50 Jahre Mauerbau - DER SPIEGEL
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50 Jahre Mauerbau: "Die Russen kommen!"

Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Gerhard Kiesling

50 Jahre Mauerbau "Die Russen kommen!"

Panik in West-Berlin: Als Michael Mellenthin im Sommer 1961 aus dem Urlaub nach Berlin zurückkehrte, erlebte er eine Stadt in Aufruhr. Seine Mutter tätigte Hamsterkäufe, seine Arbeitskollegen fürchteten sich vor einer russischen Invasion - und der damals 16-Jährige nutzte die Hysterie für einen bitteren Scherz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Tag des Mauerbaues in Berlin, dem 13. August 1961 kam ich gerade aus Bayern und war 16 Jahre alt. Ich war mit meiner Tante im Urlaub gewesen und unser Zug war der letzte, der noch am Bahnhof Zoo hielt. Danach fuhren alle Züge bis zum Alexanderplatz durch, um zu verhindern, dass DDR-Bürger in Westberlin ausstiegen.

Man musste dann als Westberliner seinen Ausweis zeigen und durfte anschließend per S-Bahn vom Alexanderplatz wieder nach Westberlin fahren. Die DDR-Bürger, die in den Zügen saßen, hatten auf diese Weise keine Möglichkeit mehr, in den Westsektor zu entkommen.

Es war schon sehr unangenehm. In unserem Zug war eine Mutter mit ihrem Sohn aus der DDR. Ich erinnere mich daran, wie nervig das war, weil die Mutter immer sagte: "Nun zeig doch mal deinen Juri-Gagarin-Orden". Der Junge war vielleicht acht Jahre alt und völlig verunsichert; er wollte den Orden nicht zeigen. Ich empfand damals nur Verachtung für die beiden.

In den folgenden Tagen steigerte sich die Spannung immer mehr, alle hatten Angst und meine Mutter kaufte den örtlichen Lebensmittelladen von Zucker, Salz und Mehl fast leer. Alle dachten: Jetzt kommen die Russen. Ich versuchte, nicht auch noch abzudrehen und reagierte eher gelassen.

Ich war damals Einzelhandelskaufmann-Lehrling in einer Gardinen- und Teppichfirma in der Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg. Früher hatten alle größeren Läden einen Rentner, der immer die Tür öffnete, sobald ein Kunde kam, den er dann begrüßte. Dieser arme Mann in unserer Firma war ebenfalls sehr ängstlich und fest davon überzeugt, dass die Russen bald einmarschieren würden.

Aus Spaß habe ich ihm erzählt, dass die Russen schon in der Sonnenallee in Neuköln stehen würden, dort wohnte er nämlich. Das stimmte natürlich nicht, doch der Arme rannte sofort aus dem Laden und lief nach Hause. Das gab Ärger für mich, aber ich wollte die Angst der Leute einfach nicht wahrhaben, da ich mir so etwas nicht vorstellen konnte. Denn schließlich, so glaubte ich, waren doch die Amerikaner, Franzosen und Engländer in Westberlin, um uns zu beschützen.

Das war sehr naiv, denn um Berlin herum standen 50 russische Panzerdivisionen. Da hätte keiner unser "Beschützer" eine Patrone für uns gegeben, da bin ich mir heute sicher.