Wie die Zeit vergeht mit... Kinderwagen
Von der Schubkarre zum Sportwagen: Vor 160 Jahren kam in London der erste Kinderwagen der Welt auf den Markt. Lange konnte sich nur die Oberschicht die erlesenen Karren leisten. Dann rollte eine Revolution an. einestages zeigt die Evolution der Babytransporter - und ihre schrägsten Modelle.
Reisen Sie in der einestages-Bildergalerie durch die Jahrzehnte!
1900
Seinen Ursprung hatte der fahrbare Untersatz für Kleinstkinder im 19. Jahrhundert ausgerechnet im Land des Linksverkehrs: Er entstand dort aus sogenannten Stubenwagen, ähnlich diesen Anfang des 20. Jahrhunderts in einem deutschen Hort aufgenommenen Exemplaren. Dies waren lediglich Kinderkörbchen, an denen Räder und eine Stange angebracht wurden, um die Sprösslinge in der Wohnung umherfahren zu können.
1905
Wie eine Schubkarre mutet dieser einfache, gedrechselte Kinderwagen mit Stützbeinen an, in dem zwei kleine Mädchen im Sonntagskleid ihr Brüderchen spazieren fahren. Die Ähnlichkeit kam nicht von ungefähr: Schon im Mittelalter wurden in Europa Schubkarren benutzt, um Kinder darin herumzufahren.
In den neuartigen "Perambulatoren", die der britische Erfinder Charles Burton 1852 in London erfand, konnte der Nachwuchs dann zwar auch liegend transportiert werden - doch sie waren zunächst nur für die Oberschicht erschwinglich. Damals glaubten allerdings ohnehin viele Eltern noch, Frischluft sei schädlich für Babys - und hatten dementsprechend wenig Interesse daran, ihre Sprösslinge draußen herumzukarren.
1926
Schieben? Wie vorsintflutlich! Ganz im Geiste der Industrialisierung versuchte die Kinderwagen-Branche bald, schnöde Muskelkraft durch Maschinenkraft zu ersetzen. Dennoch konnte sich der in den zwanziger Jahren entwickelte, motorisierte Selbstfahrer-Kinderwagen nie so richtig durchsetzen - im Gegensatz zu pedalgetriebenen Kinderkutschen mit drei Rädern wie diesem.
1934
Kinderwagenwagen: Als die Kleinkinderkutschen erschwinglicher wurden, setzte bald ein wahrer Kinderwagen-Boom ein. Die Babyfahrzeugindustrie wurde experimentierfreudiger - und schuf Modelle wie dieses zerlegbare Exemplar, das, seiner schweren Eisenräder entledigt, problemlos ans Autoheck geschnallt werden konnte. Auf dem Schoß der Beifahrerin landete das Baby - und in dessen Wägelchen der Hund.
1937
Propaganda-Vehikel: In der Nazi-Zeit musste selbst der Kinderwagen mitunter als Propaganda-Werbeträger herhalten - wie dieses bedrückende Beispiel eines Kinderwagens in einem niederbayrischen Dorf zeigt.
1938
Hilfe, die Bullen kommen! Nicht immer reagierten Kinder mit der gleichen Begeisterung wie ihre Eltern darauf, nun durch die große, weite Welt geschoben zu werden. Schließlich war die nicht nur groß und weit, sondern auch verdammt gefährlich - scheint jedenfalls dieses Mädchen zu denken, das dank Kinderwagen am 6. Juli 1938 auf einer landwirtschaftlichen Schau in Cardiff einem preisgekrönten Bullen auf Augenhöhe begegnen darf.
1956
Kinder-Trabi: Mitte des 20. Jahrhunderts gingen das Design von Kinder- und Erwachsenenwagen oft Hand in Hand - auch jenseits der Mauer. Dieses in zeitlos elegantem Aschgrau gehaltene Modell auf dem Putbuser Bahnhof bestand zwar aus noch mehr Plaste als sein großer Bruder, der Trabant - dafür dürfte die Wartezeit auf eines dieser Exemplare auch merklich kürzer gewesen sein.
1965
Staatskarosse: Seinen Adelsschlag erhielt der Kinderwagen, als er gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch am englischen Königshof eingeführt wurde.
Auch, nachdem das Kindergefährt für das gemeine Volk erschwinglich wurde, hielt das Haus Windsor ihm die Treue - wenn auch in exklusiverer Ausführung: Das Modell, in dem hier der gerade mal ein Jahr alte Prinz Edward zum 39. Geburtstag von Queen Elizabeth II. (links) im königlichen Garten herumkutschiert wird, wirkt geradezu wie der Bentley unter den Kinderwagen.
1970
Gesellig reisen: Während Kindergärten nach dem Zweiten Weltkrieg in der BRD zunächst noch eine eher kleine Rolle spielten, waren in der DDR die meisten Kinder irgendwann in einer Krippe untergebracht. Entsprechendes Fassungsvermögen mussten die dort verwendeten Kinderwagen aufweisen - wie diese Kleingruppentransporter, den Ost-Berliner Krippenarbeiterinnen im Juni 1970 durch Berlin-Lichtenberg schieben.
Signatur im Bundesarchiv: N 1648 Bild-KD05571
1973
Voller Durchblick: Eine deutsche Innovation auf dem Kinderwagenmarkt waren diese Wagen mit verschließbaren Windschutzscheiben. Endlich musste Junior nicht immer nur stumpf in den Himmel starren, während Mama und Papa ihn durch die Landschaft kutschierten. Auch im Ausland fand diese Idee Freunde - wie dieses Bild aus dem Londoner Stadtteil Lewisham beweist.
1988
Extremsport Kinderschieben: Für besonders athletische Eltern wurden schon in den achtziger Jahren die sogenannten Jogger entwickelt - Kinderwagen auf drei großen Rädern, die man auch beim Dauerlauf vor sich herschieben konnte, wie dieses Paar aus Florida auf einer Tartanbahn vorführt. Fragt sich nur, wozu diese frühkindliche Prägung bei ihrem Nachwuchs führte - zu einer Karriere als Läufer? Oder doch eher als Formel-1-Fahrer?
2012
Massentransportmittel: Heute sind alle nur erdenklichen Formen und Größen von Kinderwagen auf dem Markt erhältlich. Auch XXL-Modelle wie jene, hinter denen diese Mitarbeiterin der Kinderkrippe an der Universität von Ottawa darauf wartet, die vor ihr fein säuberlich in Reihe geparkten Kinder auszufahren.
peg / dak
Dieses Kinderwagenmodell war in den fünfziger und sechziger Jahren weit verbreitet. Für das Kind war es sicher sehr bequem - aber in seinen Ausmaßen war der Wagen sperrig und für die Mütter aufgrund seines Gewichts etwas beschwerlich zu bewegen. Mit dem hier abgebildeten Kinderwagen wurden fünf Kinder in ihren ersten Lebensmonaten durch die Welt geschaukelt.
Eingereicht von einestages-LeserEberhard Neu.
Viel Chrom und Klappverdeck: Eher für den Boulevard ist dieses Kinderwagenmodell aus dem Jahr 1962 geeignet. Die kleinen Räder des Wagens waren für den Badestrand des Einfelder Sees in der Nähe von Neumünster wenig brauchbar.
Eingereicht von einestages-Leser Arno Freudenhammer.