30 Jahre Incognito: Jazz-Funk für Musikprofessoren
30 Jahre Incognito Jazz-Funk für Musikprofessoren
Es war im September 1979, als der Gitarrist Jean-Paul "Bluey" Maunick mit seinem inzwischen verstorbenen Musikerkollegen Paul "Tubbs" Williams in einem Londoner WG-Zimmer saß und davon träumte, eine Band zu gründen. Mit wechselnden Mitgliedern sollte sie einen bis dahin noch nie gehörten Stil auf der Grundlage von Jazz und Funk kreieren. Prägenden Einfluss auf diese musikalische Vision hatte die Band Earth, Wind & Fire, die Bluey drei Jahre zuvor als Vorgruppe der von ihm verehrten Band Santana erlebt hatte. Die Jazz-, Funk- und Soul-Explosionen von Earth, Wind & Fire hatte Bluey beeindruckt und nachhaltig beeinflusst.
Zwei Tage nach jenem denkwürdigen WG-Treffen betraten Bluey, Tubbs und einige weitere Musiker kurzerhand ein Studio, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie experimentierten herum, bis nach ein paar Tagen das erste Album "Jazz-Funk" eingespielt war. Heute sagt Bluey: "Es war fast wie eine Jam-Session. Aber mit Struktur." Es war darüber hinaus die Geburt einer nach wie vor sehr lebendigen, sensationellen Band.
Elf Jahre lang eroberte Incognito vorwiegend die Londoner Szene. Als schließlich 1991 der erste Hit "Always There", ein Cover des Klassikers von Ronnie Laws, weltweit im Radio gespielt wurde, stockte den Hörern der Atem. Was da über den Äther donnerte, war ein regelrechtes Jazz-Funk-Feuerwerk. Die Arrangements von Incognito hatten sich weiterentwickelt: Gestochen scharfe Bläsersätze, die inzwischen unverkennbare Rhythmusgitarre von Bluey, Funk-Rhythmen mit lateinamerikanischen Einflüssen und gleich mehrere, umwerfende Soul-Stimmen gehörten fortan zu den Markenzeichen der mittlerweile dreizehnköpfigen Formation.
Die Stimmungskanone
Der Name der Band spiegelte das Konzept wieder, das Jean-Paul "Bluey" Maunick seiner Truppe verordnet hatte: Das Fehlen jeglichen Personenkultes sollte die chamäleongleiche Wandlungsfähigkeit der Band bewirken. In der Tat änderten sich Stil und Besetzung von Incognito fortwährend. Über 1000 Musiker arbeiteten im Laufe der Jahre mit Incognito zusammen und prägten die Band. Bluey war der einzige Musiker, der immer dabei war. Er entfachte das musikalische Feuer.
Die maßgeblich von Star-DJ Gilles Peterson eingeläutete Acid Jazz-Modeerscheinung, die Anfang der neunziger Jahre aufkam, half der Ausnahme-Kombo endgültig, populär zu werden. Der eher konservativ anmutende britische Jazz-Funk, mit dem Gruppen wie Level 42 oder Shakatak bis dahin aufgewartet hatten, wich der energiegeladenen Musik von Incognito. Das ursprünglich von Legenden wie Dick Morrissey und Jim Mullen ("Morrissey Mullen") erfundene Phänomen des britischen Jazz-Funk hatte nun seinen Drive zurückerhalten.
In Stuttgart schwärmte 1991 der Musikchef des damaligen Senders SDR3, Matthias Holtmann, begeistert von einer "Stimmungskanone", als er seinen Hörern die Incognito-Version von "Always There" vorstellte. Im Mojo-Club am Hamburger Spielbudenplatz, dem früheren, deutschen Acid-Jazz-Mekka, tanzten mit modischen Wollmützen bekleidete Acid-Jazz-Freaks ganze Nächte hindurch zu Incognito. In London, Paris, Kopenhagen, Amsterdam, New York und andernorts war die Begeisterung ebenso überschwänglich.
"Wir spielen uns den Arsch ab"
Schon in den neunziger Jahren hatte die Band die verschiedensten Fans: Sowohl Song-Liebhaber, denen die samtigen Soulstimmen der Incognito-Sängerinnen sowie die von Bluey geschriebenen Texte gefielen, als auch die Club-Gänger, die die Tanzbarkeit vieler Incognito-Stücke begeisterte, fühlten sich angesprochen. Jazz-Musiker, Musikprofessoren und andere Experten überzeugten die instrumentalen Improvisationen und die Arrangements. Album auf Album folgte. Die Cover-Version des Stevie-Wonder-Songs "Don't You Worry 'Bout A Thing" schaffte es sogar in die "heavy rotation" auf MTV. 1995 war es der Dancefloor-Kracher "Everyday", der den Massen einheizte.
Bis heute sind 13 Studio-Alben der "Incognito Family" erschienen. Letztendlich jedoch waren es immer die Touren und Konzerte, auf die es der Band ankam: "Die Alben ermöglichen es uns, durch die Welt zu touren und live zu spielen. Incognito ist eine Live-Band", so der Gründer. Das Konzert zu Ehren des gerade verstorbenen Frank Zappa 1992 in den Hamburger "Docks" ist unvergessen; auch die Besucher des Montreux Jazz-Festivals in der Schweiz, auf dem die Band regelmäßig spielt, sind immer wieder begeistert von Jazz-Funk und Soul im Incognito-Style. "Wir spielen uns den Arsch ab", sagt Bluey zutreffend, wenn er von den vielen, weltweiten Auftritten in den vergangenen 30 Jahren schwärmt.
Drei Jahrzehnte voller Erfolge und Krisen sind vorüber, und die Legende lebt noch immer. Davon kann sich auch das deutsche Publikum überzeugen. In der Hamburger "Fabrik", im Aschaffenburger "Colos-Saal" und auf diversen, deutschen Jazz-Festivals tritt Incognito auch heute noch regelmäßig auf. Das neueste, reguläre Album "Tales From The Beach" feiert derweil große Erfolge in Asien, Amerika und Europa.