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Auswanderer: Wie der Senf nach Russland kam

Foto: Andreas Herrmann

Auswanderer Wie der Senf nach Russland kam

Sie brachten ihren strengen Glauben und eine scharfe Paste: Fromme Einwanderer aus dem ostsächsischen Herrnhut ließen sich im 18. Jahrhundert im heutigen Wolgograd nieder und bauten dort die erste Senfproduktion Russlands auf. Er wird bis heute verkauft.
Von Andreas Herrmann
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Im kleinen Städtchen Herrnhut im südöstlichsten Zipfel Sachsens entstand vor rund 275 Jahren eine christliche Bewegung, die kurze Zeit später weltweite Ausstrahlung haben sollte - die Herrnhuter Brüdergemeine. 1722 von Glaubensflüchtlingen aus Böhmen auf dem Gut von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in der Oberlausitz gegründet, begannen die Herrnhuter bereits nach zehn Jahren eine umfangreiche, vom Pietismus geprägte Missionstätigkeit.

Die Gemeinschaft - auch Böhmische Brüder genannt - berief sich auch auf den 1415 in Konstanz als Ketzer verbrannten Reformator Jan Hus. Ihre Missionsunternehmungen untersetzte sie stets auch mit ökonomischen Aktivitäten. Eine davon war die erstmalige Produktion von Senf in Russland.

Im Wolgagebiet versuchten die Herrnhuter, unter den hier lebenden Kalmücken und Tataren zu missionieren. Hier produzierte ein Mann namens Johann Caspar Glitsch (1785-1852) einen wohlschmeckenden und würzigen Senf, der bis zum russischen Zarenhof geliefert wurde. Weil auf den Senf-Gläschen die Markenbezeichnung "Glitsch" erschien, war das lange Zeit ein russisches Synonym für Senf. Er wurde später auch nach Deutschland und England exportiert. Als Auszeichnung für seine würzige Erfindung soll Glitsch vom russischen Zarenhaus eine goldene Uhr erhalten haben.

Dampfmaschine für die Senfproduktion

Johann Caspar Glitsch war der Schwiegersohn eines der ersten Missionare beim Nomadenvolk der Kalmücken, Johann Konrad Neitz. Inmitten der südrussischen Steppenlandschaft mit endlosen Kamelkarawanen unter armen Kalmücken mit halbnackten Kindern und Muezzinen, die vom Minarett hinab die Gläubigen zum Gebet aufforderten, predigte der tapfere Mann das Evangelium. Er sah an dieser Schnittstelle zwischen Europa und dem Orient vielfältiges Leben in den Hafenstädten der Wolga, den prächtigen Kreml von Nishni-Nowgorod oder reisende Perser, die hier emsige Handelsaktivitäten betrieben.

Gleichzeitig pflegte Neitz den Samen seines im eigenen Garten wachsenden Senfes in einer Kaffeemühle zu mahlen. Seinem Freund Glitsch gelang es, daraus einen Marktbedarf zu machen bis schließlich eine Dampfmaschine aus Deutschland die Zerkleinerung des Senfkorns übernahm. Zeitzeugen loben seine gewinnende Art, die ihm half auch manche Probleme mit Arbeitern zu lösen. Der Unternehmer soll ein Frühaufsteher gewesen sein, der bereits kurz nach dem Frühstück Visite in seiner Fabrik machte.

Nicht nur reiner Senf, sondern auch Senfpflaster zur Linderung von Erkältungen, Senföl als Gewürz und Senfpulver gehörten zum Angebot. Die Arbeiter in der Fabrik waren hauptsächlich deutsche Wolga-Kolonisten und vereinzelt Tataren, die als gute Arbeiter im Gegensatz zu den Kalmücken galten. Letztere arbeiteten eher als Feldarbeiter, Hirten und waren als Pferdediebe gefürchtet. Manchmal zerstörten allerdings auch Gewitter einen Teil der Ernte.

Kalte Winter und Cholera

Die Senffabrik der Herrnhuter in Sarepta war die erste Industrieansiedlung in der Region und sah in jenen Jahren hohen Besuch - als zum Beispiel Zar Alexander III. oder der damalige Dalai Lama hier Visiten machten. Zu der Anlage gehörte auch ein Garten mit großen Birken, Goldregen, Flieder und dem einzigen schwarzen Kirschbaum der Stadt. Entspannung und Abwechslung boten die am Fluss Sarpa gelegenen Gärten.

Hier wurde auch Fisch- und Krebsfang betrieben, auf den Wiesen hielt man Pferde, Kühe, Schweine, Hühner und anderes Geflügel und machte Wagenreisen mit alten Kutschen. Die Kinder genossen die ländlichen Freuden dieser Landschaft. Ein großes Fest war das alljährliche Schweineschlachten, wo es die sogenannte Metzelsuppe gab. Harte, kalte Steppenwinter oder die Cholerazeit von 1869 waren Schattenseiten dieses Lebens.

Die sehr produktive Fabrik lieferte im Laufe der Jahre mit über 54.000 Pud (1 Pud = 16,38 Kilogramm) mehr Senf und Senfprodukte als in der Region Bedarf bestand, so dass nach Errichtung einer Eisenbahnstrecke über Zaritzin und Borisoglebsk nach Moskau in der russischen Hauptstadt sowie in St. Petersburg Senflager eingerichtet werden konnten. Etwa zwei Tagesreisen machte dieser Weg aus. Ein Mann namens Friedrich Mory, der sich hier um den Vertrieb kümmerte, war Chef des sareptischen Hauses in Petersburg und ein an der dortigen Börse hoch angesehener Kaufmann.

Kampf gegen Alkohol und Armut

Senffabrikant Johann Caspar Glitsch, der in Sarepta starb, hatte drei Söhne und zwei Töchter. Besonders Ferdinand (1822-87) erweiterte nach der Lehre in einer Kupferschmiede in Gnadau bei Magdeburg und dem Besuch einer Bauschule in Berlin die Senffabrik seines Vaters auf Dampfbetrieb und führte neue Apparate ein. Gleichzeitig eignete er sich in Magdeburg umfangreiche Mathematikkenntnisse an.

Unermüdlich arbeitete er in den ausgedehnten Betrieben an Verbesserungen, war in der Ortsverwaltung tätig und hatte Sitz und Stimme im Gemeinderat. Auch sozial betätigte sich dieser Unternehmer, indem er sich für die Schule des Ortes, beim Armenwesen und der Bekämpfung des verbreiteten Alkoholmissbrauchs engagierte. Oft waren technische Probleme zu meistern, zum Beispiel als einmal der Kessel für die Dampfmaschine kaputt ging und nur notdürftig repariert werden konnte. Zwar bestellte man in St. Petersburg einen Neuen, dieser aber hatte auch einen Schaden, berichtet eine Chronik aus jener Zeit. Unterstützung erfuhr Ferdinand Glitsch, der 1876 zurück nach Herrnhut ging und die Fabrik wiederum seinem Sohn Albert übergab, vor allem durch seine Frau Adelheid Clementine, geb. Gregor, die ihm nach der Heirat am 1. Oktober 1848 aus Deutschland in die Wolgasteppe gefolgt war.

Konstantin (1820-83) und Alexander (1826-1907) Glitsch pflegten das Erbe der Herrnhuter in Sarepta. Eine von Konstantin Glitsch zusammenstellte Sammlung vorkalmückischer Exponate befindet sich heute im Herrnhuter Völkerkundemuseum. Alexander Glitsch, der bis 1871 als Pastor und Schulinspektor in Sarepta tätig war, ist der Verfasser einer umfangreichen Geschichte Sareptas, die 1865 erschien.

Senf, Marke "Sareptska"

Im Jahre 1822 wurde die Missionstätigkeit der Herrnhuter an der Wolga verboten. Vor allem der kalmückische Adel, buddhistisch-lamaistische Geistliche und die russisch-orthodoxe Kirche sahen sich bevormundet. Die Siedlung Sarepta gelangte später in die Zuständigkeit der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland. 1920 wurde Sarepta umbenannt in Krasnoarmejsk und ist heute ein Stadtbezirk von Wolgograd.

Den Senf, den einst Glitsch nach Russland brachte, findet man allerdings noch heute unter der Markenbezeichnung "Sareptska" in russischen Ladenregalen. In der Fabrik, wo einst Senfprodukte hergestellt wurden, wird heute Sportbekleidung produziert.

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