Adenauers letzter Auftritt in Köln: Als der "Alte" den Architekten die Leviten las
Adenauers letzter Auftritt in Köln Als der "Alte" den Architekten die Leviten las
Mit den Worten "Die Herren kennst Du ja alle, Vater" führte der Kölner Oberstadtdirektor Dr. Max Adenauer den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, am Tisch mit den Lokalredakteuren vorbei. Der Anlass: Ein Festessen zum Abschiedsempfang für den Ehrenbürger der Stadt in der vornehmen "Bastei" am Kölner Rheinufer. Der alte Herr, inzwischen immerhin 88 Jahre alt an diesem 27. Mai 1964, nickte jovial, aber obwohl er die "Anjehörigen der Ortspresse", wie er sie gern nannte, alle von früheren Terminen kannte ("Die schreiben ja doch, wat se wollen!"), wirkte er diesmal ziemlich geistesabwesend.
Kaum verwunderlich, denn die sprichwörtliche Rüstigkeit des "Alten von Rhöndorf" war an diesem schwülen Maientag schon mit stundenlangen Lobreden im Festhaus Gürzenich auf eine harte Probe gestellt worden. und nun sollte der Altkanzler nach dem opulenten Essen mit den Spitzen des Rates und der Verwaltung der Stadt Köln am Nachmittag auch noch in das Siedlungsgebiet im Kölner Norden mit dem Vorzeigeprojekt "Neue Stadt" für 80 000 Menschen gekarrt werden. "Der kippt uns noch aus den Latschen", sorgte sich ein stadtbekannter Internist aus der CDU-Fraktion medizinisch burschikos, und die Fotografen, die es nach dem Essen sonst immer ganz eilig haben, blieben diesmal sensationsgierig bis zum Schluss beim Kanzler-Konvoi.
Regungslose "Chinesen Maske"
Fast eine Stunde lang prasselten dann in einer völlig überfüllten, stickigen Baubude auf einem flachen Acker in Köln-Heimersdorf Fachreferate mit vielen Zahlen und Fakten auf den armen Adenauer ein. Jeder Dezernent wollte sich wortreich mit raschelnden Skizzen und Plänen vor dem Alten profilieren. Doch der, so hatte es den Anschein, war schon nach wenigen Minuten sanft ins verdiente Mittagsschläfchen weggenickt. Mit geschlossenen Augen und seiner undurchdringlichen "Chinesen-Maske" verharrte Adenauer völlig regungslos und leicht an die Barackenwand gelehnt auf dem harten Bürostuhl, bis ihn schließlich der Oberstadtdirektor unverhohlen aus der Siesta zu wecken schien: "So, Vater, das war es dann!".
Die reglose Figur straffte sich in Sekundenschnelle. Der alte Adenauer setzte sich mit einem Ruck kerzengerade auf, machte eine umfassende Handbewegung, die alle Aufmerksamkeit auf sich zog, und dann ging es Schlag auf Schlag. "Wat muß denn der Bäckermeister in dem Ladenzentrum in Heimersdorf für Eijenkapital haben? Nee, dann is der in fünf Jahren pleite!" Es hagelte nur so in die Runde: "Wat seh´ ich auf dem Bauplan hier? Reihenhäuser für Kinderreiche ohne Keller? Dat werden dann Müllhalden!" Ein Stadtteil nur mit Hochhäusern (wie später gebaut): "Da kennen sich die Leute nur vom Fahrstuhl, wenn der nich jerade wieder kauptt is!"
Der alte Praktiker las den Stadtvätern, Architekten, Bauleuten und Beamten, die durchaus nicht alle Fragen zur Zufriedenheit beantworten konnten und zuweilen mehr Hilflosigkeit als Kompetenz bewiesen, ordentlich die Leviten: "Watse jetzt nich wissen, meine Herren, schickense mir nach Rhöndorf!" Da hatten sich die Dezernenten am Schluß viel zu früh auf das Ende der hochnotpeinlichen Ausfragestunde gefreut. Denn allen war bekannt: wenn Adenauer solche Unterlagen haben wollte, mahnte er sie spätestens in einer Woche auch an, und dann half kein Kölscher Schlendrian gegen das Gewitter aus dem Siebengebirge.
"'Neue Stadt' ist jar nicht schön!"
Adenauers Leidenschaft für den Kölner Norden ("Denkense sich bloß einen neuen Namen aus. 'Neue Stadt' ist jar nich schön!") hatte durchaus historische Berechtigung. In weiser Voraussicht für die Stadtentwicklung hatte er in seiner Zeit als Oberbürgermeister diese Ländereien nach dem Ersten Weltkrieg günstig "zujekauft", auch um das Ufergebiet bis zur damals noch selbständigen Stadt Worringen, von wo aus der Rhein-Maas-Kanal geplant war, in die Hand zu bekommen. Nun befürchtete er eine städtebauliche Verschandelung und soziale Verwerfungen, womit er später, als der mit Hochhäusern völlig überdimensionierte Stadtteil Chorweiler mit seinem zeitweilig bundesweit schlechten Ruf entstanden war, leider recht behalten sollte.
Sein verschmitzter Abschiedsgruß an diesem letzten Tag, den er offiziell in Köln verbrachte, ließ das schon ahnen: "Seiense bloß froh, meine Herren, dat ich nich mehr bei Ihnen im Stadtrat bin!"