West fotografiert Ost Ost-Berlin, mon amour
Kohle regiert die Welt: Briketts umladen, Stück für Stück - der säuerliche Braunkohle-Mief über Ostberliner Straßen war für viele westdeutsche Besucher einer der prägendsten Eindrücke.
Quarkkeulchen: Sächsische Spezialitäten liefen auch im preußischen "Berlin - Hauptstadt der DDR" blendend, wie hier 1982 in Mitte. Ob die Quarkkeulchen derweil in Dresden aus waren, wie so vieles, weil Berlin vorrangig beliefert werden musste?
Begegnungen: Krieg spielen Kinder überall - der ältere Herr an Krücken nimmt es scheinbar gelassen, dass der kleine Junge ihn in der Max-Beer-Straße in Berlin-Mitte mit seinem Spielzeuggewehr ins Visier nimmt.
Schöner Schein im Sozialismus: Karl Marx als Werbeträger für Kosmetika - das gab es nur im Realsozialismus. Ein Kosmetikgeschäft Unter den Linden bietet "Fabulon"-Produkte feil unter dem Motto "Weiter voran für Frieden und Sozialismus!".
Marsch, marsch zum Aufmarsch: Der "Tag der Arbeit" am 1. Mai war wohl eines der wenigen gesamtdeutschen Rituale - im Osten allerdings von der SED und ihrer Einheitsgewerkschaft FDGB sehr viel straffer organisiert als in der Bundesrepublik vom DGB. Die Begeisterung der Teilnehmer wurde dadurch nicht größer, wie man in den Mienen der Ost-Berliner Kundgebungsteilnehmer am 1. Mai 1983 zu erkennen meint.
Einsamer Spaziergang: Wenn der Wind zwischen den Plattenbauten weht, bringt er die Melancholie mit sich. Ob der kleine Junge gerne Tischtennis spielen würde? Platten sind genug da, aber wo sind die anderen Kinder?
Weihnachtsfeier: Im Palast der Republik stimmt ein Kinderchor zur Weihnachtsfeier 1981 sozialistisches Liedgut an - oder sollte es doch "O Du fröhliche" gewesen sein?
Ostberlin: Fan-Sehnsucht hat ihre Spuren an Ost-Berliner Häuserwänden wie hier an der Brunnenstraße/Ecke Schönholzer Straße hinterlassen - die herrschenden Kommunisten verstanden solche Schwärmereien für westliche Pop-Ikonen wie Udo Lindenberg ("Sonderzug nach Pankow"), nicht völlig zu Unrecht, auch als politisches Statement
Reparaturstützpunkt: Neben dem Schriftzug am "Service Center" (wie man heute sagen würde) der Kommunalen Wohnungsverwaltung in Berlin-Mitte prangt, schon leicht verblichen, das Signet der Bewegung "Schöner unsere Städte und Gemeinden - mach mit". Leicht gesagt als getan, angesichts der dauernden Materialknappheit. Nötig hatten es die Städte ja, die Achtziger waren das Jahrzehnt des rapiden Verfalls vieler historischer Innenstädte in der DDR.
Kein Durchgang: Die Grenzanlagen an der Otto-Grotewohl-Straße, der früheren Wilhelmstraße, Ecke Reichstagsufer. Weil er es wagte, die Ostseite der Mauer zu fotografieren, landete der Fotograf Udo Hesse in den Fängen der Stasi - und anschließend denen der West-Geheimdienste.
Von Udo Hesse: "Als noch Osten war. Fotografien aus Berlin-Mitte, Prenzlauer Berg und Köpenick aus den achtziger Jahren", erweiterte Neuauflage, Berlin Story Verlag 2007.
Alter Reisepass: Ein- und Ausreisestempel der DDR. Daneben, ganz brüderlich Kuba, wie der Zufall es will.