Atomare Bedrohung im Kalten Krieg - DER SPIEGEL
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Atomare Bedrohung im Kalten Krieg: Radioaktivität? Bitte Schirm aufspannen!

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Atomare Bedrohung im Kalten Krieg Radioaktivität? Bitte Schirm aufspannen!

Wettrüsten und Supergau: Karl Wilhelm Meier musste sich der atomaren Bedrohung mit nur drei Waffen entgegenstellen - Aktentasche, Plastikplane und Regenschirm.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was tun bei einem Atomangriff? In den fünfziger und sechziger Jahren gaben offizielle Broschüren die Antwort: Aktentasche über den Kopf halten. Dabei war zur Zeit des Kalten Krieges und Wettrüstens die Angst vorm Atomschlag allgegenwärtig. Etwas Besseres als die Aktentasche schien jedoch niemandem einzufallen. Oder doch?

Damit wenigstens einige Menschen nach einem Atomschlag die verteidigte Freiheit würden genießen können, wurden seit den sechziger Jahren Atombunker gebaut. In Vegesack, einem Stadtteil von Bremen, wurde zum Beispiel die neue Tiefgarage um zwei Atomstockwerke erweitert - mit Betten, Klinik und Luftzufuhr. Wer würden die Auserwählten sein? Schon bald wurden diese Stockwerke in Spitzenzeiten zu Parkflächen umfunktioniert.

ABC-Alarm: Angriff mit dem Gartenschlauch

Bei der Bundeswehr belehrte man mich über die Atomexplosion - mit dem Blitz, dem Feuersturm und allem, was da noch vor dem Ende kommen sollte. Unsere eindrucksvolle Abwehrwaffe: eine ABC-Schutzplane. Unter der musste man sich bei "ABC-Alarm" verstecken. Wer zu langsam war, wurde von der Atombombe verseucht, deren Explosion und Folgen durch Einsatz eines aufgedrehten Gartenschlauchs eindrucksvoll dargestellt wurden.

Mit der Rüstungsbegrenzung schien Anfang der siebziger Jahre die atomare Bedrohung abzunehmen. Ich fand solche politischen Schritte wesentlich effektiver als die vermeintlichen Schutzmaßnahmen. 1985 wurde Michail Gorbatschow Vorsitzender des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Glasnost und Perestroika waren die Schlagworte; Offenheit und Umbau. Alle waren begeistert.

Doch Atomwaffen waren nicht die einzige Bedrohung. Kernkraftwerke schüchtern mich ein. Ich habe mich immer gefragt, ob wir Menschen so viel Technik beherrschen können. Mit dem bestimmten "Ja" der Befürworter konnte ich genau so wenig anfangen wie mit dem klaren "Nein" der Atomkraftgegner. Und beide Gruppen vermittelten mir das Gefühl, es ginge gar nicht um die Sache, sondern nur um die Macht.

Dann kam der GAU in Tschernobyl. Am 29. April 1986 sendete das deutsche Fernsehen zum ersten Mal die Meldung, in der Ukraine habe es eine Havarie in einem Atomkraftwerk gegeben - drei Tage nach dem Unglück. Genaue Informationen gab es nicht, Spekulationen hatten Konjunktur. Obwohl nichts Näheres über die Katastrophe bekannt war, behauptete der deutsche Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU), so etwas könne in deutschen Atomkraftwerken nicht passieren.

Schirm gegen Strahlung

Erst allmählich gab Moskau Einzelheiten bekannt. Das Fernsehen zeigte die Ruine des Kraftwerkes, die einbetoniert werden sollte. Wie viele Menschen schon ums Leben gekommen waren, wurde nicht gesagt. Die Zeitungen berichteten über die radioaktive Belastung der Milch. Ob die gemessenen Werte gesundheitsschädlich waren, schrieben sie nicht. Dabei war es nur das, was mich interessierte. Denn mein Sohn war damals zwei Jahre alt. Er brauchte die Milch.

Eine radioaktive Wolke werde durch den Wind nach Westen geweht, hieß es. Sobald es regne, könnten auch wir verseucht werden. Ich war zu Hause, meine Frau mit Sohn und Kinderwagen unterwegs. Da rief sie von einer Telefonzelle an: "Es regnet und ich habe keinen Schirm dabei. Was soll ich machen?" Was sollte ein Schirm gegen die Radioaktivität nützen? Die Angst meiner Frau war mir plötzlich sehr nahe. Schützen konnte ich sie nicht, helfen schon. Und so nahm ich meinen überflüssigen Schirm und machte mich auf den Weg.