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20 Jahre Mauerfall: "Keine Menschenopfer für die Psyche"

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20 Jahre Mauerfall "Keine Menschenopfer für die Psyche"

Die Deutschen und die Wende: Der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz erklärt, der Untergang der DDR sei "keine Revolution" gewesen, die Menschen im Osten seien zum Westen "übergelaufen". Der Philosoph Richard Schröder sieht das anders - und attestiert Maaz moralische Unreife.
Von Richard Schröder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie gehören zu den prominentesten Intellektuellen aus der früheren DDR, der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz aus Halle und der bei Berlin lebende Theologe Richard Schröder. Maaz wurde bekannt durch sein Bestseller "Der Gefühlsstau", in dem er 1990 seinen Landsleuten bescheinigte, seelisch krank zu sein. Schröder war Vorsitzender der SPD-Fraktion in der ersten frei gewählten Volkskammer, später wurde er in Brandenburg Verfassungsrichter. Als kluger Mahner galt er immer wieder als Kandidat für das Bundespräsidentenamt. Doch nun liegen beide Männer heftig im Streit. Die Ereignisse im Herbst 1989 seien "keine Revolution" gewesen, erklärte Maaz vergangene Woche gegenüber SPIEGEL ONLINE. Viele Ostdeutsche seien "nicht geheilt". Nun kommt eine scharfe Replik von Schröder: Maaz denke "totalitär" - und: Natürlich habe 1989 eine Revolution stattgefunden.

Auch zwanzig Jahre danach wird immer noch darüber gestritten, ob im Herbst 1989 in der DDR eine Revolution stattgefunden hat. Das ist natürlich eine Frage der Definition. Wenn man unter einer Revolution das von der Bevölkerung erzwungene Ende einer Herrschaft mitsamt ihrer Legitimation versteht, dann war es eine. Wenn bei einer Revolution außerdem noch Blut fließen muss, war es keine. Blut fließt aber nur dann, wenn eine Revolution in einen Bürgerkrieg übergeht. Und gewaltlos waren die Demonstranten, nicht die Sicherheitskräfte. Die haben bis zum 9. Oktober brutal geknüppelt und Schlimmeres war vorbereitet.

Andere sagen: Das war keine Revolution, sondern eine Implosion, die wir Gorbatschow verdanken. Gorbatschow verdanken wir günstige Umstände. Revolutionen gelingen immer unter günstigen Umständen, andernfalls sind es gescheiterte Revolutionen, wie der 17. Juni 1953. Und das Demonstrieren hat Gorbatschow den Ostdeutschen nicht abnehmen können. Wieder andere sagen: Das Resultat einer Revolution müsse eine neue, noch nie dagewesene Ordnung sein. Im Herbst 1989 sind aber die sozialistischen Länder zur westlichen Tradition, Rechtsstaat, parlamentarische Demokratie und Marktwirtschaft übergegangen. Aber warum denn? Weil etwas angeblich ganz Neues, noch nie Dagewesenes, der "Sozialismus", schließlich sehr alt aussah und nun auch öffentlich abgelehnt wurde.

Auch Hans-Joachim Maaz behauptet, es "hat keine Revolution in der DDR gegeben. Wir Ostdeutschen sind zum Westen übergelaufen." Merkwürdige Terminologie: übergelaufen. Überläufer gibt es nur, wenn sich feindliche Lager gegenüberstehen. Überläufer sind diejenigen, die die eigenen Reihen im Stich lassen - aus der Sicht der eigenen Reihe. Nach derselben Logik war seinerzeit das Unwort "Republikflucht" gestrickt, in Analogie zur Fahnenflucht. Wir sind "übergelaufen", das soll auch diesmal heißen: Wir haben uns schmählich vor unserer Pflicht gedrückt. Und worin bestand diesmal unsere Pflicht? Über uns nachdenken, uns ändern, Buße und Selbstfindung also, am besten wohl kollektiv unter Anleitung eines Großen Psychotherapeuten. Weil wir das nicht wollten, sind wir geflohen. Auch aus diesem Grunde sind die Ostdeutschen "nicht geheilt."

Gibt es eine heilsame Revolution?

Da kommt ja eine seltsame Revolutionstheorie zum Vorschein. Eine richtige Revolution wäre diejenige, die die Menschen heilt? Eine Revolution, nach der die Seelsorger und Psychotherapeuten arbeitslos werden, weil alle "geheilt" sind, hat es zweifellos noch nie gegeben. Eine Revolution oder ein tiefgreifender Umbruch der politischen und ökonomischen Verhältnisse heilt nie. Da gibt es erstens immer diejenigen, die Privilegien verlieren. Zweitens müssen alle vom Gewohnten Abschied nehmen, was auch dann schwer fällt, wenn es sich um eine schäbige Normalität gehandelt hat. Es ist wohl doch keine gute Idee, das Politische und das Ökonomische exklusiv aus psychotherapeutischem Blickwinkel zu betrachten und, was sinnvoll entwickelt wurde, um Menschen zu helfen, die mit sich und ihrer Welt nicht zurecht kommen, gleich auf ganze Völker zu übertragen. Das macht doch Maaz tatsächlich: "Wir Deutschen leiden mehrheitlich an einer narzistischen Störung." Er auch? "Unsere Eltern haben uns zu wenig Bestätigung gegeben." Und das ist bei Franzosen oder Türken "mehrheitlich" besser? Diese Art von Völkerpsychologie ist doch wohl abwegig.

Dass Maaz eine Revolution erwartet hat, die die Ostdeutschen "heilt", ist tendenziell totalitär. Eine Revolution oder Reform der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen kann die Chancen für innere Freiheit verbessern oder verschlechtern, aber niemals innere Freiheit erzeugen. Das war der größte und gefährlichste Irrtum der Marxisten: Ein neuer Mensch werde durch die Revolution entstehen. Wer die Zweideutigkeit oder Ambivalenz des Menschen abschaffen will, verspricht das Paradies und schafft im schlimmsten Fall die Hölle. Nur bescheidenere Ziele der Verbesserungen sind human, aber das ist eine unabschließbare Aufgabe, Sisyphusarbeit.

Wie hätte denn nun die echte, heilende Revolution aussehen müssen, vor der wir uns gedrückt haben sollen? "Wir Ostdeutschen hätten die Macht übernehmen müssen." Aber das haben wir doch. Aus freien Wahlen ging eine freie Volkskammer hervor. Sie hat diese Macht dazu gebraucht, der Bundesrepublik mittels Verträgen beizutreten. Das war damals auch der Wille der ostdeutschen Mehrheit. Der konnte es nicht schnell genug gehen, möglichst schneller noch als der Prozess der internationalen Zustimmung namentlich der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zuließ. Nach Maaz also war der schnelle Beitritt ein Fehler, weil wir dadurch die Macht abgegeben haben.

Jeder Vertrag bedeutet Machtverlust

Aber bei jedem Vertrag wird Macht abgegeben. Man kann nicht zugleich verheiratet und nicht verheiratet sein, obwohl manche sich so verhalten. Jeder Vertrag schließt einen Souveränitätsverzicht ein. Aber wenn das freiwillig geschieht, wird der um eines größeren Vorteils willen hingenommen, ein Vertrag ist dann für beide Seiten besser als keiner. Und wie bitte hätten wir bei offenen Grenzen eine souveräne DDR am Leben halten sollen? Oder hätten wir nach dem Mauerfall an der innerdeutschen Grenze wieder Zollkontrollen einführen sollen? Man muss doch seine Thesen einigermaßen zu Ende denken, ehe man sie drucken lässt. Es gab damals zwei gewichtige Gründe für den schnellen Beitritt. Ohne Gorbatschows Zustimmung war sie nicht zu erreichen. Der aber konnte auch gestürzt werden. Es standen 400.000 sowjetische Soldaten in der DDR. Und die DDR stand vor der Zahlungsunfähigkeit in Devisen, aber die Sowjetunion erklärte, sie könne nicht helfen.

"Wir hätten, statt beizutreten, die Fehler des DDR-Systems kritisch analysieren und die Verantwortlichen bestrafen sollen." Aber an kritischen Analysen des DDR-Systems besteht fürwahr kein Mangel. Die politisch-strukturellen (reformunfähig) und ökonomischen Defizite (ineffektiv, innovationsfeindlich und defizitär in Devisen) liegen zu Tage. Richtig ist allerdings, dass manche sie nicht wahrhaben wollen, weil sie sich beleidigt fühlen, wenn der Staat, in dem sie gelebt haben, schwere Mängel gehabt haben sollen - als hätten sie diese persönlich zu verantworten. Die DDR ist nicht aus dem freien Willen der Bevölkerung hervorgegangen, sondern existierte von Anfang an aus Moskaus Gnaden.

Nun zum Bestrafen. Die Verantwortlichen für die Mauertoten sind ja bestraft worden, die Schützen auf Bewährung, die Organisatoren ohne Bewährung. Die PDS hat das seinerzeit als "Siegerjustiz" angeprangert - absurd, wenn man die geringe Anzahl von Gefängnisstrafen bedenkt. Es waren rechtsstaatliche Verfahren ("im Zweifel für den Angeklagten"), in, wie ich finde, erfreulichem Kontrast zu einer revolutionären Justiz, in der sich der Volkszorn entlädt, aber auch im Kontrast zu der Klassenjustiz der SED, die ganz offiziell als Machtmittel eingesetzt wurde. Warum hätten denn nach Maaz mehr Verurteilungen erfolgen müssen? Dann wäre es erst eine richtige Revolution gewesen, die uns hätte heilen können. Ein seltsames Menschenbild: Um gesund zu werden, hätten wir ordentlich viele ins Gefängnis stecken müssen. Menschenopfer für die psychische Volksgesundheit? Da tun sich ja Abgründe auf. Maaz sagt nicht, wann wir diese radikale Bestrafung hätten vornehmen sollen. Die Sowjetunion hat einen fairen Umgang mit den bisherigen Machthabern eingefordert. Wenn wir den nicht aus rechtsstaatlichen Gründen ohnehin vorgehabt hätten, hätten wir ihn aus machtpolitischen Gründen dennoch praktizieren müssen. Wir wollten schließlich etwas von der Sowjetunion: die Entlassung aus ihrem Imperium.

Veraltetet Industrieanlagen, verfallene Häuser

"Wir hätten dafür sorgen sollen, dass das Volkseigentum wirklich in das Eigentum des Volkes überführt wird." Ich muss gestehen, dass ich diesen Satz nicht verstehe. Eigentum stiftet Verfügungsrechte und Haftungspflichten. Gepflegt und erhalten werden muss es auch. Daran hatte es ja in der DDR so eklatant gemangelt, dass die meisten Industrieanlagen hoffnungslos veralteten und die Häuser verfielen. Eigentümer können immer nur Personen sein, natürliche oder juristische, also eine verfasste Gesellschaft. Das Volk aber ist keine juristische Person. Was meint er nur mit dem wirklichen Eigentum des Volkes? Es gab ja die Idee, das "Volkseigentum" (es war in Wahrheit Staatseigentum) durch Anteilscheine zu verteilen. Das ist in Russland praktiziert worden. Daraus entstanden die neuen Milliardäre, die wussten, welche Scheine was bringen und sie billig aufkauften.

In der Tschechoslowakei ist das auch praktiziert worden, aber nicht lange. Denn es erbrachte weder die notwendigen Investitionsmittel noch das notwendige technologische Know-how. Skoda wurde erst zum großen Erfolg, als es von VW übernommen wurde. Und was hätte ich denn von einem Anteilschein vom Trabantwerk gehabt? Wahres Volkseigentum. So ist das nun mal, wenn eine ganze Weltregion fünfzehn bis zwanzig Jahre hinter den technischen Entwicklungen hinterherhinkt und plötzlich nicht nur mit der westdeutschen, sondern auch der japanischen und südkoreanischen Industrie konkurrieren muss.

"Ich merke bei meiner Arbeit, dass diese äußere Freiheit, die die Ostdeutschen gewonnen haben, noch nicht innere Freiheit bedeutet." Da hat er eine wichtige Einsicht gewonnen, aber warum erst jetzt? Sie ist Jahrtausende alt. Der Theologe Karl Barth hat einmal sinngemäß gesagt, man könne auch in einer Diktatur selig werden und in der Demokratie zur Hölle fahren, sprich ein verkehrtes Leben führen. Trotzdem sollten sich Christen für Recht und Freiheit einsetzen.

Maaz sagt ganz zutreffend, dass die Verhältnisse in der DDR Menschen verbogen haben. Nun hat er zudem erkannt: "auch das westliche System macht krank." Da hätte ich eine Frage: welches System macht denn dann nicht krank? Maaz ist noch immer dem Denken in Systemalternativen verhaftet, als hätten wir, wie ein Kunde, im Katalog auszuwählen.

Die globale und holistische Alternative Kapitalismus - Sozialismus war selbst die größte Irreführung der kommunistischen Propaganda. Denn was da unter Kapitalismus zusammengefasst wurde, ist in Wahrheit ein Bündel von Ordnungen, nämlich Rechtsstaat (mit unveräußerlichen Grundrechten), (parlamentarische) Demokratie, Marktwirtschaft, Sozialstaat. Das Verhältnis zwischen diesen Elementen ist variabel, von Land zu Land verschieden und muss jeweils neu justiert werden. Daraus ergibt sich der unbestreitbare Reformbedarf auch im vereinigten Deutschland. Wer da nach der großen Systemalternative ruft, drückt sich vor dem Einstieg ins komplizierte Detail. Das ist in Wahrheit Politikverweigerung, die sich dann als Politikverdrossenheit geriert. Maaz liefert dafür leider Beiträge.

"Was den Ostdeutschen auf jeden Fall hilft, ist die Krise des Kapitalismus", sagt Maaz. Denn die Krise zeige die Grenzen der westlichen Lebensweise. "Das bringt den Ostdeutschen eine gewisse Genugtuung." Ich verbuche diese Erwägung unter Schadenfreude, aber eine von der Art: geschieht meinen Eltern ganz recht, wenn mir die Hände abfrieren, warum kaufen sie mir keine Handschuhe? Oder wenn sich ein Mieter freut, dass sein Haus zusammenkracht, weil es den Architekten blamiert. So zu denken ist ein Ausweis für menschliche und moralische Unreife.

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