Begegnung mit Herrhausen - DER SPIEGEL
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Begegnung mit Herrhausen: Die Lässigkeit der Macht

Foto: Schrader/ dpa

Begegnung mit Herrhausen Die Lässigkeit der Macht

Er war smart, cool und einer der mächtigsten Männer Deutschlands: Als Deutsche-Bank-Chef jonglierte Alfred Herrhausen mit Firmen und Milliarden. Im November 1989 wurde er von der RAF ermordet. Lorenz Goslich hat Herrhausen und seine fast perfekte Lässigkeit kurz vorher erlebt.
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Ein wenig angespannt wirkte Alfred Herrhausen, als er am 26. Oktober 1989 den rustikalen kleinen Saal eines Münchner Hotels betrat. Irgendwie sah man ihm an, dass er inmitten schwieriger Verhandlungen steckte. Dennoch hatte er sich die Zeit genommen, in München zwei Stunden lang mit Mitgliedern des "Clubs Wirtschaftspresse" zu verbringen - ein Highlight für die bayerischen Journalisten und Korrespondenten überregionaler Medien.

Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank vermittelte den Pressevertretern das Gefühl, dass sie für ihn an diesem Abend besonders wichtige Gesprächspartner waren. Als Besucher dieser Veranstaltung merkte man instinktiv, dass gerade dies eine seiner besonderen Fähigkeiten war: die ungeheure Machtfülle, die der damals einflussreichste deutsche Bankmanager auf sich gezogen hatte, in den Hintergrund zu rücken und ganz normal menschlich zu erscheinen. Man fragte sich unwillkürlich, ob er das unbewusst tat oder gezielt. Vermutlich war es eine in langen Jahren in führenden Positionen der Industrie und der Bank eingeübte Auftrittsweise. Vielleicht war Herrhausen sogar gerade mit dieser Mischung auf der Karriereleiter so weit nach oben gekommen.

Da stand er nun: Ein hoch gewachsener, drahtiger, trotz seiner fast 60 Jahre jugendlich erscheinender, schlanker Mann mit dunklen Haaren im schicken Anzug und, wenn die Erinnerung nicht ganz trügt, mit gesunder, brauner Gesichtsfarbe. Ja, er stand. Im Gegensatz zu vielen anderen Managern, die beim Club auftraten. Selbst Hauptversammlungen leitete er gern stehend.

Beinahe-Philosoph

Herrhausen war ein Mann, der sofort die Sympathien auf sich zog. Zusätzlich demonstrierte er bei diesem Gespräch eine ganz besondere Gabe: Er konnte glänzend selbst schwierigste Zusammenhänge erklären, besonders in wirtschaftlicher Hinsicht, aber auch auf anderen Gebieten. Man wusste ja, dass er eigentlich gern Philosophie studieren wollte, bevor er dann doch die Betriebswirtschaft vorzog.

Und er hörte immer geduldig zu. Fragesteller schaute er interessiert an, er gab ihnen das Gefühl, dass gerade ihre Worte für ihn in diesem Moment ganz besonders wichtig waren, selbst dann, wenn ihre Ausführungen gelegentlich das Ausmaß von Korreferaten annahmen. Auch bei kritischen Anmerkungen unterbrach er nicht. Dann, wenn alle begierig auf seine Antwort warteten, entwickelte er eine sehr individuelle Art. Als ob er erst einmal in seinem Gedächtnis kramen müsste, um auch die Ahnungslosen unter den Zuhörern nicht unwissend zu lassen, suchte er nach verständlichen Formulierungen und Umschreibungen. Dabei spitzte er häufig die Lippen, legte die Stirn in Falten, spielte mit den Händen, alles das ganz offensichtlich im Bemühen, das Gesagte so klar und einleuchtend wie möglich hinüberzubringen.

Gelassenheit in Perfektion

So wurde er zum Beispiel während des Gesprächs mit Vorhaltungen wegen der Verantwortung der Banken gegenüber Kleinanlegern konfrontiert. An der New Yorker Börse hatte es zwei Wochen zuvor Kurseinbrüche gegeben, denen auch in Deutschland massive Kursverluste gefolgt waren - in viel zu hohem Ausmaß, wie Kritiker argwöhnten: Sie warfen den Banken vor, sie hätten zu wenig unternommen, um viele panikartige Verkaufsaufträge von Kleinanlegern zu verhindern.

Herrhausen trieb seine - zumindest äußerliche - Gelassenheit zur Perfektion: Er erzählte etwas von drohenden Schädigungen für die Bank-Aktionäre, wenn er anders gehandelt hätte, formte seinen Mund fast zu einer Schnute und schloss: "Wir haben im Sinne einer Beruhigung alles getan, was wir tun konnten." Damit war das Thema für ihn erledigt.

Ähnlich vermeintlich locker ging er mit dem Thema Bankenmacht um. Erst kurz vor seinem Auftritt in München war aufgrund neuer Publizitätsvorschriften die Höhe von Beteiligungen der Deutschen Bank an großen anderen Unternehmen bekannt geworden, so jeweils zehn Prozent an den Versicherungskonzernen Allianz und Münchner Rück. Als ob es die Diskussionen über die Bankenmacht nie gegeben hätte, erklärte er klipp und klar, dass sich die Bank von ihren Beteiligungen an Allianz und Münchner Rück nicht zu trennen gedenke.

Erklärte Unwissenheit

Unruhig wirkte Herrhausen während keiner Phase dieses Gesprächs, obwohl es eine spannungsgeladene Zeit für ihn war. Damals bewegte die geplante Übernahme des Luft- und Raumfahrtkonzerns MBB durch den Autokonzern Daimler-Benz die Nation. Die Münchner Journalisten bohrten. Sie sprachen Herrhausen auf alle möglichen Spekulationen an, die rund um die geplante Übernahme kursierten.

Herrhausen reagierte geduldig und geschickt, ohne die Fassung zu verlieren, selbst wenn die Fragesteller noch so hartnäckig nachhakten. Als zum Beispiel jemand nach einem absehbaren Besitzwechsel bei der Schiffswerft Bremer Vulkan AG fragte, sagte er: "Ich weiß nicht, wem der Bremer Vulkan gehört." Alle nahmen dies als Aussage ohne Wenn und Aber hin, obwohl sich angesichts der zentralen Position von Herrhausen kaum einer der Anwesenden ein solches Unwissen vorstellen konnte.

Rücktrittsgedanken

Wie er da so stand, philosophierte und erklärte, da schimmerte auch immer wieder durch, dass er gern über die Deutsche Bank hinaus an einem größeren wirtschaftlichen und auch politischen Rad mitdrehte. So sprach er von einem "europäischen Unternehmen", in dem die verschiedenen nationalen Luft- und Raumfahrt-Hersteller ihre Interessen zusammenfassen müssten, ja von einer denkbaren "europäischen Aktiengesellschaft für die Luft- und Raumfahrt" - eine Vision, mit der er seiner Zeit weit voraus war.

Positive Äußerungen Herrhausens über die Lage der Deutschen Bank selbst überdeckten damals eine angespannte interne Diskussionen über geplante tiefgreifende Umstrukturierungen des größten deutschen Finanzinstituts. Diese Debatte soll in den Wochen nach dem Besuch in München intern zu so starken Kontroversen geführt haben, dass Herrhausen seinen Rücktritt erwogen haben soll.

Für den 30. November 1989 soll zu diesem Thema eine wichtige Sitzung angesetzt gewesen sein. Am Morgen desselben Tages wurde Herrhausen von einem RAF-Kommando ermordet. Eine Bombe, die auf einem Fahrrad befestigt war, explodierte, als er in seinem Dienstwagen vorbeifuhr. Sein Chauffeur kam mit leichten Verletzungen davon, litt aber noch lange unter dem Gefühl, dass er seinem Chef nicht helfen konnte.