Annemarie Wendl: Die Frau, die Else Kling war - DER SPIEGEL
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Annemarie Wendl: Die Putzfrau der Nation

Foto: Wolfgang Kumm/ picture-alliance/ dpa

Annemarie Wendl "Hier herrscht eine Ordnung und das gilt für einen jeden!"

Techno-Göttin und Haustyrann: Als Else Kling tyrannisierte sie die "Lindenstraße", nebenbei machte sie Bairisch salonfähig: Vor hundert Jahren wurde Annemarie Wendl geboren.
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Sigi und Elfie haben einen Traum: Eine gemeinsame Wohnung! Am 5. Dezember 1985 ist es soweit. Die beiden beziehen ihr Liebesnest in der Lindenstraße 3 in München. Doch die Stimmung ist schnell getrübt. Der Schrecken lauert im Treppenhaus: Er trägt einen Hausfrauenkittel, schwingt den Wischmopp und schnüffelt mit Leidenschaft in den Angelegenheiten anderer Leute herum. Im Erdgeschoss, strategisch günstig gelegen zwischen Fahrstuhl, Briefkästen und Treppe, lauert die Hausmeistergemahlin auf ihre Opfer.

Schnell merken Sigi und Elfie, dass jeder Gang in den Hausflur einem Himmelfahrtskommando gleicht. Else, wie der Schrecken heißt, lässt kein gutes Haar an dem verliebten Pärchen: Elfies Mantel ist zu teuer, der Beziehungsstand des Paares ohnehin ein Skandal: "Verheiratet sans auch nicht!" Und dabei ist er doch Beamter!

Vollkommenes Entsetzen lösen Elfies Haustiere aus: Mäuse! Dass es sich um afrikanische Rennmäuse handelt, lässt Else nicht gelten. "Des is mia wurscht." Maus sei Maus. "Und Mäus komme mir hier keine rein. Keine einheimischen nicht und ausländische schon überhaupt gar nicht!" Und um das ein für alle Mal klarzustellen: "Hier herrscht eine Ordnung und das gilt für einen jeden!"

"Dr. Fummel und seine Gespielinnen"

Wenig rosige Aussichten also für ein harmonisches Zusammenleben.

Zum Glück war alles nur gespielt: Else Kling war die bekannteste Rolle des sonntäglichen Dauerbrenners "Lindenstraße" der ARD. Gespielt, oder besser verkörpert, wurde der gefürchtete Fernsehdrache von Annemarie Wendl, geboren am 26. Dezember 1914 im oberbayerischen Trostberg.

Als einziges vor vier Kindern der gutsituierten Familie entschied sie sich für eine Künstlerkarriere. Ihre Eltern legten ihr keine Steine in den Weg: 1942 ging sie zur Schauspielausbildung nach Berlin, wo sie auch heiratete. Ihr Mann fiel zwei Jahre danach an der Front.

Später spielte Wendl auf verschiedenen Theaterbühnen - doch auf der Leinwand sah man sie in eher anrüchigeren Produktionen: "Graf Porno und die liebesdurstigen Töchter" von 1969 oder "Dr. Fummel und seine Gespielinnen" von 1970. Allerdings war die Schauspielerin stets züchtig bekleidet - und scharfzüngig. Schon in "Pudelnackt in Oberbayern" von 1969 verkörpert sie eine Vertreterin von Zucht und Ordnung. "Wir müssen der Unmoral in der Post einen Riegel vorschieben!", wettert sie im Film. Später spielte Wendl auch seriöse Rollen für die Regisseure Rainer Werner Fassbinder und Wolfgang Petersen.

Der breiten Öffentlichkeit wurde die Schauspielerin allerdings erst durch ihre Rolle als Else Kling bekannt. Einen solchen Treppenhausschrecken hatten die Deutschen noch nicht kennengelernt, als die "Lindenstraße" am 8. Dezember 1985 Premiere feierte. Neugierig und distanzlos, herrschsüchtig und hundsgemein, verleumderisch und beleidigend - das war Else Kling. Das Briefgeheimnis war ihr schnurzegal, auch der Griff zum Generalschlüssel ihres Hausmeistergatten kam durchaus vor. Ausländer waren ihr verhasst, Schwule ein Gräuel und jeder, der sich in ihren Augen irgendwie falsch benahm, musste mit einer unflätigen Schimpfkanonade oder fiesen Lästereien rechnen. Das betraf die meisten anderen Rollen in der "Lindenstraße". Na ja, eigentlich alle …

"Halt's Maul, wenn's mit mir redest!"

Elses schnoddrige Schnauze erlangte schnell Kultstatus. Zu hämmernden Technobässen und psychedelischen Farbspielen rockte der wandelnde Hausfrauenkittel 1995 über die Bildschirme: Mit ihrem Video "Is was" zog Else auf dem Musiksender "Viva" vom Leder. Und begeisterte wesentlich jüngere Altergruppen als die rüstigen Zuschauer der ARD für das bairische Sprachgut. "Halt's Maul, wenn's mit mir redest!", legte sie los.

Der Kontrast hätte kaum größer sein können: In der einen Sekunde lässt eine knapp bekleidete Tänzerin ihr Hinterteil über den Bildschirm kreisen, kurz darauf kommt Else mit Heckenschere, Kopftuch und Kittel in den Blick. "Himmelarsch und Zwirn, geh weida, bevor ich mich noch aufregen muss. Herrschaftszeiten noch einmal!", flucht Else, wie nur sie es vermag.

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Derartige Sprachexzesse waren die treuen "Lindenstraße"-Fans gewohnt. Ganz ernst werden konnte Else dagegen auch: Eine wahre Brandrede hielt sie den Bewohnern der Lindenstraße kurz vor der Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung. "Weil nämlich der depperte Euro kommt und unsere gute alte deutsche Mark so einfach mir nix, dir nix verschwindet", warnte Else. "Pfeift's auf den Euro. Und das depperte Europa." Oft sprach sie aus, was manche Deutsche höchstens hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagten. Aids, Homosexualität, Ausländerfeindlichkeit - die Lindenstraße und mit ihr Else Kling machte gesellschaftliche Tabus zum Tagesthema.

"Du Depp, du Depp, du Depp"

Mit ihrem grantelnden Bairisch verkörperte Annemarie Wendl den Hausdrachen Kling so perfekt, dass manche Zuschauer Probleme bekamen, die echte Person und die Rolle auseinanderzuhalten. "Die Leute sprechen mich ja eigentlich zu 99,9 Prozent nur als Else Kling an", klagte die Schauspielerin 1993 bei "Wetten, dass..?" "Was, da kommt's ja die böse Alte!", habe ihr einmal beim Wandern ein Mann entgegengeschrien und wollte sie wohl am liebsten von der Anhöhe stoßen.

Tatsächlich bewies die Schauspielerin bei diesem Auftritt, dass sie nicht viel mit der Kling gemein hatte. Freundlich und sympathisch, aber auch schlagfertig und frech unterhielt sie das Publikum auch mit einer Sprechgesangseinlage: "Du Depp, du Depp, du Depp, du depperta Depp du". Die Nummer war bald sogar in den Läden zu kaufen.

Wendls große Popularität verhalf ihr bald zu großen Werbeverträgen. Im Hausfrauenlook pries sie in ihrem polternden Dialekt ein Weichspülmittel an. In Erinnerung aber blieb vor allem der Werbespot für einen bekannten Hersteller von Molkereiprodukten: "Wenn's schee macht".

"Sodom und Gomerra"

Mit zunehmendem Alter wurde es allerdings ruhiger im Leben der Annemarie Wendl. Bis zur Folge 726 im Jahr 1999 hatte sie - ohne Unterbrechung - in jeder "Lindenstraße"-Episode die Else gegeben, fast 14 Jahre lang. Dafür pendelte sie zwischen dem Drehort Köln und ihrer Wohnung in München. Danach trat sie kürzer. 2006 kam dann das endgültige Ende für Else Kling, gesundheitliche Probleme machten der 91-jährigen Schauspielerin Wendl zu schaffen: In Folge 1069 am 28. Mai 2006 öffnet sie zum allerletzten Mal ihre Haustür in der Lindenstraße 3. Nicht um die Post der Mieter zu durchstöbern, nicht um irgendeine arme Seele in Angst und Schrecken zu versetzen, nicht um ein letztes "Sodom und Gomerra" herauszugeifern. Sie geht in ein weißes Licht und verschwindet. Einfach so.

Annemarie Wendl überlebte ihre Serienfigur nur um wenige Monate. Sie starb am 3. September 2006. Der Wunsch aus ihrem Technovideo "Is was" hat sich bis heute nicht erfüllt: "Das Universum braucht Frauen! Mehr Frauen! Frauen, wie Else!" Es gab aber nur eine wahre Else. Und vor allem nur eine Annemarie Wendl. Aus und vorbei: "Jetzt is a Ruah!"