20 Jahre Mauerfall: "Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin"
Mauerfall 1989 "Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin"
Der 7. Mai 1989 war ein sonniger Frühlingstag. Leipzig war mit Fahnen zugehängt, überall forderten Plakate: "Unsere Stimme den Kandidaten der Nationalen Front!" Wahltag in der DDR. Die Wahllokale hatten wie überall seit sechs Uhr geöffnet und der jeweils erste Bürger, der wählen ging, erhielt wie immer einen Blumenstrauß.
Dabei hätte er sich die Mühe sparen können - wie alle, die ihm folgten, denn auszuwählen gab es nichts. Die Einheitslisten mit den Kandidaten unter Führung der SED beschlossen, standen seit Monaten genauso fest wie das Ergebnis selbst: 99 Prozent Ja-Stimmen, plus/minus einiger Promille. "Zettelfalten" nannte der Volksmund dieses Unterwerfungsritual, das vor allem der Beruhigung der SED diente: Wer am Sonntag den Stimmzettel in der Urne versenkte, würde am Montag keinen Aufruhr beginnen.
So war das seit Jahrzehnten.
Spurenvernichtung im Küchenofen
Diesmal aber war etwas anders. Oppositionsgruppen hatten sich verabredet, bei dieser Wahl die Stimmauszählung in den Wahllokalen zu beobachten. Gerüchte, dass am Abend Nichtwähler öffentlich protestieren würden, kursierten in der Stadt. Einige Tage vor der Abstimmung war mitten in der Nacht mein Freund Bernd bei mir aufgekreuzt und hatte sofort begonnen, in meinem Küchenofen Zettelchen zu verbrennen. "Stell Dir vor es ist Wahl und keiner geht hin", stand darauf. Dutzende von den selbstgefertigten Aufrufen hatte er zuvor auf Litfaßsäulen im Harzvorland geklebt; nun fürchtete Bernd, dass ihm die Stasi bis nach Leipzig gefolgt sei. Doch es blieb ruhig. Meine Wohnung wurde nicht überwacht.
Ich hätte an diesem 7. Mai in meinem Heimatdorf wählen müssen, war aber schon zu der Volkskammerwahl 1986 nicht mehr hingegangen. Als Theologiestudent an einem kirchlichen Seminar wurde ich von den DDR-Behörden längst den "feindlich-negativen Kräften" zugerechnet. Für mich würde der Tag ruhig verlaufen, glaubte ich. Dann, um zwei Uhr mittags, klingelte es: "Kriminalpolizei!"
In der Tür standen zwei Herren in Zivil: Ob ich wüsste, wo sich mein Freund und Kommilitone Rainer Müller aufhielte? Rainer war in mehreren Gruppen aktiv - im Arbeitskreis Gerechtigkeit, in der Arbeitsgruppe Menschenrechte und, wie ich, im Arbeitskreis Solidarische Kirche. Er war seit langem einer der Köpfe der Leipziger Opposition. Anfang des Jahres hatte er schon einmal in Untersuchungshaft gesessen, nun war er offenbar wieder in Gefahr. Nein, keine Ahnung, sagte ich, und so plötzlich wie sie gekommen waren verschwanden die beiden wieder. Mit meinem ruhigen Tag war es vorbei. Es war etwas im Gange.
"Sie werden zugeführt!"
Um drei Uhr Nachmittags schnappte ich mir meine Kamera und fuhr mit der Straßenbahn in die Leipziger Innenstadt. Ich wollte zu Rainer, der damals in einem Abrisshaus wohnte, um ihn zu warnen. Wie naiv das war, stellte sich umgehend heraus. Als ich am Bahnhof ausstieg, wunderte ich mich, dass einer der beiden Herren, die eben noch an meiner Haustür gestanden hatten, in derselben Bahn saß wie ich. Im selben Moment hörte ich ihn schon sagen: "Herr Gerlach, Sie werden zur Klärung eines Sachverhalts zugeführt!"
"Zugeführt" - das war in der DDR der Terminus für Festnahme, für Verhaftung, für Schutzhaft, für alles Mögliche. Handschellen klickten nicht, so etwas war unüblich bei "Zuführungen". Die Staatsmacht hatte mich auch so gut umstellt. Waren das überhaupt Kriminalpolizisten? Wohl nicht. Stasi-Leute? Vermutlich. Eines schien klar, aus Leipzig kamen die nicht, dafür berlinerten sie zu sehr, außerdem kannten sie sich nicht aus.
Wir standen lange vor dem Leipziger Hauptbahnhof herum - das Auto, welches mich fortschaffen sollte, ließ auf sich warten. Nein, es kam überhaupt nicht. Also ab in den Bahnhof - irgendwo dort musste die "Trapo", die DDR-Transportpolizei, ihre Wache haben. Aber wo? Wie Touristen fragten sich meine beiden Bewacher durch.
Wenn der Oberleutnant dreimal fragt
Endlich fanden Sie die Trapo-Kollegen, ich musste dort in einem "Besuchszimmer" warten. Schließlich hatten die Leute von der Sicherheit einen Wartburg organisiert, der mich in die Polizeiwache Ritterstraße brachte - reichlich umständlich, zu Fuß wären das fünf Minuten gewesen. Dort eilten Uniformierte umher. "Wo ist der Zuführungspunkt?", rief mein Begleiter. Schulterzucken. Es gab keinen Zuführungspunkt, also musste ich bei der Ausnüchterungszelle warten.
Bald ging es wieder weiter. Diesmal wurde ich in die Polizeizentrale Harkortstraße gefahren, gegenüber dem alten Reichsgericht. Zuerst nahm man mir meinen Ausweis ab, dann stellte sich mir Oberleutnant König vor, der mich in einem Zimmerchen zu verhören begann. "Weshalb hielten Sie sich in der Innenstadt auf?" Ich hatte mir inzwischen Ausreden zurechtgelegt: "Ich wollte in die Internationale Buchausstellung, danach in die Oper." - "Mit wem? Haben Sie Karten? Wollten Sie im Pullover in die Oper?" Oberleutnant König arbeitete seine Fragen ab, ich meine Ausreden.
"Herr Gerlach, was ist ihr politisches Credo?"
Dann wurde Oberleutnant König konkreter: "Was wissen Sie, was heute um 18 Uhr auf dem Leipziger Marktplatz stattfinden soll?" - "Keine Ahnung." - Haben Sie Kenntnisse über eine nicht genehmigte Veranstaltung?" - "Nein." - "Sie haben uns ja erlaubt, in Ihre Tasche zu schauen. Wozu haben Sie einen Fotoapparat bei sich?" - "Ich fotografiere gern." - "Was wollten Sie fotografieren?" - "Nichts Spezielles."
Das Verhör blieb harmlos - König hatte keine Ahnung, ich hatte auch keine Ahnung.
Da erschien ein zweiter Uniformierter, hörte zu, fragte dann: "Herr Gerlach, wie ist Ihr politischen Credo?" Mein Credo? Ich wich aus. Das sei wohl jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, wandte ich ein. Der zweite Vernehmer verschwand wieder. Irgendwann reichte man mir Kaffee.
Inzwischen war es halb sieben Uhr geworden, die Wahllokale waren geschlossen. Wenn es Proteste geben würde, dann müsste es in der Innenstadt jetzt losgehen. In der Wache klapperte derweil die Schreibmaschine. König hielt mir sein Befragungsprotokoll vor die Nase. Ich nickte. "Unterschreiben Sie!" - "Nein." - "Was?" - "Ich unterschreibe nichts!"
Quittung für den Kaffee
Ich hatte mir schon lange überlegt, was ich keinesfalls tun würde, sollte ich verhaftet werden: Irgendetwas unterschreiben. König versuchte es mit List: "Quittieren Sie doch bitte für den Kaffee!" - "Nein." Jetzt wurde er ungehalten. "Soll ich Ihren Kaffee bezahlen? Mit so einem Misstrauen ist doch wirklich kein Dialog möglich!" Dialog? War das eben Dialog? König ergänzt das Protokoll: "Herr Gerlach bestätigt die Richtigkeit seiner gemachten Aussagen. Eine Unterschrift lehnt er jedoch ab, weil er dies nicht möchte." König sagt, ich müsse mich noch etwas gedulden, und verschwindet.
Bis um neun Uhr wechseln sich die Bewacher ab, dann werde ich in das Zimmer Nummer 111 gebracht. Dort sitzen bereits etwa 20 Leute, es ist dennoch still. Schon nach zehn Minuten geht es weiter. Gemeinsam mit einem anderen "Zugeführten" geht es die Treppen hinab, im Rücken die Bewacher. Wir werden wortlos hinunter in den Keller bugsiert und hinaus auf einen grell erleuchteten Hof, hinein in ein anderes Gebäude.
Das Karree kam mir bekannt vor. Am anderen Ende, am Peterssteinweg, befand sich eine Mensa der Leipziger Universität - und dazwischen das Untersuchungsgefängnis an der Beethovenstraße, in dem Rainer M. und andere Mitstreiter aus der DDR-Opposition im Januar 1989 einsaßen. Oft genug war ich an der Beethovenstraße vorbeigelaufen, als dort Gefangenentransporter parkten. Sollte ich etwa da hinein? Wir liefen einen schummrigen Gang entlang, weiße Kacheln an der Wand. Was wäre, wenn mir die zwei Bewacher jetzt eins über den Schädel zögen? Es war nur ein Gefühl, kein Gedanke. Zum Nachdenken blieb keine Zeit. Wir hetzten weiter, jetzt wieder treppauf. Das Gefängnis lag hinter uns.
Ein Klassenzimmer voller Verhafteter
In einem Flur hatte sich alles versammelt, was bei der Volkspolizei Beine hat, einschließlich zweier Schäferhunde. Ich wurde durch eine der vielen Tür geschoben. In dem Raum dann Tafeln, Bänke. Waren das etwa Klassenzimmer? Tatsächlich. Etwa 15 Verhaftete saßen in "meiner" Klasse. Die Stimmung war locker; manche unterhielten sich, andere schwiegen. Bekannte Gesichter entdeckte ich nicht.
Es hatte tatsächlich eine Demonstration im Leipziger Zentrum gegeben, hörte ich nun. Vopo-Hundertschaften hatten die Protestierer eingekesselt, die den Wahlbetrug der SED offen auf der Straße anprangerten. Dutzende waren verhaftet worden, vermutlich weit mehr als hundert, und viele waren nun hier in der Handelsschule Leipzig zusammengepfercht.
Die ersten, die rebellierten, waren die Raucher. Ratlosigkeit bei den Bewachern, dann der Entschluss: Raucher können einzeln auf dem Flur rauchen. Die nächsten hatten Hunger. "Wir haben auch nichts zu essen!" entgegneten die Vopos. Aber bald gab es ein Brötchen und ein Stück Wurst.
"Ich will raus!"
Nach Mitternacht allerdings stieg der Frust. "Ich will ins Bett!", rief einer. "Lasst mich endlich zu meiner Frau!", bat ein anderer. "Ich will raus!", schrieb ein Dritter an die Tafel. Stattdessen knipsten die Bewacher das Licht aus.
Irgendwann, mitten in der Nacht, wurde der erste von uns herausgerufen. Etwas später winkte er von der Straße herauf: freigelassen! Bis vier Uhr früh ist die Hälfte draußen. Doch danach war Schluss, und wir Übrigen schoben wieder Frust. "Lieber eine Zelle mit Liege als diese Stühle!", stöhnte einer.
"Machen Sie sich bereit", gellte es um fünf Uhr über den Flur: "Wir ziehen um!" In Fünfergruppen ging es zurück in die Harkortstraße. Wie Verbrecher zogen wir an diesem Frühlingsmorgen durch Leipzig, zu beiden Seiten Polizisten mit Gummiknüppeln. Der Marsch endete wieder im Zimmer 111.
Das schlechteste Wahlergebnis der DDR-Geschichte
Am folgenden Vormittag gab es irgendwann Brötchen mit Wurst, ansonsten schien man uns vergessen zu haben. Manche vermuteten, dass unser Fall bereits im SED-Politbüro verhandelt werde. Bis Mittag jedenfalls passierte nichts. Aus Langeweile stellten wir das Zimmer auf den Kopf - das Gejohle war groß, als irgendwo ein Honecker-Porträt zum Vorschein kam.
Die Freilassung der letzten 35 "Zugeführten" begann um halb zwölf Uhr. Ich war als Drittletzter an der Reihe. Man legte mir wieder eine Erklärung zur Unterschrift vor. Darin stand, dass ich zukünftig nicht mehr an Handlungen teilnehmen würde, die das sozialistische Zusammenleben stören oder die die Ordnung und Sicherheit gefährden. Ich verweigerte die Unterschrift. Dennoch erhielt ich meinen Ausweis zurück und wurde hinausgebracht. Es war Montag, der 8. Mai 1989 um 12.30 Uhr.
An diesem Tag meldete das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" ("ND") auf seiner Titelseite 98,85 Prozent Ja-Stimmen für die Einheitsliste der Nationalen Front. Was dort nicht stand: Es war das schlechteste Wahlergebnis in der Geschichte der DDR. Was dort ebenfalls nicht stand: Tausende DDR-Bürger hatten zuvor in den Wahllokalen die Stimmen nachgezählt - und damit die SED der systematischen Wahlfälschung überführt. Und in Leipzig und in Berlin hatten Hunderte trotz Vopos und Stasi gegen die Wahlfarce demonstriert.
Was weder das "ND" noch die Demonstranten wissen konnten: Die Wahl vom 7. Mai 1989 war das letzte "Zettelfalten" nach altem Muster - zehn Monate und eine Revolution später wurde die SED bei der ersten freien Wahl in der DDR am 18. März 1990 abgewählt.