Frau um fünf Jahre.
Von Benjamin Maack