Arabische Despoten - DER SPIEGEL
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Arabische Despoten: Regimewechsel brutal

Foto: © STR New / Reuters/ REUTERS

Das Ende arabischer Despoten Regimewechsel brutal

Syriens gestürzter Diktator Assad ist nach Russland geflohen. Selten gingen solche Umstürze in der arabischen Welt glimpflich für das Führungspersonal aus: Sie wurden in den Selbstmord getrieben, verjagt oder erschossen.
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Dieser Text erschien erstmals 2011 auf SPIEGEL.de und wurde im Dezember 2024 aktualisiert.

»Wer weiß, was alles passieren kann«, raunte der ägyptische Präsident Answar al-Sadat 1974 seinem damaligen Luftmarschall Husni Mubarak einst zu, »ich muss dich in meiner Nähe haben.« Doch die beschworene Nähe vermochte den grausamen Tod Sadats nicht abzuwenden: Sieben Jahre nach diesem Dialog feuerten muslimische Extremisten während einer Militärparade in Kairo auf das Staatsoberhaupt. An jenem Mittag des 6. Oktober 1981 sank Sadat im Kugelhagel nieder – und Mubarak stand direkt neben seinem sterbenden Vorgänger auf der Regierungstribüne.

Mubarak hatte Glück: Er überlebte den Anschlag unversehrt. Ebenso wie er bei einem Attentat im Juni 1995 in Addis Abeba mit dem Leben davonkam: Die Kugeln, die den ägyptischen Präsidenten hätten töten sollen, prallten an dem gepanzerten Mercedes ab, den Mubarak in letzter Minute auf Anraten seines Geheimdienstchefs Omar Suleiman, dem jetzigen Vizepräsidenten, mitgenommen hatte. Abermals kam der Herrscher mit dem Schrecken davon.

Was blieb, war die Angst. Und die Gewissheit, dass ein künftiger Machtwechsel auch für ihn nicht angenehm werden dürfte. 2011 traf es dann ihn während des Arabischen Frühlings: Nach Massenprotesten gegen sein repressives Regime auf dem Tahrir-Platz in Kairo, bei denen Hunderte Demonstranten starben, musste er zurücktreten. Wegen Mitschuld am Tod der Demonstranten wurde der alternde Despot zunächst zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Ägyptens Oberstes Gericht hob dieses Urteil aber 2017 auf. Drei Jahre später starb Mubarak mit 91 Jahren in Kairo.

Abgesehen von Gamal Abd al-Nasser, der im Jahr 1970 friedlich an einem Herzinfarkt verstarb, ereilte viele maßgebliche Führer des modernen Ägyptens ein mehr oder weniger gewaltsames Ende – ganz gleich, wie pharaonisch groß ihre Machtfülle auch zuvor gewesen war.

Spielsüchtig und dekadent

Sadat wurde ermordet, weil er den Frieden mit dem Erzfeind Israel suchte. Seine Vorgänger dagegen wurden auch deshalb gestürzt, weil sie krachende Niederlagen gegen den kleinen Nachbarn kassierten. So war der ägyptische König Faruk I. spätestens nach dem Debakel im Arabisch-Israelischen Krieg von 1948 bei seinem Volk gänzlich diskreditiert. Israel sicherte sich mit dem Sieg seine Existenz, für die Palästinenser brannte sich die anschließende Vertreibung als »Nakba«, als »Katastrophe« ins kollektive Gedächtnis – und die stärkste arabische Streitkraft war bis auf die Knochen blamiert.

Den König schien das wenig zu stören. Viel mehr als für Geopolitik interessierte er sich für Bauchtänzerinnen, opulentes Essen und Casinos, in denen er horrende Summen verzockte. Seine erste Ehefrau verstieß er, seine zweite wählte der übergewichtige Monarch nach Gutsherrenart aus: In einem Juwelierladen traf er zufällig die erst 16-jährige Nariman Sadek, die eigentlich schon einem ägyptischen Diplomaten versprochen war. Diskret versetzte König Faruk den Heiratsanwärter, um 1951 selbst die junge Frau zu heiraten.

Vielleicht war es genau diese Selbstherrlichkeit, die den Herrscher den letzten Kontakt zu seinem Volk verlieren ließ – und damit auch das Gespür für die Gefahr, in der er sich zu diesem Zeitpunkt schon befand. Denn innerhalb des Militärs brodelte es gewaltig. Besonders die jüngeren Offiziere sehnten sich nach einer Säuberung der Armee und der Staatsbürokratie von der überbordenden Korruption.

Der »Löwe von Ägypten«

Am 23. Juli 1952 brach unter der Führung von General Mohammed Nagib und dem Infanterieoffizier Gamal Abd al-Nasser, einem der wenigen Helden im Krieg gegen Israel, die Revolte aus. Der Palast des dekadenten Königs in Alexandria wurde umzingelt. Nach einer kurzen Schießerei gab Faruk auf und setzte sich auf seiner prächtigen Yacht ins italienische Exil ab. Damit hatte er es für einen abservierten ägyptischen Machthaber noch verhältnismäßig gut getroffen. Seinem Nachfolger Mohammed Nagib hingegen erging es schon deutlich schlechter.

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Nach nur 17-monatiger Herrschaft wurde der erste Präsident Ägyptens gestürzt und vom Militär für 18 Jahre unter Hausarrest gestellt. Verzweifelt warf der frühere Herrscher eine Botschaft aus dem Wagen, als er wieder einmal an einen unbekannten Ort gefahren wurde, und beschwerte sich darin bitter über die Militärpolizei, die ihn »gekidnappt« habe. Doch der Hilferuf blieb unerhört.

Die Macht im Staat übernahm 1954 Putschist Nasser, ein Mann, der von seinem Volk wie kein zweiter geliebt und wahlweise als »Löwe von Ägypten« oder »arabischer Bismarck« gefeiert wurde. Der Sohn eines Postbeamten galt als unbestechlich und bescheiden. Unter seiner Herrschaft zog die Industrialisierung an, der Export vervierfachte sich, das Pro-Kopf-Einkommen nahm deutlich zu. Doch selbst Held Nasser pflegte einen recht eigenwilligen Umgang mit der Macht.

Freitod oder erzwungener Selbstmord?

Nicht nur, dass Nasser maßgeblich am Sturz seines einstigen Freundes Nagib beteiligt war. Auch mit seinem engen Weggefährten Mohammed Abd al-Hakim Amer ging er nicht gerade zimperlich um. Als 1967 sein eigener Stern nach der Niederlage gegen Israel im Sechstagekrieg zu sinken begann, suchte Nasser ein Bauernopfer – und wählte den bisher stets loyalen Amer aus.

Kurzerhand entband er den Vizepräsidenten und stellvertretenden Oberbefehlshaber der Truppen von allen Ämtern und ließ ihn wegen eines angeblichen Putschversuches unter Hausarrest stellten. Dort schluckte Amer schließlich ein todbringendes Gift. Inwieweit er damals freiwillig handelte oder, wie vielfach kolportiert, vom Geheimdienst dazu gezwungen wurde, ist bis heute umstritten.

Auch außerhalb Ägyptens verfuhr man in der arabischen Welt oft recht rüde mit seinen Machthabern. So wurde der erste algerische Staatspräsident Ahmed Ben Bella nach seinem gewaltsamen Sturz für 15 Jahre unter Hausarrest gestellt. Erst der eher gemäßigte Staatschef Chadli Bendjedid befreite ihn – wurde 1992 aber wiederum selbst vom Militär zum Rücktritt gezwungen.

Schuss in den Fuß

Es war ein vergleichsweise glimpfliches Ende: Im vom Bürgerkrieg zerrissenen Libanon starben allein zwei Staatsführer bei Bombenattentaten: 1982 der bereits gewählte, aber noch nicht ins Amt eingeführte Beschir Gemayel, und sieben Jahre später der moderate Hoffnungsträger Rene Muawwad – nach nur 17 Tagen im Amt.

Manchmal verlief der Machtwechsel aber auch weit weniger dramatisch und sogar unfreiwillig komisch – wie etwa 1970 im Oman. Dort regierte Sultan Said bin Taimur seit 38 Jahren als Herrscher von Maskat und Oman, bis ihn schließlich sein Sohn Kabus aus dem Palast jagte. Der geschasste Sultan verlor bei dem Staatsstreich seines Filius die Nerven, griff zur Pistole, schoss wild um sich – und traf dabei den eigenen Fuß. Erzürnt humpelte er ins Exil nach London, wo er die letzten Lebensjahre in einem Luxushotel vor dem Fernseher verbringen sollte.

Nun ereilte es also Syriens Diktator Baschar al-Assad, der am 8. Dezember 2024 vor dem Vormarsch islamischer Milizionäre nach Russland floh. Es war das Ende einer jahrzehntelangen Schreckensherrschaft.

Anders als Mubarak hatte Assad den Arabischen Frühling 2011 überstanden und erstickt – und das Land danach in einen Bürgerkrieg gestürzt. Rücksichtslos ging er gegen die eigene Zivilbevölkerung vor und ließ politische Gegner foltern, verschwinden, ermorden. Auch dank militärischer Unterstützung aus Iran und Russland konnte sich Assad so halten, dass sich die Welt jetzt verwundert die Augen reibt, wie schnell sein Regime im Dezember 2024 zusammenbrach.

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In welche Richtung Syrien unter den siegreichen Islamisten steuern wird, ist noch völlig unklar. Bisher eint viele Syrer die Freude über den Sturz des verhassten Diktators und Kriegsverbrechers. Weil der Despot in Moskau weilt, richtet sich die Wut der Menschen auf die Symbole der gestürzten Herrschaft: Sie stürmten den Präsidentenpalast und ließen Gefangene aus den berüchtigten Folterkerkern frei.