Frauenstreiks in der Geschichte Organisiert, solidarisch, durchsetzungsstark
Feministischer Aufbruch: Am 24. Oktober 1975 traten die Isländerinnen in einen
Allein unter Männern: Der Streik knüpfte an eine feministische Tradition im Land an. Schon 1915 hatten die Isländerinnen das Frauenwahlrecht erstritten. Wenig später zog Ingibjörg Bjarnason (unten, 5.v.l.) als erste weibliche Kandidatin ins Parlament ein. Das Foto entstand 1924.
Abwesend: An der Rollenverteilung in den isländischen Haushalten änderte das Wahlrecht allerdings kaum etwas. Viele Männer fuhren wochenlang zur See, wie diese Fischer (Foto um 1900). Die Frauen blieben zu Hause.
Hausarbeit: Viele Frauen mussten sich um die Kinder und den Hof kümmern. Das Foto entstand in den Sechzigerjahren und zeigt zwei Isländerinnen in traditioneller Tracht mit ihren Kindern.
Arbeiterinnen: Andere Frauen schufteten in den Fischfabriken, wo sie oft weniger als ihre männlichen Kollegen verdienten (Foto von 1971).
Organisierter Widerstand: Gegen diese Benachteiligung wollten die isländischen Frauenverbände ein Zeichen setzen. Das Wort "Streik" war vielen zu radikal - also nannten sie den Ausstand "Frauenruhetag". Im Bild präsentiert das Streik-Komitee um einestages-Interviewpartnerin Gerður Steinþórsdóttir (3.v.r.) die Plakatkampagne.
Antike Aktivistinnen: Vorbilder für einen Frauenstreik hatten die Isländerinnen genug. In der Komödie "Lysistrata" von Aristophanes etwa verweigern Ehegattinnen den Sex, um ihre Männer zum Frieden zu bewegen (Foto einer Aufführung von 1920 im Schauspielhaus Berlin).
Gegen den 14-Stunden-Tag: Auch in der moderneren Geschichte gab es Leitbilder. 1888 streikten mehr als tausend teilweise jugendliche Arbeiterinnen zweier Londoner Streichholzfabriken für kürzere Arbeitszeiten.
Durchsetzungsstark: In Österreich streikten 1893 die Textil-Arbeiterinnen mehrere Wochen lang. Angeführt von den Sozialdemokratinnen Adelheid Popp (rechts hinten) und Amalie Seidl (mittig vorne) erzwangen sie bessere Löhne und kürzere Arbeitszeiten.
Aufstand der Massen: Den bis dahin wohl größten Frauenstreik organisierte eine Gewerkschaft 1909 in New York - 20.000 meist jüdische Näherinnen gingen auf die Straße.
Gleiche Arbeit, gleiche Löhne: Kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs traten in Großbritannien Tausende Tram-, Bus- und U-Bahnfahrerinnen in einen wilden Streik. So erstritten sie, dass sie den gleichen Kriegsbonus bekamen wie ihre männlichen Kollegen: pro Woche fünf Shilling.
Besetzt: 1937 streikten in Detroit 180 Verkäuferinnen des Kaufhauses Woolworth. Sie kündigten an, im Laden zu bleiben, bis ihre Bedingungen erfüllt werden: 40-Stunden-Woche und Lohnerhöhungen. Die Besetzung dauerte eine Woche, dann gab die Geschäftsleitung nach.
Streik für Frieden: Nicht immer ging es den Frauen nur um Löhne oder Arbeitsbedingungen. 1961, als sich der Kalte Krieg in einen scharfen Atomkrieg zu wandeln drohte, streikten Pazifistinnen in Dutzenden US-Städten. Das Foto zeigt Demonstrantinnen, die den Senator John A. Carroll in Denver konfrontieren. "Ich kann ihnen versichern, dass ich auch für Frieden bin und den Krieg hasse", beteuerte Carroll damals. Auch andernorts gingen Frauen auf die Straßen, etwa in...
...New York, wo die Teilnehmerinnen des "Strike for Peace" vor dem Gebäude des sowjetischen UN-Gesandten Arkadi Sobolew protestierten. Das Plakat mit der weißen Milchflasche (Aufschrift: "Death - Disease - Deformity") ist vermutlich eine Anspielung auf die Tatsache, dass nukleare Strahlung sich in Milch ansammelt.
Niedergezwungen: 1968 streikten die Näherinnen einer Ford-Fabrik in London, weil sie deutlich weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen. Nach drei Wochen setzten sie ihre Forderung durch - zwei Jahre später verabschiedete das britische Parlament ein Gesetz zur Gleichstellung bei der Bezahlung.
Jubiläum: Zum 50. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts in den USA kamen 1970 bei einem Streik in New York mehr als 50.000 Demonstrantinnen zusammen. Ihre Forderungen: Gratis-Kinderbetreung, Gratis-Abtreibungen und gleiche Chancen im Berufsleben.
Die ganze Insel: Trotz all dieser Vorläufer war der Frauenruhetag in Island 1975 etwas Besonders. Es war das erste Mal, dass die große Mehrheit der Frauen eines Landes die Arbeit niederlegte - Zeitungen meldeten Streikquoten von 90 Prozent (Bild von der Kundgebung).
Mobilisiert: Auch die Demonstration war in dem kleinen Land einzigartig. Je nach Schätzung kamen 20.000 bis 25.000 Frauen in die Hauptstadt Reykjavík, etwa ein Zehntel der damaligen Bevölkerung.
Resonanz: Alle isländischen Zeitungen berichteten ausgiebig über den Streik. Das auflagenstarke "Morgunblaðið" (Morgenblatt) titelte nüchtern: "Zusammenkunft der Frauen auf dem Lækjartorg-Platz: 20 - 25 Tausend Leute".
Staatsoberhaupt: Der Streik veränderte, wie Isländerinnen und Isländer über Gleichstellung und die Rollen von Frauen dachten. 1980 wählte die Inselnation als erstes Land der Welt eine Frau zur Präsidentin: die geschiedene und alleinerziehende Theaterdirektorin Vigdís Finnbogadóttir.
Solidarität: Doch auch nach dem Streik der Isländerinnen gab es wichtige Frauenaufstände in aller Welt. So etwa 1977 in London: In einem Fotolabor der Stadt arbeiteten Frauen vor allem asiatischer Herkunft unter schlechten Bedingungen. Als 1976 eine von ihnen entlassen wurde, begannen die Arbeiterinnen zu streiken (Foto von 1977). Andere Gruppen solidarisierten sich, auch weiße Männer aus der Arbeiterklasse. Der Protest aber wurde von der Polizei zerschlagen.
Auf der Leinwand: Der britische Regisseur Nigel Cole drehte einen Film über den Streik der Londoner Ford-Näherinnen von 1968. Im Original heißt der Film "Made in Dagenham", nach dem Vorort, in dem die Fabrik stand. In die deutschen Kinos kam der Streifen 2011 unter einem anderen Namen: "We want Sex".
Gegen Frauenmorde: 2016 riefen argentinische Aktivistinnen zu einem Frauenstreik auf. Unter der Parole "Ni una menos" (nicht eine weniger) prangerten sie in Buenos Aires Gewalt gegen Frauen an. Auf anderen Teilen der Welt solidarisierten sich Aktivistinnen und streikten in den Folgejahren am 8. März, dem Internationalen Frauentag.
Schwarzer Protest: In Polen demonstrierten im Jahr 2016 Zehntausende Frauen in dunklen Kleidern gegen das Abtreibungsverbot. Das Bild zeigt Demonstrantinnen in Krakau.
Weltweiter Protest: Am 8. März 2017 organisierten Aktivistinnen in mehr als 30 Städten einen transnationalen Frauenstreik - das Bild zeigt eine Kundgebung in der US-Stadt Philadelphia. Im Folgejahr weitete sich die Bewegung auf 177 Länder aus - allein in Spanien nahmen fünf Millionen Menschen teil.