Auf der Walz - DER SPIEGEL
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Auf der Walz: Wandervogel im Tiefschnee

Foto: Ferdi Keuter

Auf der Walz Wandervogel im Tiefschnee

Ein zünftiger Handwerksbursche ging nach Abschluss der Lehre auf die Walz. Philipp Keuter zog es nach Italien. Wie gefährlich im strengen Winter von 1928 der Weg zu Fuß über die Alpen war, erfuhr Ferdinand Keuter aus dem Wanderbuch seines Vaters.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nachdem mein Vater, Philipp Keuter, einige Jahre als Malergeselle gearbeitet hatte, verspürte er den dringenden Wunsch, seine Heimat Eschweiler einmal hinter sich zu lassen. Als 22-Jährigen wollte er die Welt sehen und dabei gleich auch neue Arbeitstechniken erlernen. In einem Wanderbuch, einer Art Tagebuch, hielt er seine Erlebnisse und Gedanken fest. Ich selbst erfuhr von der Reise, die im Sommer 1928 begann, erst, nachdem mein Vater gestorben war. Ein Bekannter übersetzte für mich die Einträge, die mein Vater in altdeutscher Sütterlin-Schrift vorgenommen hatte.

Die ersten Notizen enthalten Tipps vom katholischen Gesellenverein dazu, wo man während der Wanderschaft preiswert essen und übernachten könnte. Nach seiner Heimkehr, so erfuhr ich aus den Notizen, wollte mein Vater seine Meisterprüfung machen und selbstständig arbeiten. Er wollte aus eigener Kraft für sich und die geplante Familie sorgen können.

Mit diesem Ziel vor Augen trat er im Juli 1928 seine Wanderschaft an, die ihn über Rom nach Neapel führen sollte. Zeitlich hatte er sich kein Limit gesetzt, er wollte sich ohne Zwang treiben lassen. Im Tagebuch notierte er: "Es ist Samstag, den 7. Juli 1928, geworden. Nun bin ich schon 14 Tage unterwegs. Ich habe mich von Freunden verabschiedet und meiner Freundin Elisabeth tschüs gesagt. Heute ist ein sehr heißer Tag, an dem ich in der sogenannten Kirschengegend, im Badischen, angekommen bin. Unter einem Baum mache ich Rast und erhalte von einem Pflücker beide Hände voller Kirschen und ein Stück trockenes Brot. Nie hat trockenes Brot so gut geschmeckt wie da unter diesem Kirschenbaum. Am Abend komme ich im Gesellenhaus von Baden-Baden an und melde mich beim Senior. Ich erhalte eine Schlafkarte, aber kein Essen. Dazu muss ich ins Armenhaus gehen. Leider hat mich keiner nach der Qualität vom Essen gefragt. Ich hätte gerne meine Meinung dazu gesagt. "

Unterschlupf für den Winter

Für den nahenden Herbst und Winter, so schreibt mein Vater, wollte er sich eine Arbeitsstelle suchen. Als Standort wählte er die Stadt Freiburg. Bereits Mitte Juli erreichte er sein Reiseziel und fand noch am selben Tag eine Stelle als Maler- und Anstreicher-Geselle, wie die vollständige Berufsbezeichnung damals lautete. Im Gesellenhaus von Freiburg fand er Anschluss und viele Gleichgesinnte. Viel Freizeit verbrachte er in der Gesangs- und Bühnen-Abteilung. Dafür bekam er bei seiner Abreise im Frühjahr ein sehr gutes Zeugnis. Ein Wanderbuch musste stets genau geführt werden, damit die die Obrigkeit später sehen konnte, wo sich der Wandergeselle aufgehalten hatte; das Buch unterschied einen Wandergesellen von einem Landstreicher. Mein Vater hielt sich daran. Er vermerkte sogar den Besuch einer Sonntagsmesse!

Nach einem halben Jahr, im Januar 1929, wurde es dem Malergesellen in Freiburg zu eng. Nur um zu arbeiten, dafür war Philipp nicht auf die Walz gegangen. Doch der strenge Winter war mit Kälte und Schnee geradezu tückisch. Trotz aller Warnungen machte er sich wieder auf den Weg. Seine Wanderschaft führte ihn über die Alpen. Der Eintrag ins Wanderbuch zeigt, welches Risiko er dabei einging: "Die Schweizer kennen ihre Berge besser als jeder Tourist. Daher warnen sie mich davor, bei diesem Wetter und Minus-Temperaturen von bis zu 25 Grad nach Andermatt zu gehen. Leider ohne Erfolg, und ich bekomme die Quittung einige Stunden später. Also packe ich am Morgen den Ranzen und nehme meinen Wanderstock in die Hand. Hier möchte ich erwähnen, dass ich meine Wanderschuhe mit Stocknägeln ausrüsten ließ. So sind diese in hohem Maße trittsicher."

Doch festes Schuhwerk allein reichte nicht: "Auf einer Höhe von 1410 m liegt meterhoch der Schnee, ich komme nicht weiter. Es ist fast zum Verzweifeln. Wechselweise krieche ich auf den Knien und robbe auf dem Bauch liegend. Da erst wird mir mein Leichtsinn klar. Ich raffe meine gesamte Kraft zusammen und erreiche doch noch bald die Bahn, die mich durch den St. Gotthard nach Airolo, am Fuße des Passes bringt. Hier finde ich eine Bleibe für eine Nacht. Die weitere Strecke führt mich über Cresciano, Lugano, Locarno und Bellinzona in Richtung Rom."

Deutscher Wandervogel in Italien

Je weiter er in südliche Gefilde kam, desto besser wurde das Wetter und leichter die Bekleidung. Inzwischen befand sich mein Vater auf dem Weg nach Mailand. Der Versuch, einen Teil der Stecke nach Rom über die Autostraße zu gehen, wurde ihm verwehrt. Wörtlich steht in seinem Tagebuch: "Das kann ich doch nicht wissen, das dies nicht geht." Mittwoch, den 20.3.1929, die Ankunft in der Ewigen Stadt: "Das ersehnte Ziel ist erreicht. Ich kann es nicht fassen, nun in Rom zu sein. Im Gesellenhaus treffe ich deutsche Wandervögel. Zusammen besichtigen wir den Petersplatz, den Dom und einen Brunnen mit dem Namen Navona. Auch die irdischen Genüsse kommen nicht zu kurz. Hier kostet die Flasche Sekt nur elf Lire. Zum ersten Mal in meinem Leben trinke ich Sekt. Am Donnerstag besichtigen wir viele Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die notwendige Anmeldung im Polizeibüro darf nicht fehlen."

Für Montag, den 25. März 1929, stand ein besonderes Ereignis auf dem Tagesprogramm: Audienz beim Papst. Doch der große Moment gestaltete sich anders als erwartet. "Am Abend zuvor bekommen wir im Gesellenhaus vom Präses einen Besuchs-Schein dafür. Papst Pius XI. wird uns also empfangen. Als wir in den Saal kommen, sind schon viele Menschen da, meist Deutsche. Ohne besondere Regung geht der Papst an den Menschen vorbei und erteilt den Segen. Bin ich etwa für diesen Augenblick so weit gelaufen? Ein wenig enttäuscht verlasse ich den Saal."

Am Dienstag, den 2. April, fuhr Philipp gemeinsam mit zwei Tippelbrüdern mit dem Zug nach Neapel. Dort gingen sie sofort zum Hafen, um ein Schiff nach Capri zu besteigen. Die nächste Fähre sollte um halb drei auslaufen, ein Frachtschiff. Der Fahrpreis betrug nur drei Lire. Wegen starken Wellengangs dauerte die Überfahrt statt der üblichen anderthalb dann vier Stunden. Seekrank wurden nicht nur die Passagiere, auch die Matrosen hingen über der Reling. "Ein Besuch der Blauen Grotte war Pflichtprogramm. Unsere Freude wurde etwas getrübt, da die Schiffstour zehn Lire und die Besichtigung noch einmal 13,50 Lire extra kostete."

Das große Heimweh

Nach dem Besuch der Insel Capri wollte Philipp den Heimweg antreten. Seine Freundin Elisabeth hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Zwei Tage blieb er in Innsbruck, holte auf dem Postamt die dort lagernde Post ab. In Österreich mit seinen Tannen und Bergen überfiel ihn das Heimweh. Ein solches Gefühl war ihm bisher fremd gewesen. Er musste nach Hause!

Eine unerwartete Mitfahrgelegenheit bringt ihn am Montag, den 22. April, der Heimat näher: "Auf der Strecke nach Regensburg bemerke ich einen Motorradfahrer. Der hält auf mein Winken auch an, ich steige auf und ein Rennen beginnt. So gefahren wie an diesem Tage, bin ich noch nie. Es stellt sich heraus, dass er ein Rennfahrer ist, der im April in Sizilien den zweiten Preis auf BMW errungen hat. Unsere Straßen sind zum Teil schlecht, sein Sattel gut. Dadurch merkt er nicht, wie es mir auf dem schlechten Soziussitz geht. Die 200 km von München bis Nürnberg will der Fahrer in zwei Stunden zwingen. In Weißenburg hat er Gott sei Dank etwas zu erledigen. Ich steige ab und lasse ihn ziehen."

Der restliche Weg zurück verläuft ohne nennenswerte Ereignisse. "Am 4. Mai 1929 ist die lange Tour in Arnsberg vorläufig zu Ende. Einige Tage verbringe ich dort in der Familie meiner Freundin, und dann geht es nach Eschweiler. Das sind ja nur 180 Kilometer. In der Heimat beginne ich im Kolpinghaus mit Vorträgen und lasse andere an meinen Erlebnissen teilhaben." Die Meisterprüfung, der eigene Betrieb und die Familie folgten wenig später.

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