100. Nordderby HSV-Werder Bremen: Kampf der Rauten
100. Nordderby HSV vs. Werder Bremen Kampf der Rauten
Der langjährige Bremer Trainer Thomas Schaaf brachte es Anfang 2013 auf den Punkt, als er auf den besonderen Reiz dieses Fußballspiels angesprochen wurde: "Ich will wirklich keinem anderen Verein zu nahe treten, aber wenn man vom Nordderby spricht, dann spricht man vom HSV und von Werder." Schaaf musste es wissen, schließlich war er bei fast der Hälfte aller Bundesliga-Spiele zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV in entscheidender Funktion beteiligt. Erst 16-mal als Spieler (1983-1994), dann 28-mal als Trainer (1999-2013) - so oft wie kein anderer Akteur.
Für viele ist der sportliche Wettstreit der beiden keine 100 Kilometer Luftlinie voneinander entfernten Hansestädte schlicht das Spiel des Jahres. Wenn dann, wie aktuell bei der 100. Auflage des Evergreens, auch noch die Tabellensituation für zusätzliche Brisanz sorgt, ist die Vorfreude der Fans weit über die norddeutsche Tiefebene hinaus spürbar. Die Werder-Fans etwa schworen sich und die Mannschaft schon lange im Vorfeld mit Kurven-Transparenten ein: "Alles für den Derbysieg!" In Hamburg wiederum zeigten die Mitarbeiter der HSV-Geschäftsstelle eindrucksvoll Flagge, indem sie in einer Solidaritätsaktion für ihre kickenden Kollegen die gesamte Ost- und Nordseite der Arena mit Vereinsfahnen verkleideten, die sie aus ihren Bürofenstern hängten.
Schwarz-Weiß-Blau gegen Grün-Weiß hat im Laufe der Jahre reichlich Denkwürdiges produziert: Exakt 296 Tore, mit jeweils 148 für jedes Lager gerecht verteilt auf enge Dramen und Zitterpartien, berauschende Kantersiege und bis heute schmerzende Niederlagen. Dazu jede Menge Randgeschichten und emotionale Momente zum Schmunzeln und Haareraufen - und manchmal auch zum Weinen.
Freundschaftliches Miteinander bei Kaffee und Kuchen
Der Einsatz war bei der Suche nach der "Nummer 1 im Norden" stets hoch. Die enorme sportliche Rivalität hatte sich schon weit vor der Einführung der Bundesliga manifestiert. In den letzten fünf Spielzeiten der Oberliga Nord von 1958 bis 1963 lautete der Zieleinlauf stets: HSV vor Werder. Die Bremer ärgerten in dieser Zeit den Abo-Meister gehörig und stürmten sogar mehrfach die eigentlich "uneinnehmbare HSV-Festung am Rothenbaum", verloren die entscheidenden Punkte für den Titel dann aber "gegen Dorfvereine", wie sich Arnold "Pico" Schütz noch heute ärgert. "Wir kannten uns in- und auswendig", erinnerte sich die Werder-Ikone bei Radio Bremen kürzlich an die ersten Bundesliga-Duelle. "Der Trainer hatte uns vorher schon eingenordet. Da hieß es: Hör zu, heute gegen den HSV muss volle Pulle gespielt werden. Da wird nicht rumgedaddelt!"
Nachdem man sich auf dem Platz ordentlich beackert hatte, gab man sich allerdings stets ganz hanseatisch die Hand. Spott? Fehlanzeige. "Werder und der HSV - das war schon eine kleine Freundschaft", erklärt Schütz, "Nach den Spielen war es durchaus üblich, dass beide Mannschaften noch bei Kaffee und Kuchen zusammen saßen oder gemeinsam Essen gingen."
Während Werder anfangs auf dem Rasen groß aufzog und gleich im zweiten Bundesliga-Jahr 1964/65 sensationell die Meisterschale an die Weser holte, dominierte auf den Tribünen ganz klar der HSV-Anhang. Auch bei Spielen im Weserstadion. Alfred Grosse, Gründungsmitglied des allerersten HSV-Fanclubs "Die Rothosen", und Fan-Kollege Michael Burzlaff erinnern sich: "Werder? Die gab es gar nicht. Die haben wir nie ernst genommen. Wir sind da zum Teil mit 15.000 Leuten hin und haben die aus deren eigener Kurve gejagt. Friedlich."
Totgeschlagen auf dem Weg zum Spiel
Bis weit in die siebziger Jahre war das so. Doch dann änderte sich nach und nach die Stimmung. Fanexperte Thomas Haffke, langjähriger Mitarbeiter des 1981 gegründeten Fanprojekts Bremen e.V. erklärt rückblickend: "Das Problem Ende der siebziger Jahre war, dass Spiele gegen den HSV auch in Bremen quasi zu Auswärtsspielen wurden. Für die Werder-Fans war einfach kein Platz mehr. Überall, wo sie hinkamen, waren schon die HSVer, ob nun vor dem Spiel in den angestammten Kneipen oder später auf den Tribünen. Eine Fan-Trennung in separate Blöcke gab es damals noch nicht. Das hat die Werderaner mächtig geärgert. Es entwickelte sich eine Gewaltspirale, zunächst verbal, dann immer handgreiflicher. Hier ein Spruch, da eine Pöbelei, hier ein Schubser, da ein Faustschlag. Immer noch einen mehr, noch einen drauf, noch ein bisschen härter. Und am Ende flogen Steine."
Am 16.Oktober 1982 gerieten vor dem DFB-Pokalspiel in Hamburg gegen 14.55 Uhr Werder- und HSV-Fans am Volksparkstadion heftig aneinander. Gaspistolen, Leuchtspurmunition, Knüppel und Mauersteine kamen als Waffen zum Einsatz. Der 16-jährige Bremer Glaserlehrling Adrian Maleika wurde von einem Stein am Kopf getroffen, verlor das Bewusstsein und wurde am Boden liegend zusammengetreten. Er starb einen Tag später infolge eines Schädelbasisbruchs und Gehirnblutungen im Altonaer Krankenhaus.
Vereinsverantwortliche und Fandelegierte versuchten nach dieser Tragödie zwar rasch und durchaus erfolgreich, durch gemeinsame Gespräche eine weitere Eskalation der Gewalt zu verhindern. Das Verhältnis zwischen vielen Bremer und Hamburger Fans blieb seither jedoch nachhaltig zerrüttet. Irreversibel, so scheint es manchmal.
Hohn und Spott
Die sportlichen Erfolge beider Klubs boten in der Folgezeit permanent neue Anlässe für Reibereien. In mannigfaltiger Form wurde die gegenseitige Ablehnung kultiviert: Nach dem dramatischen Fernduell um die Meisterschaft der Saison 1982/83 etwa, bei der die Titelfrage denkbar knapp und nur durch das bessere Torverhältnis entschieden wurde, ließ die aus Gelsenkirchen heimkommende Sieger-Mannschaft des HSV den Piloten ihrer Lufthansa-Maschine noch eine Extra-Ehrenrunde über dem Weserstadion drehen.
Als legendär gilt auch manch aufwendige Stadionchoreografie. Im Jahr 2001 texteten etwa Werder-Fans beim Gastspiel in Hamburg mit Bezug auf die Stadtwappen: "Ihr seid das Tor zur Welt - aber wir haben den Schlüssel." Der Hamburger Konter folgte beim Rückspiel, als der HSV-Fanblock den 1:0-Siegtreffer mit dem Spruchband feierte: "Für ein Tor brauchen wir keinen Schlüssel."
Frotzeleien und Spitzen gehören mittlerweile auch von Seiten der Spieler und Funktionäre zum normalen Grundrauschen der Nordderby. Vor den "norddeutschen Festspielen", die im April und Mai 2009 gleich vier Duelle in drei verschiedenen Wettbewerben auf höchstem nationalen und internationalen Niveau bescherten, posaunte Werder-Torwart Tim Wiese: "Wir müssen dem HSV gleich auf den Sack geben, dann wackeln die." Große Klappe, viel dahinter - Wiese wurde im anschließenden DFB-Pokal-Halbfinale in Hamburg zum Elfmeterhelden und Matchwinner. Viele HSV-Fans können die Bilder seines Jubelsprints quer über den ganzen Platz, also quasi im "Wohnzimmer des HSV", bis heute nur ganz schwer verknusen. Die Wunden, die das Dauer-Derby hinterließ, aus deren Einzelduellen stets Werder als Triumphator hervorging, sind auch nach fünf Jahren allenfalls vernarbt. Richtig heilen, so glauben viele, werden sie wohl nie.
Die Erfolgsjahre beider Klubs sind mittlerweile vorbei. Nach Spitzenspielen um Meisterehren und europäische Weihen gibt es nun also eine neue Facette des Duells: Abstiegskampf. Oder, wie manche sagen: Existenzkampf. Schlechter als derzeit, wo der Tabellenvierzehnte den -sechzehnten erwartet, standen beide Klubs vor einem direkten Aufeinandertreffen in ihrer langen gemeinsamen Liga-Historie erst ein einziges Mal: vor über vierzig Jahren, am 18. November 1972. Damals trennten sich das Schlusslicht HSV und der 14. Werder in Hamburg mit 2:2.
Die Fans feiern das 100. Derby zwischen dem HSV und Werder - und einestages feiert mit. Staunen Sie in der Bildergalerie über die spannendsten Geschichten und wichtigsten Fakten rund um die vergangenen 99 Nordderbys.