Auschwitz-Bildband: "Der Ort ist noch da, die Menschen sind es nicht mehr"
Auschwitz-Bildband "Der Ort ist noch da, die Menschen sind es nicht mehr"
Lilly Jacob war 18 Jahre alt, als sie aus Ungarn nach Auschwitz deportiert wurde. An der "Judenrampe" entriss man ihr die Familie, die Eltern und die jüngeren Brüder, sie sah sie nie wieder. Man nahm ihr alles an diesem Tag im Sommer 1944, nur nicht das Leben. Lilly Jacob überlebte Auschwitz. Sie kam nach Dora-Mittelbau, das nächste Vernichtungslager. Und überlebte wieder. Ein Wunder.
Dann fand das Mädchen nach der Befreiung in einer verlassenen Baracke in Dora ein Buch. Sie schlug es auf, sah Fotos von endlosen Schlangen, sie sah die Baracken und die "Judenrampe". Auschwitz. Lilly entdeckte ihre Eltern auf den Bildern, nur Stunden vor dem Gang in die Gaskammern. Und sie sah sich auf einem Foto selbst, inmitten Hunderter Frauen, die man für den Arbeitsdienst aussortiert hatte. Erste Reihe, die Vierte von rechts.
Der Fotograf hatte diese Bilder am Tag von Lilly Jacobs Deportation in Auschwitz gemacht und sie dann in das Album geklebt, 193 Fotos insgesamt, auf 56 Seiten. Irgendwie war dieses Fotoalbum dann nach Dora gekommen, wie Lilly. Und sie hatte es gefunden. Das nächste Wunder.
Das Lilly-Jacob-Album wurde zu einem der wichtigsten Dokumente des Holcocaust. Für Jahrzehnte waren die Fotos die einzigen aus Auschwitz aus der Zeit vor der Befreiung. Und sie dokumentierten die grausame Chronologie der Deportation, mit Ausnahme der Tötungen: Die Selektion an der "Rampe", die gnadenlose Trennung der Familien, die "Entlausung", die Plünderung der Habseligkeiten, den Weg in die Gaskammern.
Das letzte Rätsel des Fotoalbums
Fast 70 Jahre später ist der Fotograf Pawel Sawicki den Weg noch einmal gegangen. Er folgte in Auschwitz-Birkenau den historischen Spuren, die die Bilder aus dem Lilly-Jacob-Album ihm lieferten. Er wollte die Orte finden, an denen die Fotos im Sommer 1944 aufgenommen wurden, um sie noch einmal zu fotografieren. Im gleichen Kamerawinkel, mit den gleichen Lichtverhältnissen.
Ohne Menschen.
Drei Monate hat Sawicki im Sommer 2011 fotografiert, nachdem er die Schauplätze der historischen Aufnahmen wiederentdeckt hatte: Baracken, Zäune, Schienen. 31 Bilder schafften es schließlich in den Bildband, der jetzt erschienen ist: Sie stehen dort neben den historischen Bildern von 1944, die manchmal bedrückende Details offenbaren - wie die leeren Kinderwagen, die an der "Rampe" stehen, abseits von den langen Menschenschlangen.
Bedrückend ist aber auch der Kontrast der nebeneinander gestellten Bilder. "Der Ort ist noch da, die Menschen sind es nicht mehr", sagt Sawicki. Für ihn ist diese Leere ein Symbol, sie steht für die Auslöschung der Juden durch die Nationalsozialisten und auch für das Verschwinden der letzten Zeitzeugen, die noch vom Grauen berichten können. Er nennt das "die emotionale Seite des Projekts", mit dem ihn das Auschwitz Memorial Anfang 2011 beauftragte.
Die andere Seite ist die wissenschaftliche, die den Fotografen sich manchmal wie ein "Archäologe der Geschichte" fühlen ließ. Für das Projekt musste er die historischen Bilder in mühsamer Kleinstarbeit analysieren. Er vermaß Schatten, um die Uhrzeit der Aufnahme herauszufinden. Er berechnete den Winkel, in dem die deutschen Fotografen 1944 die Bilder gemacht hatten - und fand heraus, dass diese von einer Erhöhung aus gearbeitet hatten. "Vielleicht knipsten sie aus einem offenen Auto", sagt Sawicki. Für seine Arbeit hatte auch dieser kleine Aspekt Folgen: Er nahm die Orte von damals von einer Leiter aus auf.
Doch das letzte Rätsel des Lilly-Jacob-Albums bleibt weiter ungelöst: wer die Fotos damals gemacht hat. Zwei offizielle Auschwitz-Fotografen kämen in Frage, sagt Pawel Sawicki. Doch einer habe vor Gericht bestritten, der Urheber des Albums zu sein. Der andere verschwand nach dem Krieg spurlos.
Lilly Jacob ging in die USA, heiratete, bekam eine Tochter. Sie starb 1999. Mit dem Fotoalbum, das die letzten Bilder ihrer eigenen Familie enthielt, half sie in den vergangenen Jahrzehnten noch weiteren Holocaust-Überlebenden, Verwandte und Freunde wiederzufinden - zumindest auf den Fotos aus Auschwitz-Birkenau.
Zum Weiterlesen:
Auschwitz-Birkenau State Museum (Hrsg.): "Auschwitz-Birkenau - The Place Where You Are Standing...", Oswiecim 2012, 76 Seiten.