meinung •Essay Goodbye America
privat
Eine meiner ersten US-Recherchen führte mich 1993 zur Adresse 100 Centre Street in Manhattan. Im »Night Court« landeten dort die Festnahmen des Tages vor dem Haftrichter. Betrunkene, Diebe, Prostituierte, Gangster, Mordverdächtige: Wie am Fließband wurden sie abgefertigt – das Karussell des städtischen Elends drehte sich bis tief in die Nacht.
Es roch nach kaltem Kaffee und Kantine. Ich hockte hinten auf der Holzbank, unter der Kaugummi klebte, und schrieb fleißig mit. Es war ein spannender Einblick in die Realitäten des Landes, in das ich kurz zuvor gezogen war.
Neulich hockte ich wieder im selben Gebäude. Im Manhattan Criminal Courthouse hatte sich wenig verändert, es roch nach kaltem Kaffee und Kantine, unter der Bank Kaugummi. Doch vorn am Anklagetisch saß diesmal kein Kleinkrimineller von der Straße. Sondern Donald J. Trump, der frühere US-Präsident.
Deutschland und die USA
»Wir sollten uns an die Geschichte erinnern«, rief Barack Obama 2008 in Berlin, »und die Welt neu erschaffen.« Längst ist der Optimismus in den deutsch-amerikanischen Beziehungen der Angst vor Zerrüttung gewichen. Vor den US-Präsidentschaftswahlen erzählt die aktuelle Ausgabe von SPIEGEL Geschichte von Euphorie und Entfremdung, von kulturellen Importen und vergessenen Pionieren. Wir zeichnen nach, wie aus Feinden Freunde wurden – und was sich aus der Geschichte dieser langen Partnerschaft für die Zukunft ableiten lässt.
Ein Kreis hatte sich geschlossen, anders als erwartet. Drei Jahrzehnte nach meinem ersten Besuch im »Night Court« war mein jüngster Einblick in die Realitäten des Landes, in dem ich seit damals lebe, nicht mehr so spannend. Er war nur noch deprimierend.