Bei den Erben der Massai - DER SPIEGEL
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Bei den Erben der Massai: Das Feld von Musa Mollel

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Bei den Erben der Massai Das Feld von Musa Mollel

Die Ohrläppchen des Großvaters waren so lang, dass er sie zweimal um die Ohren wickeln musste. Beim Zivildienst in Tansania lernte Lars Velten die Massai-Familie Mollel kennen - drei Generationen Afrika, deren Leben sich rasant veränderte.
Von Lars Velten
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Von meinem Opa weiß ich, was ein Bach mit Frauen und Leoparden zu tun hat", erzählte mir mein tansanischer Freund Lennard Musa Mollel. "Ein schnell fließender Bach ist sehr flach, und auch ein angriffslustiger Leopard oder eine schnelllebige Frau haben sich schnell erschöpft. Stille Wasser aber sind tief und gefährlich. Mein Opa musste so etwas wissen, denn als er jung war, war er ein echter Massai." Ein echter Massai, das heißt ein Kuhhirte, ein Nomade.

Ich lernte Lennard während meines Zivildienstes in Tansania kennen. Oft trafen wir uns auf dem Fußballplatz, Lennard war der Kapitän der Mannschaft von Arushaa-Baraa, meiner tansanischen Heimat auf Zeit. Mit Spannung hörte ich zu, wenn er von seinem Großvater sprach, der als Massai eine Lebensweise pflegte, die sich seit der Eisenzeit kaum verändert zu haben schien.

Als sein Großvater Mzee Mollel älter wurde, so erzählte mir Lennard, gab er das Nomadenleben auf; er verkaufte seine Kühe (für einen echten Massai eigentlich auch heute noch unvorstellbar) und erwarb Land im Dorf Baraa, im Gebiet der Waarusha. Die Waarusha sind ehemalige Massai, die sich in der Gegend südlich des Mount Meru niedergelassen haben und Ackerbau betreiben - seit ungefähr 150 Jahren.

"Als mein Opa alt war, waren seine Ohrlöcher so groß geworden, dass er seine Ohrläppchen zwei Mal um die Ohren wickeln musste", erzählte Lennard. Aus europäischer Perspektive kamen mir die alten Massai-Männer oft wie Geister einer vergangenen Epoche vor. Ein Großonkel Lennards lief fast jeden Sonntag stundenlang von seinem Dorf quer durch die Großstadt Arusha, vorbei an Taxis, Hochhäusern, Friseursalons und Supermärkten, um bei seinen Verwandten in Baraa ein Mittagessen und vielleicht die 200 Schilling (12 Eurocent) für die Rückfahrt mit dem Bus zu bekommen.

Ohne Schuhe und Uniform in den Krieg gegen Idi Amin

In Baraa wurde Musa Mollel, Lennards Vater, geboren. Oft saß ich mit diesem inzwischen 50 Jahre alten Mann im "Wohnzimmer" der Lehmhütte, die die Familie Mollel bewohnt. Am liebsten erzählte er von dem einzigen Mal, als er das Dorf und seine unmittelbare Umgebung verlassen hatte - im Krieg Tansanias gegen den ugandischen Diktator Idi Amin.

"Als ich so alt war wie ihr", so erzählte er mir und Lennard, "ging es los. Auf Lastwagen fuhren wir am Grabenbruch entlang, durch Singida und Shinyanga, bis zum Viktoriasee. Auf einem Schiff kamen wir nach Uganda. Dort ging es zu Fuß weiter. Bei strömendem Regen hieß es marschieren, marschieren, marschieren. Wir hatten weder Zelte, noch ordentliche Schuhe, noch Uniformen. Wir schliefen im Matsch. Wir tranken Matsch. Wir aßen Matsch. Unser größter Feind war der Durchfall - manch einer hat seine Angriffe nicht überlebt. Zwar hatten wir alle eine Waffe, aber damit umgehen konnten wir nicht. Hätten die Ugander angegriffen, wären wir alle gestorben." Doch Musas Kompanie geriet in kein Gefecht. Ihren Sold sahen die 60.000 jungen Männer, die wie Musa ohne vorherige Ausbildung als Hilfssoldaten eingezogen worden waren, nie. "Die Soldaten wurden bezahlt", so Lennards Vater, "wir nicht."

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg setzte Musa Mollel sein Leben als einfacher Bauer fort. Er heiratete, wurde Vater von sieben Kindern und besitzt heute ein Bananenfeld, ein Maisfeld, ein Gemüsefeld, ein Zwiebelfeld, eine Kuh, zwei Ziegen und ein paar Hühner. Die Zwiebeln dienen dem Verkauf, alles andere ausschließlich der Ernährung der Familie. Bargeld ist immer knapp. Abends sitzt die Familie im Dunkeln, wenn ich zu Gast war, wurde eine Ölfunzel angemacht. Der einzige Luxus der Familie ist ein batteriebetriebenes Radio, das Neues aus aller Welt berichtet.

Als Schatzsucher verschollen

"Gibt es in Deutschland eigentlich Wildschweine?", wollte Musa Mollel wissen. "Wird der deutsche Präsident genau so demokratisch gewählt wie unserer? Stimmt es, dass in Deutschland die Leute Privatflugzeuge besitzen? Gibt es in Deutschland Nomaden?" Gespannt lauschte er meinen Antworten, und obwohl ich mir Mühe gab, denke ich, dass ein Großteil meiner Erklärungen ihm äußerst unwirklich vorgekommen sein müssen.

Von Musas Kindern - Lennard ist der drittjüngste - habe ich während meiner Zeit als Zivi in Baraa sechs kennengelernt. Seine beiden ältesten Töchter sind mit Bauern verheiratet und haben selbst schon jeweils Kinder. Sein ältester Sohn, Peter, folgte dem Strom der Schatzsucher nach Mererani, dem einzigen Ort der Welt, an dem das wertvolle Mineral Tansanit abgebaut wird.

Gelegentlich schafft es Mererani bis in die europäischen Nachrichten - mit Unglücksfällen, Fällen von Kinderarbeit und Ausbeutung, oder als Beispiel für die Drastik der AIDS-Problematik in Gegenden mit vielen Wanderarbeitern. Peter traf ich nicht - er gilt seit vier Jahren als verschollen.

Musas zweitältesten Sohn lernte ich nur flüchtig kennen, er ist "Msela wa mtaani" in der Großstadt Arusha. Dieser Ausdruck bezeichnet arbeitslose Jugendliche, die sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten. Vielleicht wird er eines Tages zurück ins Dorf kommen, denn in der Stadt hat er mit wenig Bildung kaum Perspektiven.

Viele Geschäfte, wenig Geld

Lennards jüngere Geschwister gehen beide noch zur Schule. Er selbst hatte in dem Jahr, bevor ich ihn kennenlernte, die Realschule abgeschlossen. Während meiner Zeit in Baraa machte er das, was auch deutsche Jugendliche nach dem Schulabschluss oft machen: Erst einmal abwarten, wohin der Weg denn führen wird. Lennard wusste allerdings, was er machen wollte. Er wäre am liebsten Touristenführer geworden, Fahrer eines Safari-Jeeps in der Serengeti.

Doch die Ausbildung kostet mindestens 2000 Dollar, dazu kommen die Kosten für den Führerschein. Natürlich hatte Lennard dieses Geld nicht. So saßen wir oft nach dem Training am Rand des Fußballplatzes und überlegten, wie es weitergehen könnte. "Ich muss etwas arbeiten", sagte Lennard, "und dann mit dem Geld Geschäfte machen. Dann kann ich wenigstens den Führerschein machen. Als Kleinbusfahrer verdiene ich mehr, und wenn ich weiter spare, kann ich mir die Ausbildung vielleicht leisten."

Und so arbeitete Lennie: Als fliegender Telefonkartenverkäufer, als Laufbursche auf Baustellen, als Ofenhandwerker, später drei Mal als Träger für Kilimanjaro-Bergsteiger. Er kaufte ein Huhn, verkaufte die Eier (ein Geschäft, das fehlschlug); er kaufte Saatgut, und baute auf eigene Rechnung etwas Gemüse an (ein Geschäft, das gelang). Doch Geld sparen ist nicht leicht in Afrika: Ein enges Netz aus Freunden und Verwandten spannt jeden ein.

Überraschende Neuigkeiten

"Am besten wäre es", meinte ich einmal zu Lennard, "dein Vater würde eins seiner Felder verkaufen, und das Geld in die Ausbildung von dir und deinen jüngeren Geschwistern investieren. Baraa ist inzwischen ein beliebter Vorort Arushas geworden; du siehst das ja an eurem Nachbarn Mohammed, der als Ballonpilot für den Safari Veranstalter "Serengeti Select" arbeitet und stolzer Besitzer des drittschicksten Hauses in Baraa ist. Die Grundstückspreise sind ganz schön hoch, eigentlich ist es ökonomisch Quatsch, hier weiterhin Landwirtschaft zu betreiben." Doch wir konnten uns beide nicht vorstellen, dass Musa ein Feld verkaufen würde.

So hatte Lennard, als ich nach meinem Jahr Zivildienst abreiste, gerade einmal die Hälfte der Kosten eines Führerscheins zusammen.

Neulich habe ich wieder einmal mit Lennard telefoniert, und ich fiel fast vom Stuhl, als er mir seine Neuigkeiten erzählte: Er macht jetzt auf einem guten College eine Ausbildung zum Tour Guide. Sein Vater hat tatsächlich eines seiner Felder für 5000 Dollar verkauft. Unvorstellbar viel Geld. Natürlich ist der Erfolg noch lange nicht sicher: 5000 Dollar reichen für eine wirklich gute Ausbildung für Lennard und für seine beiden Geschwister kaum aus. Doch wenn alles klappt, dann beginnt Lennard in zwei Jahren als Touristenführer zu arbeiten.