Weltkriegsdrama Das Boot
Abschied: Die "Godafoss" legt in Reykjavik ab. "Werden Sie zurückkehren?", ist ein Gedanke, der viele Angehörige und Freunde an der Pier beschäftigt. Es ist Oktober, als die "Godafoss" sich auf den Weg nach New York macht - und November, als sie an der Ostküste der USA die Anker lichtet, um die gefährliche Reise in die Heimat anzutreten. Am 10. November 1944 um 13 Uhr wird sie von U300 torpediert.
Ein Weltstar auf kleiner Bühne: Die Auftritte von Marlene Dietrich in Reykjavik versetzen die Inselbewohner in Verzückung. Im September ist Dietrich auf die von den Alliierten besetzte Insel Island gereist, um den Menschen mit ihrer Stimme Mut zu machen. "Die weitaus berühmteste Person, die jemals zu Besuch nach Island gekommen ist", titelt die Zeitung "Morgunbladid".
Ein Bild von einem Kapitän: Sigurdur Gislason ist der Kapitän der "Godafoss". In seiner Freizeit schwimmt er gerne, malt und fährt Motorrad.
Sigurdur Gudmundsson: Der damals 18-jährige Matrose auf der "Godafoss" gilt als Ziehsohn des Kapitäns. Nach dem Torpedoangriff versucht er zunächst, auch das Leben des kleinen Jungen Oli zu retten. Doch im Sog der untergehenden "Godafoss" muss er das Kind loslassen.
Mann mit Vorahnung: Arnar Jonsson, der als Koch auf der "Godafoss" arbeitet, erhält ein Jahr vor der Reise nach eigenen Aussagen eine übersinnliche Warnung. Bei einer Seance mit Freunden wird ihm das genaue Datum mitgeteilt, an dem die "Godafoss" sinken soll. Jonsson glaubt nicht daran, schreibt sich den Tag und die Stunde aber auf einen Zettel: 10. November 1944, 13 Uhr. Jonsson überlebt den Angriff von U300.
Die Besatzung von U300: Fünfzig Männer leben monatelang auf dem 76,76 Meter langen Boot zusammen, unter schwierigsten Bedingungen. "Wir waren Versuchskaninchen", sagt Horst Koske.
Das kurze Glück: Der Passagier Halldor Sigurdsson verliebt sich während der Reise der "Godafoss" von New York nach Reykjavik in die hübsche Sigidur Thormar. Das Paar steht oft an Deck und beobachtet die Wellen. Beide überleben den Angriff auf die "Godafoss" nicht.
Trauer: Die Zeitung "Morgunbladid" veröffentlicht eine Liste und Fotos der Toten. Besonders das Schicksal der kleinen Kinder bewegt die Isländer. Insgesamt sterben 24 Menschen am 10. November.
Glück: Auch die Überlebenden werden gezeigt. Viele Angehörige schwanken in diesen Tagen zwischen Hoffen und Bangen, weil sich die Rettung der im Wasser Treibenden endlos hinzuziehen scheint. Island steht unter Schock.
Kleiner Frieden im Krieg: Horst Koske und Willi Zacharias während einer Pause im sogenannten "Wintergarten" von U300. Dass die Besatzungsmitglieder ans Freie kommen, ist selten.
Wochenlang fährt das Boot, ausgerüstet mit einem Schnorchel, ohne aufzutauchen unter Wasser. Manchmal ist die Luft an Bord so schlecht, dass die Soldaten ohnmächtig werden, wenn Frischluft ins Boot strömt.
Schiffe in Sicht: Ölgemälde von Kapitän Gislason, das einen Schiffskonvoi auf dem Atlantik zeigt. Das Bild hängt heute im Wohnzimmer des einstigen Matrosen Sigurdur Gudmundsson.
Die Bergung: Besatzungsmitglieder von U300 werden in einem Rettungsboot an Bord des englischen Kriegsschiffs gebracht. In der Mitte erkennt man Horst Koske, der als Einziger die Rettungsweste verkehrt herum trägt.
Nach dem Krieg kamen die Alpträume: Der Funker Horst Koske kam 1944 mit 21 Jahren an Bord von U300. Nach dem Krieg betrat er nie wieder ein U-Boot, "er konnte nicht", zitiert ihn Buchautor Stefan Krücken. Stattdessen wird Koske durch den immergleichen Alptraum geplagt. Koske läuft auf einen Sandberg, versinkt und ertrinkt.
Der Zeuge: Sigurdur Gudmundsson ist einer der Überlebenden des Unglücks der "Godafoss". Er hegt keinen Groll gegenüber den Deutschen, im Gegenteil: Nach dem Krieg machte er oft Urlaub in Deutschland. Auch andere Überlebende äußerten sich ohne Zorn. "Sie sind bereit für ein Zeichen der Versöhnung", sagt Mitautor Ottar Sveinsson.
"Du bist alt geworden": Die Versenkung des isländischen Passagierschiffs durch deutsche U-Boote ist für die Isländer eine Art nationales Trauma. Fast 70 Jahre danach kommen ein Überlebender der "Godafoss" und der Funker des U-Boots auf der Frankfurter Buchmesse zum ersten Mal zusammen. Sigurdur Gudmundsson, links, begrüßt Horst Koske und hat während der Umarmung sogar einen Scherz parat: Einen "alten Mann" nennt der 85-Jährige den 88-Jährigen.