Architekturgeschichte - DER SPIEGEL
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Architekturgeschichte: "Wie der Leib der geliebten Frau"

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Architekturgeschichte "Wie der Leib der geliebten Frau"

Gewagte Kurven und viel freier Raum: Oscar Niemeyers Entwürfe für Brasília sind legendär. Seit 1960 hat die Retortenhauptstadt ihren futuristischen Glanz jedoch stark eingebüßt - und wird von ganz normalen Großstadtproblemen eingeholt.
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Wäre die Mauer nicht gebaut worden - vielleicht sähe Berlin heute so aus wie Brasília. Aber aufgrund der politischen Situation und der stadträumlichen Veränderungen konnten die Pläne, die der legendäre Niemeyer im Rahmen des Architekturwettbewerbs "Hauptstadt Berlin" 1957 entworfen hatte, nicht in die Tat umgesetzt werden.

Spuren von Niemeyers Wirken finden sich dagegen im West-Berliner Hansaviertel zwischen Tiergarten und Stadtbahn. An dessen Planung hatte sich der Brasilianer mit deutschen Vorfahren bereits 1952 gemeinsam mit 13 namhaften Architekten, darunter Alvar Aalto und Walter Gropius, beteiligt. Wegen knapper Mittel war damals schlichter Funktionalismus angesagt: Stahlbeton, vier- und mehrgeschossige Zeilenbauten in Form langgezogener Rechtecke sowie großzügige Grünflächen und Parkplätze zeichnen dieses Wohngebiet aus. Betrachtet man heute das Hansaviertel, ein Musterbeispiel für den Nachkriegsmodernismus, fühlt man sich ganz und gar nicht an die visionären Bauten erinnert, für die Niemeyer inzwischen berühmt geworden ist.

Die zeichnen sich nämlich durch ihre bemerkenswerte Erweiterung des Formenvokabulars moderner Architektur aus. Die vorherrschende Rechtwinkligkeit in der Architektur ergänzte Niemeyer um organische Kreis- und Kurvenformen. Sie wurden stilbildend für seine Architektur, die er insbesondere in den Bauten der brasilianischen Retortenhauptstadt Brasília in Reinkultur verwirklichen konnte, tausend Kilometer entfernt von der vorherigen Hauptstadt Rio de Janeiro, inmitten eines infrastrukturell unterentwickelten Teils des Landes.

"Die freie und sinnliche Kurve"

Der Plan, die brasilianische Hauptstadt von der Atlantikküste ins Landesinnere zu verlegen, geht auf einen Gesetzentwurf von 1823 zurück. Ab 1891 dann schrieben sämtliche Verfassungen der Republik Brasilien dieses kühne Vorhaben fest. Vater des Gedankens war die Furcht vor Invasionen von See her gewesen, unter denen Brasilien im Laufe seiner Geschichte arg zu leiden hatte. Auch nach 1815, dem Jahr, in dem Brasilien von Portugal formal unabhängig geworden war, hielt sich dieser Gedanke. Außerdem sollte die Verlegung der Hauptstadt ins Landesinnere die Erschließung des zentralen Teils des weiträumigen Landes vorantreiben.

Juscelino Kubitschek schließlich, Präsident Brasiliens von 1956 bis 1961, setzte die Pläne in die Tat um. Inmitten des Planalto Central, des zentralbrasilianischen Hochplateaus, wurde ab 1956 mit dem Bau der neuen Hauptstadt begonnen. Verantwortlicher Stadtplaner war Lúcio Costa. Niemeyer war für den Entwurf aller öffentlichen Gebäude Brasílias zuständig. Bereits 1960, in Rekordzeit, war die Hauptstadt fertiggestellt. Heute ist sie für Niemeyers futuristische öffentliche Gebäude und ihren markanten, kreuzförmigen Grundriss, der an ein Flugzeug erinnert, berühmt und gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.

Trotz ihrer wegweisenden Modernität haben Niemeyers Entwürfe auch Widerspruch erregt. Seine rigorose Ablehnung rechter Winkel und gerader Linien musste unter Traditionalisten und Konservativen Anstoß erregen. Aber für Niemeyer war klar: "Was mich anzieht, ist die freie und sinnliche Kurve, die ich in den Bergen meines Landes finde, im mäandernden Lauf seiner Flüsse, in den Wolken des Himmels, im Leib der geliebten Frau". Niemeyers Entwürfe richten sich gegen einen kühlen, rechtwinkligen und eintönigen Betonfunktionalismus. Stattdessen favorisieren sie eine Formensprache "aus Traum, Phantasie, Kurven und leeren Räumen". Bis heute lassen sich Architekten von Niemeyers Arbeit inspirieren.

Rio de Janeiro lässt grüßen

Brasília indes wächst. Meist sind es verarmte Zuwanderer, die aus anderen Landesteilen in den Ballungsraum und die Satellitenstädte kommen, die jede Form der Stadtplanung vermissen lassen. Landflucht, Binnenmigration und die Entstehung von Favelas holen die soziale Realität einer Stadt ein, die ursprünglich nicht nur als elegantes und zukunftsweisendes Zentrum politischer Macht, sondern auch als soziales Paradies im Zentrum eines riesengroßen paradiesischen Landes gedacht war.

Einem Bericht der Uno zufolge hat sich zwischen 1991 und 2000 die Anzahl der im Bundesdistrikt in prekärer Wohnsituation lebenden Bevölkerung nahezu vervierfacht. In der genannten Zeitspanne war Brasília die brasilianische Großstadt mit dem stärksten Favela-Wachstum. Die chaotischen Verhältnisse in Rio de Janeiro, die man hinter sich lassen wollte, haben Brasília längst eingeholt. Sogar die Kriminalitätsrate im Ballungsraum Brasília mit seinen etwa 3,5 Millionen Einwohnern gehört zu den höchsten des Landes. Rio de Janeiro lässt grüßen.

Aber trotz des sozialen Scheiterns eines der bemerkenswertesten stadtplanerischen Großprojekte des 20. Jahrhunderts ist Oscar Niemeyer mit seinen 103 Jahren und mehr als 600 geplanten Gebäuden zu Recht eine Ikone der modernen Architekturgeschichte.