60 Jahre Bundesrepublik: Die Köpfe der Nation
60 Jahre Bundesrepublik Die Köpfe der Nation
Auf die Ostdeutschen kann Helmut Kohl sich verlassen. Ihre friedliche Revolution 1989 hat ihm wahrscheinlich die Kanzlerschaft gerettet und seiner Regierungszeit historische Größe verliehen. Und in einer exklusiven Umfrage für SPIEGEL GESCHICHTE waren es jetzt erneut die Ostdeutschen, die Kohl zur Nummer eins gemacht haben. Wäre es nach den Wessis gegangen, hätte Konrad Adenauer seinen politischen Enkel knapp überflügelt.
Um fassend wie nie zuvor hat das beauftragte Institut TNS Forschung ermittelt, welche Frauen und Männer das Land in den vergangenen sechs Jahrzehnten geprägt haben. Die 2000 Befragten ab 18 Jahren konnten nach eigenem Ermessen bis zu sechs Namen nennen, eine Vorlage gab es nicht.
Die so entstandene Rangliste zeigt ein farbiges und überraschendes Bild. Insgesamt haben die repräsentativ ausgewählten Teilnehmer 422 Personen genannt, die ihrer Meinung nach in der Bundesrepublik oder in der DDR eine bedeutende Rolle gespielt haben (oder noch spielen); die vollständige Liste reicht von Helmut Kohl bis Otto Wolff von Amerongen.
Obwohl ausdrücklich nach den "wichtigsten Deutschen" gefragt worden ist, tauchen auch einige Nichtdeutsche prominent auf, allen voran der frühere Sowjetchef Michail Gorbatschow (Platz 27), der 1989 gestorbene österreichische Stardirigent Herbert von Karajan (Platz 28) und der Unterhaltungskünstler Johannes Heesters, der aus den Niederlanden stammt(Platz 50). Sie sind in der Auswertung nicht berücksichtigt worden. Das hier gedruckte Ergebnis zeigt also die 60 bedeutendsten Deutschen.
Die erste Lehre daraus ist: Wer sich wirklich einen Namen machen will, muss Politiker werden. Ruhm kommt von Macht: Ganz vorn liegt die Phalanx der Bundeskanzler mitsamt dem früheren DDR-Diktator Erich Honecker. Aber auch der ewige Außenminister Hans-Dietrich Genscher und die bayerische Kraftnatur Franz Josef Strauß schaffen es unter die Top Ten.
Die zweite Lehre heißt: Die Deutschen lieben ihre Sportler. Franz Beckenbauer, der "Kaiser", hat in den Augen seiner Fans geradezu Kanzlerformat. Und als wär's ein Auftragswerk für den Tag der Deutschen Einheit, liegen die Sport-Königinnen Katarina Witt (Ost) und Steffi Graf (West) beinah gleichauf unter den 20 wichtigsten Persönlichkeiten des Landes.
Die dritte Lehre lautet: Da fehlt doch jemand! Wo sind die Unternehmer, die Manager, die Helden des Wirtschaftswunders, die Bannerträger der Exportnation? Alle unter "ferner liefen". Als Erster kommt, ausgerechnet, Peter Hartz in Sicht (Platz 94), gefolgt von der Familie Krupp (Platz 117) und Krupp-Manager Berthold Beitz (Platz 120).
Ist das schlechte Abschneiden der Wirtschaftsgrößen schon ein Tribut an die große Krise? Wohl kaum. Es ist eher so, dass die Deutschen den Erfolg schätzen, aber nicht die Erfolgreichen.
Diese Umfrage ist erschienen im neuen SPIEGEL GESCHICHTE "Ein deutsches Wunder - Sechzig Jahre Bundesrepublik".
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