World Monuments Fund Rote Liste der historischen Stätten
Der World Monuments Fund gibt jährlich eine Liste mit den 100 meist gefährdeten Kulturdenkmälern der Welt heraus. In diesem Jahr sind 25 neue hinzugekommen, von denen wir einige zeigen. Ein gefährdeter Ort liegt auf der chilenischen Osterinsel im Pazifik. Eigentlich haben die im Foto zu sehenden Steinfiguren mit den riesigen Köpfen - die Moai - die Insel berühmt gemacht. Sie sind Hunderte Jahre alt.
Ein weiteres kulturelles Highlight erwartet Touristen an der Südwestspitze der Osterinsel. Dort thront spektakulär auf einer schmalen Klippe die Kultstätte Orongo. Dutzende Steinhäuser und Petroglyphen - in Fels geritzte Bilder - gibt es dort zu sehen. Seit den Sechzigerjahren versuchen Initiativen und der WMF, die Sehenswürdigkeit vor der Verwitterung zu bewahren - und den immer größer werdenden Touristenströmen entgegenzuwirken. Trotzdem landete das Orongo Ceremonial Village auf der Beobachtungsliste für 2020: Sein Erhalt sei nicht gesichert, schreibt der WMF. Der Basalt bröckele, die Strukturen würden instabil - es drohe der unersetzliche Verlust der Petroglyphen.
Im Südosten von Utah ragt eine Felsformation aus der Landschaft, die mit ein bisschen Fantasie an einen Bärenkopf mit seinen beiden Ohren erinnert. Die "Bears Ears" sehen nicht nur spektakulär aus, sondern sind für die Ureinwohner Amerikas auch heilig. Um sie zu schützen, machte der damalige US-Präsident Barack Obama 2016 ein Nationaldenkmal aus dem Gestein und der dortigen Gegend. Doch dann kam Donald Trump an die Macht - und der entschied, dass das Gebiet gar nicht so schützenswert sei. "Das Bears Ears National Monument wurde auf 16 Prozent seiner Originalgröße geschrumpft", schrieb im Februar 2018 "National Geographic". Trumps Begründung: "Die Menschen in Utah sollen die Möglichkeit haben, dort zu wandern und zu jagen." Kritiker befürchten jedoch wirtschaftliche Interessen - es gehe um die Gewinnung von Bodenschätzen. Das Land der indigenen Völker sei seit den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts staatlich verwaltet worden, heißt es auf der Website des World Monuments Funds. "Aber heute ist seine Zukunft ungewiss."
"Noch immer ist Notre-Dame gefährdet." Mit diesem Satz bewertete Frankreichs Kulturminister Franck Riester im Oktober den Zustand des Pariser Wahrzeichens, sechs Monate nach dem Feuerinferno, das die Kirche fast zum Einsturz gebracht hätte. Bei dem Brand waren im April das Dach und der Spitzturm der gotischen Kathedrale zerstört worden. "Der Fast-Verlust einer geliebten Kathedrale und einer globalen Ikone erinnert uns an die tiefe menschliche Verbindung zu Welterbestätten - und an das persönliche Trauma, das ihre Zerstörung mit sich bringen kann", schreibt der WMF.
In dem ehemaligen Kloster- und Tempelareal im Zentrum von Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei, steht das Tschoidschin-Lama-Tempel-Museum. Die Anlage wurde zwischen 1904 und 1908 errichtet und war einstiger Sitz des "Beschützers Tschoidschin", der zum offiziellen Staatsorakel avancierte, das fortan Offenbarungen und Weissagungen im Tempel verkündete. Heute besteht das Museum aus vier Tempeln und beherbergt sakrale Objekte, unter anderem auch eine größere Sammlung von Cham-Tanz-Masken, die für den rituellen Tanz verwendet werden, der als Meditation gilt. Der WMF setzte das Areal auf seine Beobachtungsliste, um den mongolischen Kunstrat bei seinen Bemühungen zu unterstützen, die Tempelanlage zu erhalten.
Etwa 20 Kilometer von der Inka-Hauptstadt Cusco entfernt liegt das "Sacred Valley" (dt. Heiliges Tal), nahe dem Unesco-Welterbe Machu Picchu, der Ruinenstadt der Inka, die in 2430 Metern Höhe erbaut wurde. Das Tal wurde vor allem dank des Flusses Urubamba zu einem fruchtbaren Gebiet und somit ein zentraler Ort für die Landwirtschaft der Inka. Außerdem glaubten die Inkas, dass der Strom des Flusses eine enge Verbindung zu den Bergen hat und das Pendant der Milchstraße auf Erden ist. Heute ist das "Sacred Valley" vor allem für Touristen die erste Anlaufstelle auf dem Weg zum Macchu Picchu. Nur einige Kilometer davon entfernt startete im Januar der Bau des Internationalen Flughafens Chinchero. Kritiker befürchten, dass der Massentourismus das Welterbe Macchu Picchu zerstören wird.
Der Nationalpark Tuschetien in Georgien erstreckt sich über vier Bergdörfer im zentralen Kaukasus: Seine tiefen Schluchten, die hohen Gipfel und die zahlreichen Wasserfälle sind nicht nur unter Bergsteigern mittlerweile weltberühmt. Der Nationalpark zählt zu den wichtigsten Schutzgebieten im Kaukasus. Im Zuge der Modernisierung Georgiens gibt es Vorschläge, eine Straße durch die Region zu bauen - zum Unmut vieler Einheimischer. Sie befürchten, dass dadurch eher Massentourismus angelockt wird, statt die Region aufzuwerten. Der WMF will sich nun dafür einsetzen, nachhaltigen Tourismus in Tuschetien zu fördern und die Traditionen der Einheimischen zu wahren.
Auf Stelzen gebaut, die Wände aus Teakholz und Bambus, reetgedeckte Dächer: Seit Jahrhunderten werden Farmhäuser in Myanmar so gebaut - nicht nur, wenn sie (wie auf dem Foto) im Wasser stehen. Heutzutage ersetzen viele Landwirte ihre Teakhäuser durch komfortablere, modernere Bauten. Ein Studentenprojekt soll nun den Zustand der Stelzenhäuser in Myanmar dokumentieren und darauf aufmerksam machen, wie groß die Bedeutung der Bautradition für Myanmar ist. Der WMF will das Projekt unterstützen.
Das Wort Batammariba bedeutet: "Diejenigen, die die wirklichen Architekten der Erde sind." Das Volk der Batammariba lebt an der Grenze von Benin und Togo in der Landschaft Koutammakou, und seit jeher sind ihre Traditionen stark im Bauwesen verankert. Ihre Unterkünfte, die "Takienta" genannt werden, bestehen aus Lehmschichten - sie werden als Symbol Togos angesehen. In einem Lehmhaus gibt es meist acht Räume - jeder hat eine eigene Funktion wie etwa Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche oder Speisekammer. Die in Dörfer gruppierten Häuser spiegeln die soziale Struktur des Volkes wider. Der WMF sieht die traditionelle Architektur und das indigene Volk in der Region schwinden.
An der berühmten Seidenstraße, die von Europa bis nach Asien führt, liegt die usbekische Stadt Buchara. Dort lebt seit mehr als einem Jahrtausend ein isolierter Teil der jüdischen Diaspora. Im 16. Jahrhundert wurde Buchara zum Zentrum des jüdischen Lebens in Zentralasien. Die bucharischen Juden pflegen eine lange Tradition des Handels und des Handwerks. Ihr Können zeigt sich etwa an den bucharischen Häusern, die mit filigran geschnitzten Holzstrukturen verziert sind. Die traditionellen Häuser befinden sich im gesamten historischen Zentrum von Buchara, das 1993 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Da jedoch im Laufe der Zeit große Teile der jüdischen Bevölkerung abwanderten, verfallen die Häuser allmählich und drohen, zu verschwinden.
Das historische Zentrum der spanischen Stadt Cordoba ist eines der größten in Europa. Aufgrund der engen und unregelmäßigen mittelalterlichen Straßen entwickelte die Stadt Blöcke mit unterschiedlichen Grundstücksgrößen für verschiedene Nutzungen: Klöster, Stadtpaläste oder öffentliche Gebäude. Heutzutage ist Cordoba weltweit für seine dadurch entstandenen Hinterhofhäuser bekannt. Das ist Fluch und Segen zugleich: Denn die Stadt steht im Mittelpunkt einer anhaltenden Debatte über die Auswirkungen des Massentourismus' auf das Gemeinschaftsleben in spanischen Touristenorten. Viele Einheimische ziehen aus dem historischen Viertel weg und verlassen ihre Innenhöfe, um ein komfortableres Leben abseits des Massentourismus zu suchen.
Das Bennerley Viaduct zwischen Awsworth in Nottinghamshire und Ilkeston in Derbyshire ist ein 1877 erbautes Eisenbahnviadukt, das über den Erewash River führt. Der letzte Güterzug fuhr 1968 über die Brücke. Seitdem blieb das Bauwerk ohne Funktion. Heute hat sich eine neu gegründete Gruppe zum Ziel gesetzt, die gewaltige Brücke für die öffentliche Nutzung zu gewinnen. Der Plan ist Teil einer landesweiten Initiative zur Umwandlung stillgelegter Eisenbahnstrecken in Wander- und Radwege und zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden. Der WMF will das Vorhaben unterstützen.
Das Dekkan-Plateau liegt im Süden des indischen Subkontinents - eine extrem trockene Gegend. Die Einheimischen müssen daher seit jeher für die Trockenzeit vorsorgen und Wasser speichern, das sie aus dem jährlichen Monsun gewinnen. Sie entwickelten dazu ausgeklügelte Systeme aus Stauseen, Tanks, Brunnen und Kanälen. Angesichts der globalen Wasserkrise könnten die historischen Wassersysteme des Dekkan-Plateaus wieder mehr eingesetzt werden, rät der WMF. Das könne auch dazu beitragen, unser Wasserbewusstsein zu verändern.
Sento, so heißen die traditionellen japanischen Badehäuser mit dem großen Gemälde des Vulkans Fuji. Das gemeinsame Baden in einem Sento oder in einer heißen Quelle (Onsen) gehört in Japan zum Alltag - und trotzdem ist die Tradition vor allem in der Stadt in Gefahr. Nach der Mitte des 20. Jahrhunderts stieg die Zahl der Badehäuser in Tokio zwar. Doch nur ein Fünftel der Einrichtungen überlebte. Das Inari-yu-Badehaus in Tokios Bezirk Kita ist ein typisches Beispiel für ein erhaltenes Badehaus. Das 1930 im Stil und mit Techniken der japanischen Tempelarchitektur erbaute Haus erhielt im Jahr 2019 vom Amt für kulturelle Angelegenheiten die Klassifikation als materielles Kulturgut Japans.
Vor mehr als 2000 Jahren wurde der Canal Nacional in Mexiko-Stadt errichtet und dient heute vor allem als natürlicher Lebensraum von Tieren, Vögel und Pflanzen mitten im Herzen des modernen Zentrums. Von den Behörden vernachlässigt, nahmen Anwohner und Gruppen Teile des 12 Kilometer langen Kanals in Besitz und organisierten Reinigungen, Kampagnen zur Bepflanzung, Kunstinstallationen. 2015 widersetzten sich die Gruppen erfolgreich der Regierung, die den Kanal für den Straßenbau komplett zuschütten und asphaltieren wollte.
Die Nachbarschaft Anarkali Bazaar in der zweitgrößten Stadt Pakistans zeigt sich in vielen Facetten: Ein großer Markt, ein dichtes Wohngebiet, öffentliche Gebäude aus der Kolonialzeit - wie zum Beispiel das Lahore-Museum und zahlreiche Universitäten. Die Einwohnerzahl in Lahore ist in kurzer Zeit um ein Zehnfaches angestiegen, durch diese rapide Urbanisierung kommt es zum Verlust von öffentlichen Räumen, die historische Gegend verliert an Bedeutung. Studierende des National College of Arts wollen das nun ändern und der Nachbarschaft neues Leben einhauchen.