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Auswanderer: Ein Fernseher bereist die Welt

Foto: Juergen Helmert

Auswanderer Ein Fernseher bereist die Welt

Pferde, Hunde, Katzen und der komplette Hausrat - Gepäck hatte Juergen Helmert mehr als genug, als er nach Kanada und in die USA auswanderte. Doch für einen war immer Platz: seinen unverwüstlichen Philips-Fernseher.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In den achtziger Jahren arbeitete ich als Reitlehrer in Bad Salzuflen, Ostwestfalen. Rund 20 Jahre zuvor hatte ich eine Ausbildung als Radio- und Fernsehtechniker gemacht. Als Experte kaufte ich mir deshalb Mitte Achtziger einen Philips-Fernseher vom Typ Krefeld 4392 (Baujahr 1984). Er diente uns als Familienfernseher und machte nie Probleme. 1987 bekam ich von einer kanadischen Farm in Edmonton, Alberta, ein Arbeitsangebot als Reitlehrer, und wir entschlossen uns auszuwandern. Im April 1988 ging es los. Drei Pferde, ein Pudelrüde, ein Container mit dem ganzen Haushalt - und natürlich der Fernseher mit einem Benzingenerator 220 V/50Hz, um deutsche Videokassetten abspielen zu können.

Die Pferde flogen mit dem Flugzeug von Amsterdam; der Container ging mit dem Lastwagen von Bad Salzuflen nach Bremerhaven, hier aufs Schiff, über den Atlantik, durch den Panamakanal und den Pazifik hoch bis Vancouver, Kanada, wieder auf einen Lastwagen und dann über die Rocky Mountains bis nach Edmonton. Alle und alles kamen unversehrt an. Der Fernseher stand jetzt neben dem kanadischen NTSC TV und etwa einmal pro Woche wurde er vom Generator angetrieben, um heimatliche PAL-Videos zu zeigen.

4000 Kilometer mit Pferden und Fernseher

Nach anderthalb Jahren beschlossen wir, uns selbstständig zu machen, und fanden ein neues Betätigungsfeld auf einer Farm östlich von Montreal, Quebec, 4000 Kilometer von Edmonton entfernt. Es wurde wieder gepackt, diesmal ging es los mit einem Pickup-Camper zum Wohnen und Pferdehänger, meine Frau am Steuer. Ich fuhr den gemieteten Umzugswagen mit Pkw im Schlepptau. Zwei Pferde, eine Katze und eine junge Pudeldame waren auch dabei. Die Reise dauerte acht Tage, jeden Tag 500 Kilometer quer durch Kanada. In Quebec angekommen, ging unser Leben weiter mit Reitunterricht, Pferdeausbildung, Turnierreiten und Pferdeimport aus Deutschland. Der Fernseher kam immer seltener zum Einsatz; meistens, wenn Pferdezüchter aus der Heimat Videos von Verkaufspferden geschickt hatten oder Besuch aus Deutschland da war.

Dann kam eines Tages, wir waren nun schon drei Jahre in Kanada, aus heiterem Himmel ein Anruf von einer wohlhabenden Dame aus Chicago, USA. Sie sagte: "In Ihrer Anzeige in einer amerikanischen Pferdezeitung habe ich gelesen, dass Sie deutscher Pferdewirtschaftsmeister sind und zwei Hannoveraner zu verkaufen haben. Pferde habe ich selber, aber ich möchte Sie als Manager meiner Farm und als Dressurreitlehrer anheuern." Mein Erstaunen war groß, doch meine Antwort war: Ich finde Kanada ganz toll und möchte selbstständig bleiben, vielen Dank, Gespräch beendet.

Von Kanada in die USA

Zwei Wochen später war die Dame wieder am Telefon: "Bevor Sie wieder Nein sagen, möchte ich Ihnen und Ihrer Frau zwei Flugtickets nach Chicago schicken und Sie zu einem persönlichen Gespräch einladen." Logisch, dass ich einwilligte, da wir noch nie zuvor in Chicago gewesen waren. Lange Rede kurzer Sinn, das Angebot war so gut, dass wir nicht Nein sagen konnten, und die ganze Umzugsgeschichte ging von neuem los. Diesmal waren es vier Pferde, aber nur 1500 Kilometer in den Süden - Chicago liegt auf dem Breitengrad von Rom. Der Fernseher kam natürlich wieder mit.

Meinen Job dort machte ich zehn Jahre, und am Ende ritt die Dame Grand Prix Dressur auf Turnieren. Meine anderen Geschäfte waren weiter Pferdeimport, Ausbildung und Verkauf in die gesamten USA. Allein auf den Hannoveraner-Auktionen in Verden konnte ich über die Jahre mehr als 50 Pferde ersteigern. Der Philips-Fernseher kam nun wieder etwas öfter zum Einsatz, da mehr deutsche Pferdevideos abgespielt werden mussten. Der Generator hatte inzwischen ausgedient, da ich den Fernseher einfach an den amerikanischen Haushaltsstarkstrom 240V/60Hz angeschlossen hatte und er nach Neueinstellung der Bildfrequenz einwandfrei funktionierte.

Zurück über den Atlantik

Nach zehn Jahren im besten Job meines Lebens machten wir uns in derselben Gegend wiederum selbstständig; meine Frau hatte mittlerweile in Deutschland die Reitwartprüfung abgelegt und gab auch Reitunterricht. Inzwischen waren die Videokassetten von DVDs abgelöst worden, und der Fernseher landete in unserem neuen Haus auf dem Dachboden. Im Sommer bei plus 40 Grad und im Winter bei minus 20 Grad musste er die nächsten sieben Jahre dort überleben, um nur noch drei bis vier Mal im Jahr alte Rühmann-Filme zu zeigen, immer ohne technische Probleme.

Im Jahre 2007, wir waren fast im Rentenalter angekommen, entschieden wir uns, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Vier Enkelkinder und eine 92-jährige Schwiegermutter in der alten Heimat machten diesen Entschluss leichter. Amerika war für uns finanziell erfolgreich gewesen, und so konnte ein Haus in Bad Oeynhausen gebaut werden. Im Oktober 2007 wurde wieder ein Container bestellt, unser Haus in den USA ausgeräumt und alles wieder für den Heimtransport verstaut. Nun ging der Container mit dem Laster nach Chicago; von dort mit dem Güterzug zum Hafen von Norfolk, Virginia, dann über New York und den Atlantik nach Bremerhaven. Von hier wieder auf einem Laster zur Endstation mit Blick auf die Porta Westfalica.

Der Fernseher hatte die Reise auf einer Couch, mit dem Bildschirm nach unten liegend, gut überstanden. Nach erneuter Bildfrequenzeinstellung war er wieder der Alte. Mit gutem Bild und super Ton verrichtet er nun seine Dienste in unserem Gästeappartement. Das nenne ich deutsche Wertarbeit!