50 Jahre Mauerbau - DER SPIEGEL
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50 Jahre Mauerbau: Sinneswandel eines Ausreißers

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50 Jahre Mauerbau Sinneswandel eines Ausreißers

Endlich frei! Im Sommer 1961 riss der 17-jährige Björn Pätzoldt von zu Hause aus und trampte wochenlang durch Frankreich und Spanien. Für ihn stand fest, dass er nie wieder in sein altes Leben zurückkehren würde. In einer Tapas-Bar aber erreichte ihn eine unfassbare Nachricht - und reumütig entschloss er sich zur Heimkehr.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Niemand wusste von meinem Plan, den ich schon lange vor den Sommerferien 1961 ausgeheckt hatte. Statt meinen Onkel im Schwarzwald zu besuchen, wie es mir meine Eltern aufgetragen hatten, wollte ich mich für immer nach Frankreich absetzen und mein Leben endlich in die eigenen Hände nehmen. Da standen mein Leben in West-Berlin, die Schule und die Eltern nur im Weg. Ich hatte niemanden eingeweiht, auch die besten Freunde nicht. Kein Mensch sollte die Verantwortung tragen für Nibelungentreue oder Geheimnisverrat.

Hundert Mark hatten meine Eltern mir für die Bahnfahrt von Berlin nach Freiburg zugesteckt. Weitere 50 Mark hatte ich mir im Laufe der Monate angespart. Das war das Startkapital für mein neues Leben. Bald hinter der Zonengrenze, die den Osten Deutschlands von dessen Westteil trennte, stieg ich aus dem Zug, um weiter nach Paris zu trampen. Hier verbrachte ich einige Tage. Dann zog es mich entgegen meiner ursprünglichen Pläne weiter Richtung Süden - durch das Land der Basken nach Spanien.

In Barcelona passierte genau das, was unweigerlich passieren musste: Mir ging das Geld aus. Ich war gerade 17 Jahre alt und hatte keinen Duro und keine Pesete mehr in der Tasche, keinen Franc und keinen Sou. Mein Kapital belief sich auf fünf Mark. Ein Bett in einem Hostal oder einer Pension konnte ich mir definitiv nicht mehr leisten. Resigniert ließ ich mich vor dem Eingang einer kleinen Tapas-Bar auf dem Boden nieder. Hier saß ich stundenlang, bis die Nacht einbrach. Dass ausgerechnet in dieser Tapas-Bar die Weichen für mein Leben neu gestellt werden würden, ahnte ich nicht.

Das Licht hinter dem Fenster erlosch, und die Tür öffnete sich. Die Wirtin kam schleppenden Schrittes heraus und wollte das Schloss verriegeln. Sie erschrak, als sie mich erblickte. Ich schaute sie nur traurig an und streifte mit der flachen Hand über meinem Kopf hin und her. Dann winkelte ich mit hochgezogenen Schultern beide Arme an und zeigte ihr meine bloßen Handflächen. Schnell begriff die füllige Frau, dass ich obdachlos war. Sie zog mich mit kräftigen Armen hoch und bugsierte mich in das Geschäft. Dort, wies sie mich an, solle ich bleiben.

Sie schlürfte durch den dunklen Raum an den Tresen heran und füllte einen Teller mit kleinen Häppchen, die sie mir zum Essen reichte. Danach verschwand sie hinter der Ladentür und schloss sie von außen ab. Ich machte es mir gemütlich, breitete auf dem Boden meinen Schlafsack aus, schlüpfte hinein und schlief bald ein. So blieb ich für mehrere Tage Dauergast der Tapas-Bar. Tagsüber streifte ich durch die Straßen der Stadt und an den frühen Nachmittagen, wenn die Siesta zur Ruhe anhielt, saß ich am Tresen und schaute fern.

Die Schule und die Familie in Berlin hatte ich weit hinter mir gelassen. Mein Entschluss stand fest: Hier in Barcelona wollte ich bleiben.

Eines späten Abends aber dröhnte es aus dem Fernseher: "Berlín... frontera (Grenze)... muro (Mauer)... zona ocupada soviética (Sowjetzone)..." Ich verstand nur ein paar Wortfetzen, erfasste aber sofort, dass in Berlin etwas Ungeheuerliches geschah. Plötzlich regte sich in mir ein tiefes Gefühl der Reue und der Verbundenheit mit meiner Familie. Und ich wusste, dass ich zurückkehren musste.

Dreiste Lüge

Ich trat die Rückreise an, wieder als Tramper. Wer mich mitnahm, gewährte mir eine Schlafstatt und beköstigte mich. So erreichte ich bald Frankfurt, wo ich Station bei Freunden meiner Eltern machte. Sie schilderten mir aufgeregt, was in den vergangenen Tagen geschehen war. Ich rief meine Eltern an, die spürbar erleichtert waren, dass sich ihr verloren geglaubter Sohn endlich meldete. Ich solle sofort nach Berlin fliegen, ordneten sie an. Die Frankfurter Freunde würden mir das Flugticket kaufen.

"Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten", hatte noch zwei Monate zuvor der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in der DDR, Walter Ulbricht, auf einer Pressekonferenz verkündet. Dass er dreist gelogen hatte, offenbarte sich am 13. August 1961 als der "Antifaschistische Schutzwall", wie die Mauer im Jargon der SED-Nomenklatura genannt wurde, entlang der Sektorengrenze errichtet wurde. Kein Ost-Berliner konnte von diesem Tag an mehr in den Westteil der Stadt entkommen, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen.

Die Fenster der Wohnhäuser, deren Fassaden in der Bernauer Straße die Grenze zwischen zwei Welten markierten, wurden zugemauert, damit niemand mehr, wie in den ersten Tagen geschehen, den halsbrecherischen Sprung in die Freiheit wagt. An den westlichen Randbezirken Berlins, die an das Gebiet der übrigen DDR reichten, wurde die Zonengrenze mit Stacheldrahtverhauen gesichert. Auch hier kein Entkommen.

Geheime Botengänge

West-Berliner hingegen konnten in den ersten Tagen nach dem Mauerbau nur lässig kontrolliert mit der S-Bahn in die Ostbezirke fahren. Kaum zu Hause angekommen beschloss ich die Durchlässigkeit des "antifaschistischen Schutzwalls" von West nach Ost zu nutzen.

Der Bund Deutscher Pfadfinder, dem ich als sogenannter Rover angehörte, organisierte gefälschte Pässe für Fluchtwillige im Osten. Ich erklärte mich bereit, die Papiere rüber zu schmuggeln. Die Ausweispapiere unter dem Hemd um den Bauch gebunden, überquerte ich die Sektorengrenze. An einem geheimen Ort traf ich einen mir unbekannten Gewährsmann, dem ich die Dokumente nach verschwörerischem Kennwortwechsel übergab. Einige Tage lang verrichtete ich diese geheimen Botengänge. Dann wurde die Grenze auch für West-Berliner dichtgemacht.

Welches Risiko ich dabei eingegangen war, wurde mir erst viel später bewusst. Einer meiner Klassenkameraden wurde bei einem dieser verbotenen Schmuggelaktionen erwischt und verhaftet. Wegen "staatsgefährdender Gewaltakte und Verleitens zum Verlassen der Republik" verurteilte ihn die DDR-Justiz zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe. Jahre später kehrte er als gealterter Mann zurück, körperlich gezeichnet und seelisch verstört.

Zum Weiterlesen:

Nandinda: "Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie". Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009, 734 Seiten.