Barschel-Affäre - DER SPIEGEL
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Barschel-Affäre "Eine sehr komplizierte Art, sich umzubringen"

Der Genfer Generalstaatsaanwalt Bernard Betrossa über die Fehler bei den Ermittlungen zum Tod Uwe Barschels 1987.
Von Hans Michael Kloth
Bernard Bertossa, Genfer Generalstaatsanwalt von 1990 bis 2002: Er leitete in den 1990er Jahren die Untersuchungen zum Fall Barschel in der Schweiz.
Bernard Bertossa, Genfer Generalstaatsanwalt von 1990 bis 2002: Er leitete in den 1990er Jahren die Untersuchungen zum Fall Barschel in der Schweiz.

Bernard Bertossa, Genfer Generalstaatsanwalt von 1990 bis 2002: Er leitete in den 1990er Jahren die Untersuchungen zum Fall Barschel in der Schweiz.

Foto: ? Reuters Photographer / Reuters/ REUTERS
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einestages: Auf welchem Stand waren die Ermittlungen in der Schweiz als Sie 1990 den Fall Barschel übernahmen?

Bertossa: Als ich dieses Dossier wieder aufgemacht habe, konnten wir weder mit Sicherheit sagen, dass es ein Selbstmord war, noch dass es Mord war. Es gab für beides keine Beweise. Die Rolle eines Staatsanwaltes ist es aber, die Wahrheit herauszufinden. Aber da das ja kein strafrechtlich relevanter Fall war, wurde er ad acta gelegt. Die Ermittlungen sind dann erst auf Anfrage der Familie Barschel, genauer gesagt seines Bruders Eike Barschel, wieder aufgenommen worden.

einestages: Können Sie die Vorwürfe nachvollziehen, die den Schweizern damals gemacht worden sind wegen schlampiger Ermittlungsarbeit?

Bertossa: Ich erinnere mich, daß bestimmte Kontrollen und Vernehmungen damals nicht gemacht worden sind, und einige dieser Kritikpunkte waren sicherlich gerechtfertigt. Ich erinnere mich aber auch daran, daß deutsche Polizei zwar nach Genf gekommen, aber genauso schnell auch wieder abgefahren ist. Die Deutschen durften in Genf nicht ermitteln, aber sie hätten die Schweizer bitten können, das eine oder andere zu ermitteln, zu überprüfen. Das haben sie nicht getan. Und ich hätte erwartet, dass die Deutschen in Deutschland ermitteln, um herauszufinden, ob es dort Motive für einen Mord, bzw. Selbstmord gibt.

einestages: Die Schweizer haben sich sehr früh auf den Standpunkt gestellt, daß es Selbstmord war - dafür müssen sie doch Gründe gehabt haben?

Bertossa: Nachdem die Genfer Polizisten so hart kritisiert worden waren von deutscher Seite, waren die überhaupt nicht mehr motiviert und haben sich mehr und mehr auf die Selbstmordthese zurückgezogen. Psychologisch verständlich, aber kriminalistisch fatal. Denn die polizeilichen Ermittlungen sind zu so einem Zeitpunkt der Motor der Aufklärung.

einestages: Wie erklären Sie sich, daß in Deutschland erst sieben Jahre nach Barschels Tod das erste Ermittlungsverfahren aufgenommen wurde?

Bertossa: Ich kann mir dieses Schweigen der Deutschen nicht erklären, ich kenne die Motivation dahinter nicht, aber ich finde das sehr befremdlich. Aber vielleicht gab es ja Ermittlungsaktivitäten in Deutschland, die auch nicht in dem Abschlußbericht der Lübecker Staatsanwälte auftauchen. Mich würde es wirklich sehr wundern, wenn die Deutschen da überhaupt nichts unternommen hätten. Ich denke eher, dass einige da ermittelt haben, aber sich dann haben überzeugen lassen, daß es besser wäre, jetzt nichts weiter zu machen. Das ist selbstverständlich nur eine Hypothese, aber es ist für mich die einzige Erklärung.

einestages: Angenommen, es hätte den umgekehrten Fall gegeben...

Bertossa: Wenn mein Ministerpräsident tot in einer Badewanne in einem Hotel in Lübeck aufgefunden worden wäre, hätte ich Ermittlungen eingeleitet. Es ist doch ganz klar, die Antworten für das Rätsel Barschel liegen - wenn überhaupt in Deutschland, in seinem Vorleben, in seinem geschäftlichen oder politischen Umfeld und nicht in Genf, wo er sich zufällig 24 Stunden aufgehalten hat.

einestages: Vertreten Sie selbst eine These - Mord oder Selbstmord?

Bertossa: Als Staatsanwalt existiert für mich nur das, was ich beweisen kann. Aber wenn Sie mich als Privatperson fragen, es ist eine sehr komplizierte Art sich umzubringen - allerdings auch eine sehr komplizierte Art, jemand anders umzubringen. Und in diesem letzten Fall ist sie nur dadurch zu erklären, wenn ein Mord nach Selbstmord aussehen sollte. Aber das sind natürlich alles nur Hypothesen.

Lesen Sie dazu auch im SPIEGEL-Heft 42/2007 :

"Was macht so einer hier?" - Das seltsame Doppelleben und der merkwürdige Tod des Dr. Uwe Barschel (Teil II)

Interview von Britta Sandberg