Balkon-Battle - DER SPIEGEL
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Balkon-Battle: Wie ich den Akustik-Krieg gewann

Foto: Heiko Schomberg

Balkon-Battle Wie ich den Akustik-Krieg gewann

Heiko Schomberg liebt seinen Balkon, seine Zeitung, die Nachmittagssonne - und gute, ehrliche Gitarrenmusik. Denn die half ihm am 1. Mai, den Akustik-Krieg gegen eine frankophone HipHop-WG zu gewinnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie schön dein Balkon sein kann, diese himmlische Stille, die Sonne geht langsam unter, du liest das viel zitierte "gute Buch", und im Hintergrund gedämpfte und gute britische Populärmusik aus den Frühachtzigern.

"The Jam" half mir, das Audioscharmützel mit den neuen Nachbarn zu gewinnen. Nach anderthalb Tagen. Nachdem wir also anderthalb Tage unfreiwillig einiges über französischen und frankophonen HipHop gelernt haben. Wir haben neue Nachbarn mit einem nach meinem Dafürhalten "interessanten" Musikgeschmack - rein subjektiv betrachtet. Die Bodenständler aus der Roccoliga (laienhafte Tätowierungen, Glanzbomberjacken) von einst, deren Jüngster als Abschiedsgeschenk auf unsere Markise expektoriere, sind weg - und wir weit schlimmer dran (und ich weiß aus Marburger Erfahrung, wovon ich rede): Über uns lebt eine Dreier-Studenten-WG!

Diese WG hegt eine Vorliebe für lauten französischen Sprechgesang und einen Freundeskreis, der sich dem frankophonen HipHop und Rap ebenfalls verbunden fühlt. Diese Sympathie wird per Lautstärke recht öffentlich macht.

Richtig gehandelt?

Nach anderthalb Tagen also, in denen die Mucke wieder so unerträglich war wie die Lautstärke - wir wollten noch etwas in der Nachmittagssonne des 1. Mai entspannen, ein Mixgetränk und die Tageszeitung vornhmen - ja, da war es so weit.

Was tun? Was gegen das Gebrüll tun, ohne als Spießer dazustehen?

Schwierige Frage. Ich dachte nach, es brodelte, und unter dem Ausruf "Ich kann diese HipHop-Drisse nicht mehr ertragen!" räumte ich wortlos, aber entschlossen die Boxen ans Balkonfester, suchte den "Best-of-The-Jam"-Silberling raus und drehte die Anlage auf. Klar, das war kein Vergnügen, im 200-Phon-Strom zu sitzen ("das tut mir mehr weh als dir!"), aber nach "In the City" (2:20 Minuten) und "All around the World" (2:24 Minuten) war die Audiowelt wieder in Ordnung: Oben war Ruhe.

Habe ich richtig gehandelt?

Ja, dachte ich, ich habe den lockeren musikalischen Deckungsverbund des Gegners in seiner Kernschwäche angegriffen: Gitarrenriffs so scharf wie ein japanisches Messerset gegen harmloses Gereime von irgendwelchen Mitteklasse-J-Jüngelchen. Soweit taktisch ok, wie ich finde.

Allerdings bin ich mal wieder entsetzt über den Niveauverfall am Ostufer unserer schönen Stadt.

Andere rufen mir zu, die einzige Musik, die sie in ihrer Mehrparteienanlage hin und wieder vernehmen, sei das liebliche Cellospiel der beiden aus dem Erdgeschoß, die sich wohl offensichtlich als Orchestermusiker(innen?) verdingen.

Sollte es wieder so sein, dass wir der brachialen Mucke ausgesetzt sind, ja dann, beim nächsten Mal, werde ich ihnen WIRKLICH WEH TUN und als musikalische Antwort den Mitschnitt eines Karaoke-Abends nehmen, bei dem ich zu vorgerückter Stunde und in völliger Textkenntnisfreiheit "Purple Rain" sang. Ich freue mich schon auf den kommenden Dialog im Treppenhaus:

"War die Musik am 1. Mai zu laut?"

"Nööö, ich mag nur keinen fanzösischen HipHop!"