Handball-WM 1978 Der ganz große Wurf
Zone des Schmerzes: Heiner Brand wurde von Bundestrainer Vlado Stenzel als bester Abwehrspieler der Welt gepriesen. Aber der Mittelmann ging im WM-Endspiel von 1978 auch dahin, wo es weh tat. In dieser Szene nahmen ihn Kushnirjuk (Nr. 4) und Tscherneyschew (Nr. 10) in die Zange. Am Boden: Rechtsaußen Gerd Rosendahl. Gejammert wurde nicht. Stenzel hatte den Spielern Proteste verboten.
Der Außenseiter: Die bundesdeutsche Mannschaft, die am 5. Februar 1978 in Kopenhagens Brøndyhallen Handballgeschichte schrieb. Von links: Kapitän Horst Spengler, Torwart Manfred Hofmann, Torwart Rainer Niemeyer, Erhard Wunderlich, Manfred Freisler, Kurt Klühspies, Joachim Deckarm, Heiner Brand, Dieter Waltke, Arnulf Meffle, Arno Ehret, Gerd Rosendahl.
Der Favorit: Der Olympiasieger Sowjetunion vor dem Finale. Kapitän Wladimir Maximow (der sein letztes Länderspiel absolvierte), Wladimir Krawzow, Juri Kidjaev, Torwart Nikolai Tomin, Schuk, Valeri Gassi, Vassili Iljin, Torwart Mikhail Ischtschenko, Alexander Resanow, Sergey Kushnirjuk, Alexander Anpilogov, Yevgeny Tchernyshev.
Kongeniales Gespann: Wichtigster Partner von Bundestrainer Vlado Stenzel (rechts) war Heinz Jacobsen (links), der als Spielwart des Deutschen Handballbundes 1974 die Ernennung Stenzels betrieben hatte. Jacobsen vermittelte zwischen Trainer und Mannschaft, wenn es Spannungen gab. Als Stenzel sich 1979 mit Jacobsen überwarf, begann der Niedergang der Weltmeistermannschaft.
Der Star war der Trainer: Schon im Herbst 1974 wurde Bundestrainer Stenzel, just ein paar Wochen im Amt, von der "Zeit" als "Magier" gefeiert. Und er genoss seine Popularität in vollen Zügen. Gern gab er Autogramme, so wie hiervor dem dritten WM-Vorrundenspiel 1978 gegen seine Heimat Jugoslawien (18:13). Mannschaftsarzt Heinz Rehberg staunt.
Wurstverkäufer: Nach dem Titelgewinn diente der Hobbykoch Stenzel (Mitte) einer Wurstfirma als Testimonial. Gern lud Stenzel, der äußerst großzügig war, auch seine Spieler zu sich ins Niederrheinische ein. Hier kosten Rudi Rauer, Jimmy Waltke, Richard Boszkowski, Rainer Niemeyer, Claus Hormel, Manfred Freisler (verdeckt) und Arno Ehret von den Fleischprodukten.
Angetreten: Vor jedem Training ließ Stenzel, ein Disziplinfanatiker, seine Spieler vor sich in Reih und Glied antreten. Hier horchen die Spieler in der WM-Vorrunde in Odense seiner Ansprache.
Entschlossenheit: Horst Spengler hatte in Dänemark die meisten Länderspiele und war daher Kapitän des Teams. Den Kreisläufer zeichnete große Wucht und Griffigkeit aus. Wenn er eine Chance zum Wurf sah, stürzte er sich in den Kreis, als gäbe es kein Morgen. Hier haben Rhezanow (Nr. 14) und Maximow (Nr. 2) das Nachsehen, Heiner Brand (rechts) und Erhard Wunderlich verfolgen die Szene.
Der Star: Der Halblinke Joachim Deckarm zählt den zu den komplettesten Handballern des 20. Jahrhunderts. Er steuerte 1978 das deutsche Spiel und fungierte zugleich, obwohl er nicht sehr groß war, als Shooter. Mit seiner durch den Zehnkampf geschulten Athletik und Motorik überragte er alle Zeitgenossen. Sein tragischer Unfall 1979 in Tatabanya, der ihn nach einem 131 Tage währenden Koma zum Invaliden machte, schockte die Handballwelt.
Flinker Flügel: Linksaußen Arno Ehret bestach in den 1970er Jahren mit seiner hohen Geschwindigkeit und feinen Technik. Zugleich war er ausgesprochen sprungkräftig, weshalb er, von Stenzel geschult, oft in den Rückraum einlief und auch per Sprungwurf zum Erfolg kam. Hier verwandelte er im Finale von 1978 einen Tempogegenstoß gegen den sowjetischen Keeper Istschenko.
Die Deckung steht: Die DHB-Auswahl profitierte nicht nur im WM-Finale davon, viele Abwehrvarianten zu beherrschen. Neben der 6:0-Deckung, die Heiner Brand (Nr. 14) organisierte, spielte sie auch oft mit dem wendigen Arnulf Meffle (Nr. 2) als vorgezogenem Verteidiger in einem 5:1-System. Auch Joachim Deckarm war ein ausgezeichneter Abwehrspieler.
Brutalität: Während heute ein Ehrenkodex unter Handballprofis herrscht, der schmutzige Fouls verbietet, ging es 1978 im Hallenhandball noch viel brutaler zu. Hier leidet Kapitän Spengler im WM-Finale nach einem Foul von Iljin. Aber diese Behandlungspause in der 39. Minute des Endspiels hatte auch ihr Gutes, denn in dieser Phase brachte Trainer Stenzel den Joker Jimmy Waltke.
Der Joker sticht: Der Dankerser, der im Turnierverlauf noch keine einzige Minute gespielt hatte, warf sich als Joker in die Geschichtsbücher des Handballs. Mit dem ersten Wurf traf er vom linken Flügel zum 14:12, kurz darauf verwandelte er einen Tempogegenstoß nach Doppelpass mit Heiner Brand zum 15:12. Und als sich niemand traute, lief er einfach ein und düpierte die sowjetischen Riesen aus dem Rückraum und stellte zum 16:12 (Foto). Dieser Hattrick dauerte 254 Sekunden - aber nach seinen magischen Minuten musste Jimmy gleich wieder vom Feld.
Der Türöffner zum Finale: Die am meisten diskutierte Szene während der WM lieferte Heiner Brand im ersten Hauptrundenspiel gegen die DDR (14:14). Als Gegenspieler Hartmut Krüger einen Ball zur Ausführung eines Neunmeters aufs Feld rollte, schnappte sich Brand den Ball, lief einen Tempogegenstoß und schmetterte das Leder an DDR-Keeper Wieland Schmidt vorbei zum 14:14 ins Netz. Die DDR-Spieler protestierten heftig. Aber der Treffer wurde anerkannt.
Klein, aber oho: Rechtsaußen Arnulf Meffle war dem sowjetischen Mittelblock physisch klar unterlegen. Aber auch der jüngste deutsche Spieler besaß im Endspiel so viel Selbstbewusstsein, dass er sich einen Sprungwurf zutraute. In dieser Szene scheiterte er allerdings an Rhezanow (Nr. 14) und Tschernyschew (Nr. 10).
Mit links: Kurt Klühspies war 1978 der einzige deutsche Rückraum-Linkshänder auf Weltklasse-Niveau. Der Großwallstädter, hier im Duell mit Kushnirjuk, war zwar athletisch nicht überragend, bestach aber durch seine Cleverness und Abgezocktheit. Nur zwei Wochen vor Turnierstart absolvierte er die Prüfung zum Industriemeister. "Erst Industriemeister, dann Weltmeister, das Jahr fängt gut an", strahlte er in Kopenhagen.
Nachrücker: Das letzte WM-Ticket ergatterte sich Claus Hormel (Foto), Kreisläufer von der SG Dietzenbach, mit starken Leistungen in den letzten beiden Testspielen gegen Spanien. In der WM-Vorrunde - hier eine Szene vom 16:13-Auftaktsieg gegen die CSSR - konnte der Polizeibeamte jedoch nicht überzeugen, weshalb Stenzel ihn vor der Hauptrunde aus dem Team nahm.
Jahrhunderttalent: Schon bei der Junioren-WM 1977 hatte Erhard Wunderlich (hier im Duell gegen den Jugoslawen Hrvoje Horvat) sein riesiges Potenzial angedeutet. UdSSR-Coach Anatoli Jewtuschenko rühmte ihn als größtes Talent im Welthandball. Bei der WM 1978 aber stand auf der halblinken Königsposition noch Joachim Deckarm vor ihm, weshalb Wunderlich auch auf Halbrechts zum Einsatz kam und dort vor allem als Passgeber glänzte.
Mann gegen Mann: Torwart Manfred Hofmann trug im Auftrag Stenzel grelle Trainingsanzüge im Schlabberlook, um die Gegner zu irritieren und möglichst viel Raum abzudecken. Hofmann gilt als Begründer der deutschen Torwart-Ära. Und er war ein Siebenmeter-Töter. Im Finale hielt er drei von neun Strafwürfen.
Der Held von Karl-Marx-Stadt: Seinen Ruf als abgekochter Keeper hatte Hofmann in einer einzigen Sekunde erworben. In der letzten Sekunde der Olympiaqualifikation gegen die DDR am 6. März 1976 hielt er den entscheidenden Siebenmeter gegen Hans Engel (Foto). Die Szene machte ihn auch deshalb berühmt, weil das Spiel in der Hochzeit des Kalten Krieges live in der ARD-Sportschau übertragen wurde. Die Fußball-Bundesliga musste an diesem Tag zurückstehen.
Der größte Gegner im Finale hieß Tschernyschew. In der ersten Halbzeit überwand der russische Rückraumspieler die deutsche Deckung immer wieder von halbrechten Position, hier überwindet er Joachim Deckarm. Nach einer missglückten Abwehraktion geriet Tschernyschew aber mit Trainer Jewtuschenko aneinander und musste auf die Bank. Zum Glück für die Deutschen.
Gruppenbild mit Bronze-Statue: Stolz präsentiert der neue Weltmeister den Pokal, eine wertvolle Handballer-Plastik eines spanischen Künstlers.
Der König von Kopenhagen: Nach dem Finale ließ sich Stenzel von den vielen deutschen Fans, die nach Kopenhagen gereist waren, gern schultern und feiern. Die goldene Krone hatte ihm Fans des kleinen hessischen Vereins SV Crumstadt aufgesetzt.
DB Morten Langkilde/ picture-alliance/ dpa
Aufstieg und Hybris: Nach dem Olympiasieg 1972 mit Jugoslawien und dem WM-Sieg 1978 konnte Stenzel, abgesehen vom Europapokalsieg 1990 mit Milbertshofen, keine großen Erfolge mehr feiern. Aber er beschäftigt sich bis heute mit seiner Sportart. Auf seiner Visitenkarte steht: Vlado Stenzel, Handballforschung und -förderung.
Traditionsteam: Die Weltmeister von 1978 spielten lange als Traditionsmannschaft für karikative Zwecke, etwa zugunsten des Deckarm-Fonds bei der Deutschen Sporthilfe. Hier ein Foto vom 30. November 2001 in der Kölnarena, als das Team im Vorprogramm für das Weltrekordspiel VfL Gummersbach - THW Kiel auflief.
Weltmeister Deutschland, Teil 1: Den ersten Titel eines Hallenhandball-Weltmeisters gewann Deutschland 1938 in der Deutschlandhalle in Berlin. Damals nahmen allerdings nur vier Mannschaften teil (neben Deutschland noch Dänemark, Schweden und Österreich). Auch 1938 war der Trainer der größte Star: Otto Günter Kaundinya, der als der beste Handballer der 1920er Jahre gefeiert wurde.
Weltmeister Deutschland, Teil 3: Es dauerte nach 1978 lange 29 Jahre, bis eine deutsche Mannschaft wieder Weltmeister wurde. Das "Wintermärchen" von 2007 bedeutete, weil über 20 Millionen Zuschauer vor den deutschen TV-Geräten beim 29:24-Finalsieg gegen Polen mitfieberten, einen medialen Durchbruch für den Handball. Hier stemmt Kapitän Markus Baur den Pokal in die Höhe.