Gründung der Bundesrepublik: Eine Königin für Selfkant
Gründung der Bundesrepublik Eine Königin für Selfkant
In rasantem Tempo rückt ein langer Tross niederländischer Militärlaster in der kleinen Ortschaft Tüddern nördlich von Aachen ein. Staub wirbelt; auf den Pritschen der Jeeps haben Soldaten ihre Gewehre im Anschlag. Argwöhnisch beobachten zusammengelaufene Einwohner die vorbeirasenden Fahrzeuge. Dann ziehen grobstollige Reifen tiefe Bremsspuren in die unbefestigte Straße. Die Kolonne hält wenige Meter vor dem Rathaus. Mit vorgehaltener Waffe springt der erste Soldat ab - Tüddern ist besetzt, widerstandslos. Zur Mittagsstunde wird über dem Dorf die rot-weiss-blaue Fahne der Niederlande gehisst.
Die surreale Szene hat sich vor genau 60 Jahren zugetragen, am 23. April 1949. Da war der Krieg bereits seit ziemlich genau vier Jahren vorbei - doch an diesem warmen, sonnigen Frühlingssamstag wirft er noch einmal seinen schwarzen Schatten auf das kleine Dorf Tüddern und die Gemeinde Selfkant, im allerwestlichsten Zipfel Deutschlands gelegen, direkt an der niederländischen Grenze.
Es ist einer der aufregendsten Augenblicke in der Geschichte der sonst so beschaulichen Grenzregion - und im Rückblick fast schon eine historische Eigenheit zum Schmunzeln. Was ist geschehen? Auch vier Jahre nach dem Ende der deutschen Besatzungsherrschaft sind die Schrecken der Nazi-Okkupation in den Niederlanden nicht vergessen. Vehement fordern sie nach der Kapitulation des "Dritten Reiches" eine Grenzverschiebung zu ihren Gunsten als Entschädigung - schließlich haben die Franzosen das Elsass und Lothringen zugesprochen bekommen. Oldenburg und Osnabrück sollen niederländisch werden, wünschen sie - doch die alliierten Siegermächte sperren sich. Aber dem kleinen Königreich wird immerhin ein insgesamt 69 Quadratkilometer großes Gebiet zugesprochen - als Pfand für seine finanziellen Entschädigungsforderungen an Deutschland.
Schnapsflaschen im hohlen Baum
Keiner der rund 5500 Selfkänter ahnt, was die Übernahme der Region durch die Niederlande für sie bedeuten wird. Dass sie jetzt auf einmal Untertanen einer Königin im fernen Den Haag sind, ist noch das Geringste. Gerüchte machen die Runde: Unter der niederländischen "Auftragsverwaltung" solle die Bevölkerung umgesiedelt werden, um Niederländern Platz zu machen. Neben dieser Unsicherheit gibt es tiefgreifende Veränderungen im alltäglichen Leben, die sich sofort bemerkbar machen: Die Amtssprache wechselt von einem auf den anderen Tag, Mark und Pfennig werden für die Selfkänter durch Gulden und Cent ersetzt. Der tägliche Weg zur Schule oder zur Arbeit auf der anderen Seite der neugezogenen Grenze wird durch ständige Personenüberprüfungen erschwert.
Die Kontrollen seien überaus streng gewesen, berichten Zeitzeugen. Nicht wenige Selfkänter hätten ein unangenehmes Kribbeln im Bauch verspürt, sobald sie sich der Grenze näherten. "Als ich mit meiner Mutter Verwandte auf der deutschen Seite besuchen wollte, wurde sie in einen Untersuchungsraum des deutschen Zolls gebracht und musste dort 'strippen'", erinnert sich Herbert Corsten, damals ein kleiner Steppke und heute Bürgermeister der Gemeinde. Die Zollbeamten sind auf der Suche nach geschmuggeltem Kaffee und nach Zigaretten; Waren, die westlich der Grenze viel preiswerter als in Deutschland sind. Um Schwierigkeiten am Schlagbaum zu umgehen, hinterlegt mancher Selfkänter ein "Präsent", zum Beispiel eine Flasche Schnaps, in einen hohlen Baum für die Beamten des Zolls.
Aber die Okkupation durch die Nachbarn hat auch durchaus ihre guten Seiten. Für die Niederländer ist Selfkant, südwestlich von Düsseldorf und Mönchengladbach gelegen, das Sprungbrett in das nahe Ruhrgebiet und die dort ansässigen Kohlebergwerke. Und so beschert die niederländische Besatzung den Selfkäntern moderne Straßen - Während die Anwohner in der nicht besetzten Umgebung noch auf Schotterwegen fahren, sind die Verkehrswege im Selfkant innerhalb von zwei Jahren hervorragend asphaltiert.
Wie man zwei Kühe melkt
Nicht nur von den neuen Verkehrswegen habe man profitiert, findet der heute 82-jährige Selfkänter Johann Jansen. "Rosen, Tulpen, Nelken, der Selfkant will zwei Kühe melken", sei damals zum geflügelten Wort in der Gegend geworden. Denn sowohl die Niederlande als auch das Land Nordrhein-Westfalen fördern die Entwicklung der Infrastruktur und den Wohnungsbau - "um die Bewohner bei der Stange zu halten", wie Bürgermeister Corsten meint.
Was vielen Selfkäntern anfangs nicht bewusst ist: Die Region ist 1949 nicht auf Dauer an das Nachbarland abgetreten worden, sondern nur als Pfand unter die Verwaltung der Niederländer gestellt. Offizielle Verhandlungen über eine Rückgabe beginnen 1957. Rund sechs Jahre nach Start der Gespräche und 14 Jahre nach dem Hissen der niederländischen Fahne am Tüdderner Rathaus wird der Selfkant am 1. August 1963 an die Bundesrepublik Deutschland zurückgegeben - für die stolze Summe von 280 Millionen D-Mark, umgerechnet knapp 140 Millionen Euro.
Die Vorbereitungen der Rückgabe lösen allgemein hektischen Betrieb im Selfkant aus. Bei Zoll und Post wird eifrig die Umstellung vorbereitet. Besonders geschäftiges Treiben herrscht aber auf den Straßen: Lastwagen werden beladen, Lagerhallen gefüllt, Garagen vollgestopft. Was sich da tut, nennt Ad Stelten, heute Beamter der Gemeinde Selfkant, "kreativen Umgang mit der Gesetzgebung". Andere nennen es die größte Schmuggelaktion der Nachkriegsjahre.
Zollfrei durch die Hintertür
Denn gewiefte Geschäftsleute aus Deutschland und den Niederlanden wittern Profit im ganz großen Stil. In den Wochen vor der Rückgabe des Selfkant lagern sie in allen zur Verfügung stehenden Hallen Unmengen von Konserven, Kaffee, Tabak, Getreide und Käse ein, selbst in geparkten Fahrzeugen. In der Nacht zum 1. August 1963, Schlag Mitternacht, ist es soweit: Es gelten wieder die alten Ländergrenzen zwischen Deutschland und den Niederlanden. Die heißbegehrten Waren lagern nun mit einem Mal auf deutschem Grund und Boden - komplett zollfrei eingeführt durch die Hintertür.
Sogar das Vieh einiger Landwirte hat sich über Nacht auf wundersame Weise vermehrt - schlaue Bauern haben Tiere in letzter Minute von niederländischen auf Selfkänter Weiden getrieben. Die meisten Bewohner der Region allerdings lassen sich von den öffentlichen Bekanntmachungen, alles werde strengstens kontrolliert, einschüchtern und verdienen nicht an der Grenzverschiebung. "Wir wurden mit den angedrohten Strafen richtig bange gemacht", berichtet der Selfkänter Gerd Passen, heute 67-jährig.
Dass sie schon wieder die Obrigkeit wechseln müssen, erfreut längst nicht alle Grenzbewohner. Die meisten haben sich längst mit den neuen Lebensbedingungen unter niederländischer Verwaltung arrangiert. Die lockere Lebensart der Niederländer begeistert viele Selfkänter, auch Josef Perbaums. Er ist im November 1949 auf die Welt gekommen, hat seine Kindheit im Selfkant verbracht und lebt bis heute dort. Er resümiert: "Ich habe die niederländische Auftragsverwaltung als Bereicherung erlebt." Hätte es 1963 eine Volksabstimmung gegeben, ob die Region niederländisch bleiben oder deutsch werden soll, sagt Passen, "ich weiß nicht, wie sie ausgegangen wäre".