50 Jahre Ikea - DER SPIEGEL
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50 Jahre Ikea: Der Inbusschlüssel zum Glück

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50 Jahre Ikea Der Inbusschlüssel zum Glück

Schrauben Sie noch oder leben Sie schon? Vor 50 Jahren revolutionierte ein schwedisches Einrichtungshaus mit seinem Do-It-Yourself-Konzept die Vorstellung vom Möbelkaufen. Dabei hatte das Lebensgefühl Ikea am Anfang sogar Punk-Potential - davon ist heute allerdings nichts mehr übrig.
Von Ariane Stürmer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Kanzler Helmut Schmidt 1982 in privater Einrichtmission das Möbelhaus Ikea besuchte, war das dem "Hamburger Abendblatt" einen Artikel wert. Nicht, dass ein Politiker auf der Suche nach Bücherregalen etwas Besonderes gewesen wäre. Aber Helmut Schmidt schlenderte nicht durch irgendeine Möbelausstellung - sondern durch den Billig-Schweden Ikea, der mit dem Slogan "Mehr Geschmack als Geld" warb. Fünf breite und drei schmale "Billys" habe sich Schmidt gegönnt, schrieb das "Abendblatt". Ob der fummelige Aufbau der Regale im Heim des Kanzlers den obligatorischen Ehekrach heraufbeschwor, konnte die Tageszeitung leider nicht vermelden.

Fest steht: 1982 kaufte ein gutverdienender Mittsechziger beim "unmöglichen Möbelhaus" mit dem Elch im Logo ein - noch dazu der Bundeskanzler - und das war wirklich beinahe ein Skandal. Warum? Ganz einfach: 1974 hatte Ikea seine erste deutsche Niederlassung in Eching bei München eröffnet. In den darauffolgenden Jahren breiteten sich die blauen Wohncontainer-Giganten in der ganzen Republik aus. Etablierte Mitbewerber gingen auf die Barrikaden, versuchten den schwedischen Discounter mit Gerichtsurteilen, Anti-Werbekampagnen und vernichtenden Qualitätstests zu stoppen.

Und das war sogar irgendwie verständlich: Auf dem Weg zum wohl bekanntesten Möbelhaus hinterließ Ikea eine Schneise der Verwüstung im deutschen Einrichtungsmarkt. Unzählige Zeitungsartikel der siebziger und achtziger Jahre dokumentieren die verheerenden Folgen der aggressiven Ikea-Preispolitik. Laut SPIEGEL war das "Die schwedische Masche". Sie funktionierte. Reihenweise mussten Möbelhäuser schließen, die in der Nähe einer der schwedischen Filialen ihre Betten, Regale und Tische feilboten. Wer in Deutschland produzierte, konnte preislich mit den zu großen Teilen in Billiglohnländern wie Polen produzierten Ikea-Waren nicht mithalten. Die Deutschen aber wollten Ikea trotzdem - die Bundesrepublik wurde für das Unternehmen zur Goldgrube.

"Ivar" gegen Möbelmonster

Doch nicht nur aus wirtschaftlicher, auch aus gesellschaftskritischer Sicht ist Ikea ein Phänomen. So viel Phänomen, dass die Mainzer Professorin für Designgeschichte, Petra Eisele, im Jahr 2005 einen wissenschaftlichen Artikel zum Thema "Billy" und "Ivar" verfasste. "Ivar" ist wie "Billy" ein Bücherregal, beide sind Verkaufsschlager bis heute, das eine Variante Vollholzsteckmöbel, das andere im klassischen Bauhaus-Look. Beide gehörten zur Kategorie "Leichtmöbel", wie man die günstigen Möbel zum Selbstzusammenbauen damals nannte. Und der SPIEGEL beschrieb es 1975 als Renaissance, das "sparsame, spröde Design Skandinaviens", das "anders als deutsche Schrankwände und Eichenbuffets im Karton verpackt mit dem eigenen Auto nach Hause gefahren werden und dort montiert werden kann".

Professorin Eisele zufolge ist der Erfolg von Ikea aber nicht nur durch günstige Preise und einen latenten Do-it-Yourself-Einschlag zu erklären, sondern vor allem, weil die Firma im richtigen Moment das richtige Lebensgefühl anbot. Der Moment war 1974, und alternativ war angesagt. Die ganze Nachkriegsgeneration warf die von Eltern und Großeltern vererbten Möbelmonster Marke Eiche rustikal schwungvoll auf den Sperrmüll und schraubte sich ein brandneues, schlankeres Wohnglück in Kiefer geölt-gewachst-lasiert zusammen. Junge Deutsche wollten günstige und praktische Einrichtungen, mit denen sie sich vom heimischen Wohnwandidyll ihrer Vorfahren absetzen konnten, und Ikea gab sie ihnen. Das Möbelhaus mit dem Elch im Logo war ganz einfach eine Kampfansage gegen das kleinbürgerliche Einerlei.

"Mein Poäng ist rot"

Doch schon acht Jahre nach der Eröffnung der ersten deutschen Ikea-Filiale hatte die Marke der Studenten, der Kulturrevolutionäre, der Ökos und der Punks ihr rebellisches Image eingebüßt. Helmut Schmidt war weder jung noch knapp bei Kasse, und ein Wohnwandrevolutionär schon gleich gar nicht. Ikea war salonfähig geworden.

Was den Schmidts recht war, das war dem Rest der Republik nur billig. Und spätestens Ende der Achtziger war es vorbei mit der schwedischen Individualität. Ein Ikea-Kater stellte sich ein. Kinder in Köln wie in Hamburg verstauten ihre Spielsachen auf "Ivar"-Regalen, Punks wie Liebhaber klassischer Musik lauschten ihrem Lieblingssound auf dem Sofa "Klippan" und stellten Bier, Tee oder auch mal eine Wasserpfeife auf dem Beistelltischchen aus der "Lack"-Serie ab. Und wer bei Freunden zu Besuch war, der fragte nicht mehr konsterniert: "Oh, wo habt ihr das denn her?", sondern trat ins Wohnzimmer und stellte beim Anblick des neuen Sessels ernüchtert fest: "Also mein Poäng ist rot. Aber bei euch passt der weiße natürlich besser rein."

Vereint im Kötbullar-Rausch

Trotzdem blieb der samstägliche Ausflug zum Schweden für viele obligatorisch, und nichts konnte den Familientag im fensterlosen Riesencontainer verhindern. Im paradiesischen Plastikkugelbecken plärrten die Kinder mit hochrotem Kopf nach ihren Eltern. Unterdessen klappten diese in einem der voll eingerichteten Ausstellungszimmer im Takt Schranktüren auf und zu und auf und zu - bis sie sicher waren, dass sie auch wirklich und wahrhaftig funktionierten. Einen Raum weiter: Gedämmtes Licht, Probesitzen in der Sofalandschaft. Zu zweit, verliebten Blickes, ach Schatz, vielleicht noch diese Lampe und jenes Tischchen? Fehlte nur noch der Kaffee. Den gab's im Ikea-eigenen Restaurant. Und spätestens da trafen sie alle aufeinander, die kreischenden Kinder, ihre Haare raufenden Eltern und die jungen Verliebten, vereint im Köttbullar-Fleischbällchen-Rausch.

Verantwortlich für den ganzen Zirkus zeichnete Ingvar Kamprad, heute milliardenschwerer Unternehmer. Der Bauernsohn aus Schwedens damaligem Armenhaus Smaland gründete Ikea 1943 als Discountmarkt für Kurzwaren, Schmuck und Uhren. Er expandierte, nahm Möbel in sein Versandsortiment auf und eröffnete zehn Jahre später die erste Möbelhalle im schwedischen Almhult. Kunden konnten gucken, anfassen und dann ordern. Nicht umgekehrt. Und weil ein findiger Angestellter einen Ikea-Tisch nicht in sein Auto quetschen konnte, ohne ihn zu beschädigen und kurzerhand die Beine abschraubte, machte Ikea bald das, was sonst keiner machte: Möbel handlich verpackt an Selbstabholer zu verkaufen. Die Idee trug Früchte. 1963 Oslo, 1969 Kopenhagen, 1973 Zürich, 1974 München. 2008 die Welt.

Vom Punk-Image der siebziger Jahre ist inzwischen natürlich nichts mehr übrig. Der gekröpfte Inbusschlüssel, ehemals beinahe ein Synonym für einen tiefen Generationengraben, steht heute für total banale Dinge: Nervige Bastelei, fehlende Schrauben und, macht man den Fehler und schraubt zu zweit, den obligatorischen Ehekrach.

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