meinung •Die AfD und die Nation Der rechte Traum vom völkisch reinen Reich
Das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen (Aufnahme von 2015)
Foto: Sebastian Kahnert / picture alliance / dpaDer Kaiser aus Eisen und Kupfer sitzt hoch zu Ross über dem Kyffhäusergebirge, der Umhang seiner Feldherrnuniform flattert im Wind. Sein Blick ist siegesgewiss in die Weiten des Thüringer Walds gerichtet. Das Pferd muss er zügeln, so kraftvoll strebt es nach vorn. Zu seinen Füßen sitzen rechts ein germanischer Krieger mit gezücktem Schwert, links eine Frauenfigur, die Schreibfeder in der Hand – bereit, die Heldentaten des Monarchen für die Nachwelt zu notieren. Den Arm stützt sie auf einen Schild mit der Inschrift »Sedan/Paris 1870«: die Siege über Frankreich.
(Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus Ruth Hoffmanns neuem Buch »Raubzug von rechts« .)
Im felsig zerklüfteten Hof unterhalb des Reiters steht man einem weiteren Kaiser gegenüber: Friedrich I., genannt »Barbarossa«. Der Staufer herrschte im 12. Jahrhundert über ein Gebiet, das von der Nordsee bis Italien reichte. 1190 ertrank er während eines Kreuzzugs auf dem Weg nach Jerusalem, sein Grab wurde nie gefunden. Der Legende nach schläft er tief unten im Berg und erwacht zum Leben, wenn die Zeit reif ist, um »das Reich« zu alter Größe zu führen.
Der Sechseinhalb-Meter-Koloss aus Sandstein ist gerade dabei, sich vom Thron zu erheben: Grimmig schaut er auf die Menschlein zu seinen Füßen herab, mit der linken Hand greift er sich in den Bart, mit der rechten ein Schwert. Sein Mund ist geöffnet, als käme jeden Moment ein Befehl, ein Fluch, ein Schlachtgebrüll daraus hervor.
Das Monument auf dem Kyffhäuser ist das größte unter den Denkmälern für Kaiser Wilhelm I., wie sie nach dessen Tod 1888 in ganz Deutschland errichtet wurden. Erbaut auf den Ruinen der alten Reichsburg Kyffhausen aus der Zeit Barbarossas, erstreckt es sich über eine Länge von 131 Metern und 96 Metern Breite. Hier präsentierte sich das Kaiserreich selbst – oder besser, wie es gesehen werden wollte: als stolze, wehrhafte Nation der Deutschen. Eine aufstrebende Großmacht, die niemand mehr aufhalten kann.
Als sich der ultrarechte Flügel der AfD im Sommer 2015 hier zum ersten »Kyffhäuser-Treffen« versammelte, war die Kulisse mit Bedacht gewählt: Man wolle daran erinnern, »wer wir sind und wo wir herkommen«, sagte der thüringische Landesvorsitzende Björn Höcke. Der damals frisch formierten Gruppierung um ihn und seinen brandenburgischen Parteifreund Andreas Kalbitz war die offizielle Parteilinie nicht radikal genug: Die AfD dürfe sich nicht dem »etablierten Politikbetrieb« anpassen, »dem Technokratentum, der Feigheit und dem Verrat an den Interessen unseres Landes«, hieß es in der »Erfurter Resolution«, dem Gründungsdokument des »Flügels«. Ein Fest am Kyffhäuser – mit politischen Reden, Blasmusik, Bier und Schweinebraten – sollte die rechtsnationale Ausrichtung der Strömung betonen und in der Partei populär machen.
Es habe Kritik gegeben, weil der Kyffhäuser »ein beliebtes Pilgerziel von Rechtsradikalen« sei, sagte Höcke bei seiner Eröffnungsrede unter amüsiertem Gejohle. »Das ist schlimm«, fügte er im selben ironischen Tonfall hinzu. »Ich bin betroffen.« Und nach einer Kunstpause, diesmal ernst: »Ich bin betroffen über so viel Geschichtsvergessenheit!« Seine Zuhörer applaudierten begeistert: Vom ehemaligen Geschichtslehrer ließen sie sich gern erzählen, dass der Beweis für die Überlegenheit der Deutschen in der Vergangenheit zu finden sei.
Nachdem der Verfassungsschutz den »Flügel« im Frühjahr 2020 als »gesichert rechtsextremistisch« eingestuft hatte, wurde er auf Druck des AfD-Bundesvorstands aufgelöst. Dass das nur ein formaler Akt gewesen war, zeigte sich schon bald: »Herr Höcke rückt die Partei nicht nach rechts, Herr Höcke ist die Mitte der Partei«, erklärte der damalige Parteichef Alexander Gauland.
Mittlerweile gehören Höckes Positionen zum Markenkern der AfD: Obwohl er für das Verwenden einer NS-Parole bereits zweimal rechtskräftig verurteilt wurde, gibt er zusammen mit seinen Getreuen die Richtung vor. Selbst die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla verdanken ihre Posten den Stimmen der ehemaligen Flügelianer: Die ohnehin rechte AfD hat sich in den letzten Jahren noch einmal erheblich radikalisiert.
Die AfD-Politiker André Poggenburg, Björn Höcke, Andreas Kalbitz, Alexander Gauland und Jörg Meuthen lassen sich 2017 am Kyffhäuserdenkmal fotografieren
Foto: Peter Förster / dpa / picture allianceBesonders deutlich wird das an ihrer abstammungsmäßigen Auffassung von Volk und Nation. Schon im seit 2016 geltenden Grundsatzprogramm heißt es, die Partei strebe einen »souveränen Nationalstaat des deutschen Volkes« an, in dem »unsere abendländische christliche Kultur, unsere Sprache und Tradition … dauerhaft erhalten« bleiben.
Nach diesem Verständnis bilden die »deutsche Nation« und das »deutsche Volk« eine scheinbar zeitlos gültige Einheit. Dabei sind Nationalstaaten politische Gebilde des 19. Jahrhunderts, also vergleichsweise jung: Deutschland wurde sogar erst 1871, mit Gründung des Kaiserreichs, zur Nation. Zuvor gab es lediglich mehrere Hundert Kleinstaaten; und selbst wer sich damals für die nationale Idee begeisterte, identifizierte sich zuallererst mit seiner Region, der dortigen Mundart und Lebensweise. Der Wunsch nach einem vereinten Deutschland entsprang vor allem der Hoffnung auf ein Ende der Feudalherrschaft, auf Freiheit und politische Mitbestimmung.
Das Kaiserreich aber, jener erste deutsche Nationalstaat, hatte nicht viel gemein mit dem, was sich die Menschen erträumt hatten, als sie 1848 auf die Barrikaden gegangen waren. Es bedurfte daher Jahrzehnte gezielter »Nationalerziehung«, um bei einer Mehrheit jenen fahnenschwenkenden Patriotismus zu verankern, den die AfD heute für »natürlich« hält.
Spätestens seit 1999 war Deutschland auch offiziell ein Einwanderungsland
Im autoritär regierten Reich flossen mit der Zeit Ideen von der Überlegenheit der deutschen Kultur und der Ausgrenzung von Minderheiten in das Konzept Nation mit ein. Auch der Wahn, »das deutsche Volk« brauche mehr Raum, hat hier seine Wurzeln. In diesem Geist wurden ferne Länder zu Kolonien gemacht, Kriege geführt und die monströsesten Verbrechen der Menschheitsgeschichte in die Tat umgesetzt. 1945 schien deutscher Nationalstolz darum für alle Zeit diskreditiert, und in der Bundesrepublik entwickelte sich über die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ein neues Selbstverständnis. Unser Grundgesetz, das die Würde des Menschen an erste Stelle setzt, spiegelt das wider.
Zudem ist das Deutschland von heute eingebunden in zwischenstaatliche Verträge, die Mitgliedschaft in der EU und anderen Organisationen und darum, wie alle Staaten des 21. Jahrhunderts, Teil eines komplexen Geflechts multilateraler Beziehungen. Zur deutschen Nation gehören alle Menschen mit deutschem Pass, unabhängig von ihrer Herkunft. Seit 1999 gilt neben dem Abstammungs- auch das Geburtsprinzip, sodass hier geborene Kinder ausländischer Eltern unter bestimmten Voraussetzungen die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Spätestens seit dieser Reform ist Deutschland offiziell ein Einwanderungsland, was es tatsächlich lange schon war.
Was die AfD »Nation« nennt und anstrebt, gehört also einer unwiederbringlich vergangenen Zeit an. Es ist ein Trugbild. Aber eines, mit dem sich eine Politik der Ausgrenzung vermeintlich historisch begründen lässt. Das macht es zu einem wirkungsvollen Identifikationsangebot, wie das weltweite Wiedererstarken des Nationalismus zeigt. Als seien die Konflikte und Krisen der Gegenwart mit Abschottung zu lösen – und mit der Flucht in eine Vergangenheit, die wiederherzustellen nicht nur unmöglich, sondern in Wahrheit gar nicht erstrebenswert ist.
Alexander Gauland
»Wir lieben nicht die Verfassung, wir lieben unser Volk«, erklärte Gauland 2016 auf dem Kyffhäuser. Verfassung sei ein Kleid, das man verändern könne, doch »Identität, Nationales und Kultur kann man nicht verändern. Sie ist uns angeboren und sie ist etwas, was wir alle zum Leben brauchen.«
Gemäß der völkischen Ideologie entscheidet allein die Abstammung darüber, wer sich zur Nation zählen darf und vor allem: wer nicht. Die viel beschworene Gemeinschaft hat also eindeutig rassistischen Charakter. Sie beruht auf der Vorstellung, »das Volk« sei eine homogene Gruppe von Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft durch eine gemeinsame Kultur und Geschichte verbunden sind und sich darum auch in ihrer Lebensweise, bis hin zum Denken und Fühlen, gleichen. »Volksgemeinschaft« hieß das bei den Nationalsozialisten.
Jeder Mensch sei »in einer Kultur mit deren Sprache sozialisiert«, habe seine Heimat »anhand des Bodens, der Landschaft, der Jahreszeiten … erfahren« und trage »das Erbgut der Generationen« in sich, ist im »Manifest « des AfD-Bundestagsabgeordneten Maximilian Krah zu lesen. Diese Prägung mache ihn zum »Teil einer Gemeinschaft der Ähnlichen«.
Marc Jongen, AfD-Abgeordneter
Gemäß dieser Blut-und-Boden-Ideologie unterscheiden seine Parteifreunde und er zwischen »Passdeutschen« und »echten Deutschen«, die Krah »Autochthone« nennt. Der Begriff kommt aus der Geologie und bezeichnet Gesteine, die sich noch immer an dem Ort befinden, an dem sie entstanden sind. In der Botanik wird er verwendet, um heimische von eingewanderten Arten zu unterscheiden. Schon die NS-Propaganda bediente sich solch vermeintlich wissenschaftlicher Analogien.
Bei Krah klang das 2023 so: Nur »wenn Völker in ihrem ethnischen Substrat Bestand haben, wenn ihre positiven Eigenschaften durch die Homogenität der ebenso Geprägten zum Vorteil aller« würden, könnten »Anstand, Ehrlichkeit und Vertrauen« gedeihen. Ohne den »Schutzraum des Volkes« würde »jede Eigentümlichkeit und Liebenswürdigkeit« verschwinden.
Ziel rechter Politik ist es darum, den Idealzustand einer homogenen Nation herbeizuführen. Wer nicht originär dazugehört, ist eine Bedrohung – genau wie alles, was der menschlichen Vielfalt Rechnung trägt: Minderheitenschutz, Frauenrechte, gleichgeschlechtliche Ehe, Inklusion und all die anderen mühsam erkämpften Fortschritte. »Wir sind dafür, das sogenannte Abstammungsprinzip wiedereinzuführen«, erklärte der AfD-Abgeordnete Marc Jongen. »Der Pass alleine macht noch keinen Deutschen.«
Der Französische Dom am Berliner Gendarmenmarkt in einer Fotografie von 1866
Foto: akg-images / picture allianceAber was ist es dann? Sofern sie keiner alten Adelsfamilie angehören, dürften die meisten Deutschen Schwierigkeiten haben, ihre Herkunft über mehrere Generationen zurückzuverfolgen, um sich als »autochthones« Gewächs auszuweisen. Die Geschichte erschwert die Sache zusätzlich, denn das Gebiet, das heute Deutschland heißt, wurde über die Jahrhunderte von den verschiedensten Völkern bewohnt: Links des Rheins und an der Donau lebten Kelten, Franken, Römer und germanische Stämme, zwischen Elbe und Oder siedelten Slawen. Ein »Volk der Germanen« hat es nie gegeben: Der Name geht auf antike Geschichtsschreiber zurück, die damit die Vielzahl von Ethnien und Stämmen zusammenfassten, die an der nördlichen Grenze des Römischen Reiches lebte.
Auch Zuwanderung ist kein modernes Phänomen. Ende des 17. Jahrhunderts ließen sich zum Beispiel französische Hugenotten in Brandenburg nieder, die wegen ihres Glaubens in ihrer Heimat verfolgt wurden. Der Kurfürst hatte sie ausdrücklich eingeladen, um das Land wieder aufzubauen, das im Dreißigjährigen Krieg entvölkert und verwüstet worden war. Vieles, was heute – wie etwa der Französische Dom in Berlin – für das alte Preußen steht, hätte es ohne sie nicht gegeben.
Während der Industrialisierung zogen viele Polen aus Ostpreußen in die boomenden Kohlegebiete an Rhein und Ruhr, weil die einheimischen Arbeitskräfte für die Zechen und Fabriken nicht reichten. Den Staat Polen gab es noch nicht, es handelte sich also um polnischsprachige Preußen – Bürger des Deutschen Reiches.
Fußballmannschaft von Schalke 04 1937 mit Fritz Szepan (4. von rechts) und Ernst Kuzorra (ganz rechts)
Foto: Harro Schweizer / picture-alliance/ dpaVon den Einheimischen wurden sie abfällig »Ruhrpolen« genannt, von den Behörden benachteiligt. Doch sie passten sich an, bemühten sich um ihren Platz in der Gesellschaft des Kohlereviers, irgendwo zwischen deutscher und polnischer Kultur. Schalke 04 und andere Fußballvereine wurden maßgeblich von ihnen mitgeprägt. Noch heute finden sich Tausende polnische Namen in den Telefonbüchern von Bochum, Bottrop oder Dortmund. Sind diese Deutschen auch »Autochthone« und damit Teil der »Gemeinschaft der Ähnlichen«? Worin besteht die nationale Identität, die uns angeblich zu jenem klar definierbaren »deutschen Volk« macht?
Die AfD tut so, als sei das sonnenklar. In Wirklichkeit fällt es ihr selbst schwer, die Frage zu beantworten: »Die Identität des Volkes ist eine Mischung aus Herkunft, aus Kultur und aus rechtlichen Rahmenbedingungen«, meint Jongen nebulös. Im Wahlprogramm 2025 heißt es: »Unsere Identität ist geprägt durch unsere deutsche Sprache, unsere Werte, unsere Geschichte und unsere Kultur.«
»Selbstverständlich stehe ich zu dem, zu dem das Grundgesetz auch steht«, rief Höcke 2015 am Kyffhäuser. »Selbstverständlich sage ich Ja zum Begriff des Volkes!« Doch was das Grundgesetz darunter versteht, ist etwas völlig anderes als das, was Höcke als »selbstverständlich« verkauft: Unsere Verfassung unterscheidet nicht zwischen »ethnischen« Deutschen und »Passdeutschen«.
Dass der »Flügel« 2015 ausgerechnet den Kyffhäuser für seine jährlichen Zusammenkünfte wählte, war also Bekenntnis und Agitation zugleich: Die Symbolkraft des Ortes sollte wiederbelebt und mit den politischen Botschaften der Gegenwart verwoben werden – als Einladung, sich mit der angeblich ruhmreichen deutschen Vergangenheit zu identifizieren.
Wer allerdings den Kyffhäuser für prädestiniert hält, daran zu erinnern, »wer wir sind und wo wir herkommen«, hat anderes im Sinn als die Weimarer Republik und vertritt auch nicht das moderne Verständnis einer Staatsnation. Darüber hinaus zeugt die Ortswahl von autoritären Großmachtfantasien: Höcke und seine Getreuen, jetzt die maßgebliche Strömung in der Partei, streben ein Deutschland an, das unter starker Führung wieder zu angeblich alter Pracht und Größe findet. Ein Deutschland, das jeder fürchten muss, der nicht dazugehört oder sich dem Generalplan in den Weg stellt – denn genau davon erzählt das monumentale Denkmal aus der Kaiserzeit.
Gebaut wurde es 1890 bis 1896 vom Deutschen Kriegerbund, dem »Volk in Waffen«, wie es damals hieß. In den Jahrzehnten davor hatte sich der Berg bereits zu einem Wallfahrtsort national gesinnter Romantiker entwickelt, die in Friedrich I. Barbarossa den Repräsentanten einer goldenen Vergangenheit sahen und sich ein vereintes deutsches Reich wünschten, das es ihrer Meinung nach damals gegeben habe. Die Burgruinen aus jener Zeit gaben dem Berg historisches Gewicht, die alte Sage vom schlafenden Kaiser die Aura des Mythischen. Die Brüder Grimm nahmen die Volkserzählung aus Thüringen in ihre 1816 veröffentlichten »Deutschen Sagen« auf; unzählige Dichter schrieben sie weiter, bis aus ihr ein nationaler Mythos wurde.
In ihm verkörperte Barbarossa das Versprechen auf eine bessere Zukunft, die in der Wiederkehr vergangener Verhältnisse bestehen sollte. Die damaligen Zeitgenossen dachten dabei vor allem an die Befreiung von der napoleonischen Besatzung. Die Revolutionäre von 1848 hofften drei Jahrzehnte später auf eine demokratische Republik mit dem preußischen König als neuem Barbarossa an der Spitze – bis dieser den Traum von Freiheit, Einheit und Mitbestimmung blutig beenden ließ.
Im Kaiserreich diente der Mythos dazu, dem Staat eine Tradition anzudichten, die er gar nicht besaß: Kaiser Wilhelm I. sollte als »Einiger Deutschlands« gelten. Er ließ sich »Barbablanca«, Weißbart, nennen und trat damit gleichsam das Erbe seines vermeintlichen Vorgängers an – als habe sich mit ihm die Prophezeiung von der Rückkehr des legendären Monarchen erfüllt. Auf diese Weise sollte die Neugründung wie eine Wiedererrichtung erscheinen: als Fortsetzung jener großen Zeit deutscher Kaiser, die mit dem Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 nur vorübergehend unterbrochen gewesen sei. Die Deutschen, so die Erzählung, seien eigentlich schon immer eine Einheit gewesen und hätten mit der Reichsgründung nun endlich auch als Nation zusammengefunden.
Kaiser Wilhelm I. im deutsch-französischen Krieg 1870/71 (zeitgenössische Darstellung)
Foto: Scherl / SZ Photo / picture allianceDabei war jenes alte Reich weder zu Barbarossas noch zu späteren Zeiten eine Einheit gewesen, sondern ein loser, multiethnischer Verbund verschiedener Länder und Herrschaftsgebiete, dessen Grenzen sich im Laufe der Jahrhunderte ständig veränderten. Von »Deutschland« war nicht einmal unter »Deutschen« die Rede, denn die verstanden sich in erster Linie als Sachsen, Hessen, Thüringer, Württemberger, Franken, und sie sprachen auch so.
Im neu gegründeten Kaiserreich sollten solche Unterschiede keine Rolle mehr spielen. Doch auch dieser erste deutsche Nationalstaat war keine historisch gewachsene Einheit, sondern das Ergebnis von Machtkämpfen zwischen den deutschen Landen, die das waffentechnisch überlegene Preußen unter Führung Bismarcks für sich entscheiden konnte. Vor allem war er das Produkt dreier Kriege, die später beschönigend »Einigungskriege« genannt wurden.
So heißen sie heute noch, dabei waren sie schlicht das – Kriege, mit Zehntausenden Toten auf beiden Seiten: 1864 gegen Dänemark (um die Herrschaft über Schleswig und Holstein), zwei Jahre später gegen Österreich und 1870 gegen Frankreich, für den die widerstrebenden süddeutschen Staaten schließlich im Namen der gemeinsamen deutschen Sache die preußische Vormacht anerkannten.
Björn Höcke
Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde der Kyffhäuser zur Pilgerstätte für Revanchisten und andere Republikfeinde, die einstiger deutscher Größe nachtrauerten und sich das Märchen vom »im Felde unbesiegten« deutschen Heer erzählten. In der Gedenkhalle im Sockel, wo schon die Regimentsfahnen aus den »Einigungskriegen« hingen, wurden Urnen mit Erde aus dem Elsass und den anderen Gebieten aufgestellt, die Deutschland hatte abgeben müssen.
Auch nach 1933 blieb der Kyffhäuser der »Berg der Deutschen«, wurde aber nicht zur NS-Kultstätte ausgebaut. Auf den ersten Blick scheint er also unverfänglich, bietet aber genug Anknüpfungspunkte für eine breite Zielgruppe, von wertkonservativ bis völkisch-national: Hier kann man den Baustil vergangener Tage bestaunen, in deutscher Geschichte schwelgen – und rundherum wogt der deutsche Wald. »Einfach gigantisch und großartig«, schwärmte Höcke 2015. Dazu die Reste der Reichsburg mit dem tiefsten Burgbrunnen Europas: »176 Meter durch den nackten Fels getrieben in fünf Jahrzehnten Arbeit! Was für eine Willensleistung zeigt sich hier, liebe Freunde!«
Zustimmung und Jubel im Publikum: Hier glänzen deutsche Ingenieurskunst, deutsche Glorie. Und die Geschichte vom schlafenden Kaiser im Berg, die Höcke anschließend erzählte, hüllt den Ort in den Schleier eines alten deutschen Mythos. Barbarossa erwacht, weil die Zeit reif ist, das verlorene Reich neu zu errichten – und es »wieder zu alter Herrlichkeit zu führen«, wie Höcke sagte. »Eine Sage, die den Menschen in den vergangenen Jahrhunderten gerade in Kriegs- und Krisenzeiten immer wieder Mut gemacht hat.«
Das klingt, als handle es sich um eine Urerzählung der Deutschen. In Wahrheit wurde die Sage erst im 19. Jahrhundert populär und erfuhr auch erst dort ihren nationalistischen Spin, durch den das Mittelalter zu einer von deutschen Herrschern geprägten Epoche verklärt wurde, die eines Tages zurückkehren werde – wie der tote und doch nicht tote Kaiser im Berg.
Im außerparlamentarischen Vorfeld der AfD ist man sich seit Langem bewusst, dass es mit dem Einzug in die Parlamente nicht getan ist – eine neue Gesellschaft beginnt in den Köpfen. »In Deutschland tobt ein geistiger Bürgerkrieg«, sagte Götz Kubitschek, neurechter Vordenker und enger Vertrauter Höckes im Sommer 2023. »Es geht um die Vorherrschaft auf medialem, sprach- und geschichtspolitischem Feld, um Deutungshoheit, um den Markenkern einer großen Nation.«
Kubitschek versteht sich als Wegbereiter der Machtübernahme von rechts: Die »Erfurter Resolution« stammt aus seiner Feder. Mit seinem Verlag Antaios verbreitet er seit Jahren ultrarechtes Gedankengut, und das von ihm im Jahr 2000 gegründete Institut für Staatspolitik (IfS) leistete mit Akademien, Workshops und Vortragsreihen rechte Bildungsarbeit. Bis zu dessen – formaler – Auflösung im Mai 2024 galt es als Denkfabrik der Neuen Rechten.
Für die Deutungshoheit ist es unerlässlich, ein breites Publikum anzusprechen. Je nach Kanal und Adressat werden darum die immer gleichen Inhalte unterschiedlich verpackt. Das Positionspapier »Leitkultur, Identität, Patriotismus« beispielsweise, das Höcke 2018 zusammen mit der thüringischen Landtagsfraktion herausbrachte, richtet sich explizit an ein bürgerliches Publikum: Der Ton ist moderat intellektuell, die Aufmachung erinnert eher an die Broschüre eines Tourismusverbands, die rechten Kernbotschaften kommen trotzdem rüber.
Die Frage nach der deutschen Identität, heißt es dort zum Beispiel, stelle sich heute mit besonderer Dringlichkeit, da sie »durch Massenimmigration und Multikulturalismus« infrage gestellt werde. Was diese Identität ausmacht, lasse sich nicht erschöpfend aufzählen, doch es gebe »Verkörperungen«. Neben der Sprache seien das unter anderem Bauwerke, Traditionen, Feste und Mythen, aber auch Tugenden, in denen sich die »Eigentümlichkeiten des Nationalcharakters« manifestierten und »die deutsche Seele« zum Ausdruck komme.
Die Moderne begegnet einem nur auf Gegenbildern
Zur Illustration wird ein alphabetisch geordnetes Sammelsurium angeführt: »Bauhaus, … Dichter und Denker, … Diplomingenieur, D-Mark, evangelisches Pfarrhaus, … Fußball-Bundesliga, Gemütlichkeit, Grimms Märchen, Hanse, … Reinheitsgebot, Schrebergarten, VW-Käfer und Trabant, … Winnetou, Wurst«. Vermeintlich typisch deutsche Bilder begleiten den Text: ein Weihnachtsmarkt vor einer Altstadtkulisse; zwei Frauen im Dirndl, jede mit einer Maß Bier in der Hand; ein Trachtenumzug, im Hintergrund eine Kirche mit Zwiebelturm. Deutschland, so scheint es, ist noch immer die kopfsteingepflasterte Fachwerkidylle der Dreißigerjahre. Selbst der junge Tischler an der Hobelbank arbeitet so, wie es schon sein Urgroßvater getan hat.
Die Moderne begegnet einem nur auf den Gegenbildern: In einer Straßenszene sind ein dunkelhaariger Mann und eine Frau mit Niqab zu sehen, die zwei Schritte hinter ihm geht; im Kapitel »Angriff auf unsere Identität« steht eine Gruppe Demonstrierender vor einer Hochhaussiedlung. Auf einem anderen Foto sind Betonpoller vor einer Fußgängerzone zu sehen, wie sie nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 vielerorts aufgestellt wurden.
Die Botschaft ist klar: Die heile »deutsche Welt« ist existenziell bedroht durch die »Umdeutung« von Geschichte, durch Wokeness und Gendern, vor allem aber durch »Massenmigration« von Ausländern, die ihre Kultur nach Deutschland tragen und »unsere Kultur« zerstören.
Mitglieder des AfD-Bundesvorstands singen auf dem Bundesparteitag 2025 in Riesa die Nationalhymne
Foto: Sebastian Kahnert / dpaWie jede rechte Bewegung predigt auch die AfD ein monolithisches Verständnis nationaler Identität, spricht von »der deutschen Kultur« und »dem deutschen Volk«. Als wäre beides immer schon so und nicht anders gewesen, allen Zäsuren und Wirren der Jahrtausende zum Trotz. Überhistorisch, unwandelbar. Eine Leitkultur mit Ewigkeitsgarantie.
Höcke, der für Mäßigung noch nie etwas übrighatte, betonte im Landtag unmissverständlich, seine Partei wolle es Migranten in Deutschland »so unattraktiv wie möglich« machen, mit den Remigrationen in Thüringen beginnen und von dort aus den »Migrationsextremismus« im ganzen Land »abwickeln«.
Auch in der Parteispitze ist keine Distanz zu völkischen Konzepten zu erkennen: Nachdem der Verfassungsschutz die AfD Anfang Mai 2025 als »gesichert rechtsextrem« eingestuft hatte (was derzeit Gegenstand eines laufenden Verfahrens ist), und das unter anderem mit dem abstammungsmäßigen Volksbegriff der Partei begründet hatte, verwahrte sich Alice Weidel im Bundestag gegen die »Diffamierungen« und behauptete, ein ethnischer Volksbegriff sei gar nicht verfassungswidrig, weil das Grundgesetz selbst ihn zugrunde lege.
Das ist nicht wahr. Wenn Weidel das tatsächlich glauben sollte, offenbart es eine bemerkenswerte Unkenntnis. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie sich an einer Umdeutung versucht, die zeigt, wie zentral das Konzept eines homogenen deutschen Volkes für die Ideologie der AfD und ihre Ziele ist. Umso erstaunlicher, dass Weidels Satz kein breites Medienecho und keinen entschiedenen Widerspruch fand.
Höcke spricht neuerdings vom »Regenbogen-Imperium« – eine griffige Formel für alles, was der rechten Fantasie vom rein deutschen Volk im Wege steht. Ihm zufolge handelt es sich dabei um eine international operierende Macht mit Deutschland als »Brückenkopf in Europa«. Sie forciere »die Zerstörung der Nation durch Masseneinwanderung« und habe überall im Land ihre Fahnen hochgezogen. Nichts sei dem Imperium heilig: »nicht der gute Geschmack, nicht der Fleiß, nicht unser grandioses historisches Erbe, ja noch nicht einmal unsere Kinder«.
Vielleicht sollten auch wir, die Bürgerinnen und Bürger des Regenbogen-Imperiums, nach Inspiration in der Vergangenheit suchen. Aber nicht bei den greisen Wächtern grimmig-deutscher Kleinmütigkeit, die es immer schon gab, sondern bei denen, die dem autoritären Ungeist schon vor 170 Jahren mit Humor begegnet sind. Die gab es nämlich auch.
Heinrich Heine zum Beispiel schildert 1844 in seinem Gedichtzyklus »Deutschland. Ein Wintermärchen«, wie er im Traum während einer Harzreise am damals noch denkmalfreien Kyffhäuser dem alten Kaiser Barbarossa begegnet. Heines Zeilen könnten eine direkte Replik sein auf die düstere Katastrophenstimmung, die uns von rechts unablässig eingetrichtert wird. Fast lesen sie sich so, als seien sie an Höcke oder Weidel persönlich gerichtet:
»Herr Rotbart, rief ich laut, du bist
Ein altes Fabelwesen,
Geh, leg dich schlafen, wir werden uns
Auch ohne dich erlösen.
Das beste wäre, du bliebest zu Haus,
Hier in dem alten Kyffhäuser –
Bedenk ich die Sache ganz genau,
So brauchen wir gar keinen Kaiser.«