Arbeiteraufstand in der DDR am 17. Juni 1953 - DER SPIEGEL
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Volksaufstand in der DDR: "Der Panzer imponierte mir"

Foto: Jörg-Ulrich Minx

Volksaufstand in der DDR "Der Panzer imponierte mir"

Gebannt beobachtete er am 17. Juni 1953 den ersten russischen Panzer, der auf den Alex zurollte, und sah einen "Bonzenwagen" vor der eigenen Haustür in Flammen aufgehen. Dann wurde seiner Mutter die Situation zu brenzlig. Sie gab dem Knirps Baldrian und steckte ihn ins Bett: Jörg-Ulrich Minx verschlief die heiße Phase des Volksaufstand.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 17. Juni 1953 war ich fünf Jahre alt. Wir wohnten damals ganz in der Nähe vom Alexanderplatz in der vierten Etage eines großen Gemeindehauses der Evangelischen Kirchengemeinde St. Georgen, wo mein Vater als Pfarrer tätig war. Wenn ich mich richtig erinnere, hieß das große Gebäude gegenüber "Haus der Arbeit". Am Ende des kirchlichen Grundstückes zweigte damals die Stalinallee von der Leninallee ab.

Ich hatte von den Streiks und Protesten, die bereits am 16. Juni aufflammten, nichts mit bekommen. Am Vormittag des 17. Juni aber machte mich ein ungewohntes Geräusch neugierig. Es war ein russischer Panzer, der langsam von der damaligen Leninallee Richtung Alex fuhr. Unmittelbar vor dem Rondell des Platzes hielt er an, weil vor ihm aus einem U-Bahnschacht zehn bis 15 Männer liefen und sich so auf der Straße verteilten, dass sie dem Militärfahrzeug den Weg versperrten. Soweit ich mich erinnere, war diese "Barrikade aus Menschen" unbewaffnet. Daraufhin drehte der Panzer auf der Kette und fuhr ohne weiteren Aufenthalt zurück.

Mein Vater, der im Zweiten Weltkrieg Offizier gewesen war, sagte: "Das war nur ein Aufklärer. Der holt jetzt die andern nach." Erstaunlicherweise flößte mir der Anblick des russischen Panzers keine Angst ein. Im Gegenteil: Der Panzer imponierte mir sogar.

Elegant aus dem Verkehr gezogen

Am Mittag stellte sich die Lage deutlich bedrohlicher dar, was ich aber noch nicht wirklich umriss: Alex und Leninallee waren voll von Menschen. Vorher und nachher habe ich niemals solche Menschenmengen gesehen. Plötzlich versuchte ein alter BMW - ein sogenanntes Bonzenauto - sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Unten im Gemeindehaus befand sich ein Eisenwarenladen, wohl von der Kirchengemeinde verpachtet. Ich kannte ihn nur unter dem Namen "Der Fettke", vermutlich weil der Besitzer so hieß.

Genau bis dorthin gelangte das Auto. Dann sah ich, wie Männer den Wagen umkippten und mit Knüppeln auf die Motorhaube einschlugen. Der Wagen fing Feuer und brannte lichterloh. Die Rauchschwaden trieben direkt auf unser Fenster zu. Ein Mensch - vielleicht auch zwei oder drei - kletterten aus der oberen Autotür.

In diesem Moment zog mich meine Mutter vom Fenster, verabreichte mir Baldrian und steckte mich ins Bett. Offensichtlich wurde ihr die Situation zu brenzlig. Elegant zog sie mich, das kleine Kind, aus dem Verkehr. Ich sollte nicht sehen, was sich auf der Straße abspielte.

"Sie haben ihm die Hände kaputtgeschlagen"

Irgendjemand erzählte später: Der Fettke hätte vor seinem Laden Spatenstiele verteilt und damit den Übergriff auf den Bonzenwagen provoziert. Und mein Vater wusste zu berichten, dass der Fettke von der Stasi abgeholt und verprügelt worden sei. Ich meine sogar, er verwendete die Formulierung: "Sie haben ihm die Hände kaputtgeschlagen."

Am frühen Abend wurde ich wieder wach und sah durch unser Wohnungsfenster endlose Kolonnen von Panzern auf der Straße, die von der Leninallee über den Alex fuhren. Die Menschenmenge war verschwunden. Interessanterweise weiß ich noch heute, wovon ich damals - wie gesagt unter Einfluss von Baldrian - geträumt hatte: nämlich von der Unendlichkeit des Alls. Mir stellte sich im Traum nämlich die Frage, ob es am Ende der Welt nicht so etwas wie eine Mauer geben müsse und was wohl dahinter sei. Es könne ja nicht einfach Nichts sein.

Erst viel später - vielleicht stand die Mauer da schon - erfuhr ich, dass mein Vater, während ich schlief, mit meinem ältesten Bruder zum Potsdamer Platz gelaufen war und miterlebt hatte, wie dort geschossen wurde. Ich selbst hatte all das verschlafen - und damit die gesamte Dramatik des Tages.

Dennoch ist der 17. Juni meine früheste Kindheitserinnerung. Auch wenn ich nicht mehr weiß, wie meine Familie auf die Ereignisse reagierte, so habe ich die unterschwellige Anspannung sehr wohl gespürt. Meine beiden Brüder, meine Eltern, meine Oma dürften mit den damaligen Ereignissen zunächst allergrößte Hoffnungen verbunden haben, die aber nur allzu schnell bitter enttäuscht wurden.