Berlin in den Achtzigern: Ein Münchner in der Hölle
Berlin in den Achtzigern Ein Münchner in der Hölle
Anfang der achtziger Jahre waren Münchner Studenten wie ich einfach fasziniert vom Gestank Berlins. Steinkohleduft aus dem Westen und Braunkohleduft aus dem Osten vermischten sich zu einem Odeur, das nach Freiheit und Abenteuer roch. Eine Stadt ohne Sperrstund, dafür mit riesigen Wohnungen und billigen Mieten. Tausende junge Leute kamen, weil sie der Bundeswehr entfliehen wollten. Oder um einer künstlerischen, weltanschaulichen oder erotischen Subkultur beizutreten.
1984, ich war gerade mal 22 Jahre alt, ging ein Trupp der Mutigsten von uns für ein Studienjahr ins preußische Ausland. Kein Fachbereich, kein Professor lockte uns in die exponierte Teilstadt; allein ihr legendäres Nacht- und Kulturleben. Es fing zahm an: In der Schaubühne am Lehniner Platz sahen wir Bruno Ganz als helvetischen Hamlet. Die mehr als fünf Stunden dauernde Inszenierung von Klaus Michael Grüber strapazierte unser Hirn - und unsere Hintern. Die Schaubühne von Regisseur Peter Stein war ein sehr ernsthaftes Theater und hatte mit dem Kindergarten, der sich heute dort befindet, nicht das Geringste gemein.
In der Cuvrystraße in Kreuzberg, einem Stadtteil am Rande der Zivilisation, sahen wir "An der großen Straße" von Tschechow, ebenfalls inszeniert von Grüber. Wir verehrten diesen Regisseur wie einen Heiligen. Im heute modischen, internationalen und von Touristen heimgesuchten Kreuzberg breitete sich in jenen Tagen eine Wildnis aus, die man sich inzwischen kaum mehr vorstellen kann.
Treffpunkte von Jeunesse Dorée und Prominenz
Künstlertreffpunkt Nummer eins war damals das Lokal "Exil" am Paul-Lincke-Ufer. Diese Kreuzung von österreichischem Restaurant und Berliner Kneipe zog besonders nach Mitternacht bizarre Wesen an, die man bei Tageslicht auf den Straßen Berlins nicht zu Gesicht bekam. Gut österreichisch aß und trank man auch im "Café Einstein" in der Kurfürstenstraße und im "Bovril" am Kudamm, wo wir Filmstars wie Marianne Hoppe und die "flambierte Frau" Gudrun Landgrebe ebenso erspähten wie den Schriftsteller Botho Strauß.
"Mario" in der Leibnitzstraße galt damals nicht nur als der beste, sondern auch als der stilvollste Italiener, das mattgraue Interieur stammte von Vittorio Lampugnani. Ein paar Schritte weiter lockte das pseudorussische Buffettrestaurant "Ax Bax". Es war ebenso angesagt wie die "Paris Bar" in der Kantstraße, damals noch Treffpunkt von Jeunesse Dorée und Prominenz. Lang ists her!
Eine Stadt in schwarzweiß
Mit dem Falk-Plan in der Hand spazierte ich durch die ehemalige Reichshauptstadt und stellte fest, dass alles etwa vier Mal so weit auseinander war, wie ich es mir nach der Karte vorgestellt hatte. München war eine Stadt in Pastelltönen, Berlin in Schwarzweiß. Ich kam in einem hübschen Zimmer bei der Schauspielerin Ellen Esser unter, die man aus dem Film "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" kennt. "Hier ist jeder beim Film" schrieb Bodo Morshäuser in seinem damals sehr erfolgreichen kleinen Roman "Die Berliner Simulation".
Ellen vollendete gerade ihr Theaterstück "Und ich beweg mich doch" über weibliche Selbstverwirklichung, das sie bald darauf mit großem Erfolg inszenierte. Ihren zupackenden Humor lernte ich schon vor der Premiere kennen. "Du stehst da wie ein Münchner Bourgeois", bemerkte sie, als sie mich zum ersten Mal sah. Sie kannte in Berlin jeden und war so freundlich, ihr Wissen und ihre Kontakte mit mir zu teilen. Ihre Wohnung lag in der Nähe der vierspurigen Allee Südwest-Korso im baumreichen Stadtteil Friedenau. Hier gab es mehr Schriftsteller als Zebras im Zoologischen Garten.
Protestantisch, preußisch, proletarisch: Die Unheilige Dreifaltigkeit
Als Münchner Kunstgeschichtsstudent tat ich mich in der Berliner Szene alles andere als leicht. Auf den ersten Blick sah man mir an, dass ich zum Klassenfeind gehörte. Die diskriminierten Minderheiten der Bundesrepublik hatten sich in West-Berlin in diskriminierende Mehrheiten verwandelt. Wer nicht schwul oder lesbisch war oder mit einem aus den zwanziger Jahren überkommenen Proletkult auftrumpfte, hatte es schwer. Nicht anders als in der Zeit von Bertolt Brecht und Wladimir Majakowski waren es Bürgersöhne, die den Anzug aus- und die Lederjacke anzogen und damit bereits glaubten, ihre persönliche Revolution vollzogen zu haben. Die Bundesrepublik wurde als "Westdeutschland" oder "Wessiland" abgetan. Am heftigsten von jenen, die selbst gerade von dort kamen.
Der halbseidenen Schickeria von München stand hier eine spätexistentialistische Schar von Möchtegernkünstlern gegenüber, deren Uniform schwarze Kleidung und Lederjacke war. Eine echte Bohème gab es freilich weder in München noch in Berlin. Dort musste alles schick und teuer sein, hier kategorisch und doktrinär. Protestantismus, Preußentum und Proletkult verbanden sich im West-Berlin der achtziger Jahre zu einer Unheiligen Dreifaltigkeit, die man kritiklos anzubeten hatte, wollte man nicht geschmäht und ausgestoßen werden.
Es gehörte zum guten Ton, sich gegenseitig im schlechten Benehmen zu überbieten. Man lief in Räuberzivil herum und redete in einem aufgesetzten, alles durchdringenden Jargon. Ein Mädchen war "die Frau", ein Mann "der Typ". Am meisten störten mich die demonstrative Duzerei und das an jeden dritten Satz angehängte "Äy".
Reaktionär und schlecht gekleidet
Schlimmer jedoch als die zugleich individualisierte und proletarisierte Szene war ein Bürgertum, das keines war. Koofmich-Kreise, halbkriminelle Baulöwen und lokaler Filz teilten die abgeschottete Stadt unter sich auf. Die lokale Presse schien mir verkalkt und muffig. Im Grips-Theater kam damals eines der erfolgreichsten Musicals der deutschen Geschichte heraus: "Linie 1", eine U-Bahn-Revue voller schmissiger Melodien. Der 47jährige Theaterleiter Volker Ludwig schrieb mit dem Song "Wilmersdorfer Witwen" einen bis heute vielzitierten Klassiker, in dem er die Unstadt West-Berlin als reaktionär und letztendlich in den dreißiger Jahren steckengeblieben entlarvte.
Die Jugend von West-Berlin suchte sich verzweifelt gegen die ältere Generation abzugrenzen, doch ihre Lederjacken wirkten wie umgearbeitete Ledermäntel ihrer Großväter. Einst brauchte man den Ariernachweis, nun den Proletariernachweis.
Was mich am meisten erstaunte: Die Insulaner waren nicht im Geringsten neugierig auf das, was sich im Ostteil der Stadt tat. Ich ging oft "nach drüben" und stellte zu meiner Verblüffung fest, dass die DDR-Bürger in der Staatsoper unter den Linden besser gekleidet waren als die Besucher der Deutschen Oper in Charlottenburg. Auch in der Komischen Oper in Ost-Berlin zog man sich zu DDR-Zeiten besser an als später im wiedervereinten Deutschland.
Wie Kino in Wladiwostok
Dem an Münchner Premieren gewöhnten Studenten erschien das Charlottenburger Opernhaus in der Bismarckstraße wie ein Gruselkabinett. Außen Bunker, innen Schwimmbad, bevölkert von Musikfreunden, die gerade vom Campingplatz zu kommen schienen oder in Gummistiefeln über den Linolboden quietschten, besaß das Haus wenig Ähnlichkeit mit dem Münchner Nationaltheater. Festliche Stimmung kam gar nicht erst auf. "Eine Premiere in München: Ah!" schwärmte mir später der Münchner Pianist Josef Bulva vor, "Eine Premiere in Berlin dagegen: Das ist wie Kino in Wladiwostok!"
An der Bushaltestelle im Grunewald kam ich mit einem geheimnisvollen Herrn ins Gespräch, der mit seiner Baskenmütze an den Lyriker Stefan George erinnerte. Ich solle doch einmal in seine Vorlesung kommen, er sei Philosophieprofessor, sein Name sei Jacob Taubes.
Sein Institut an der Freien Universität war eine Kirche, in der der heilige Benjamin angebetet wurde. Dort liefen lauter unerlöst dreinschauende Jünglinge herum, die Benjaminoiden. Mein Mentor Hellmut Becker warnte mich: "Ich sehe Sie nicht gern bei diesen Taubes-Leuten!" Es gab dort aber auch vernünftige Leute wie den jungen Dozenten Norbert Bolz, den ich am Küchentisch als Fußballexperten kennenlernte.
Ein schwarzer Klotz voll Kunst
Man pinselte damals etwas, das man "Abstrakten Expressionismus" nannte und das bei mir heftige Anfälle von "Das-kann-ich-auch-malen!" verursachte. Neben der Leipziger Schule sollte dies die meistüberschätzte Richtung der deutschen Malerei werden. Mir verursachte bereits ein Besuch der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe Beklemmungen. Der schwarze Bungalow an der Potsdamer Straße war eines der zahlreichen freudlosen Gebäude von Berlin, in denen man Kunst nur im Trauerrand zelebrieren konnte.
Die Retrospektive zum 100. Geburtstag von Max Beckmann musste ich im Münchner Haus der Kunst und ebenhier besuchen. Ich weiß nicht, welches der beiden Gebäude diesem künstlerischen Werk mehr Gewalt antat. Der neoklassizistische Bau von Karl Ludwig Trost am Englischen Garten erschien mir weniger totalitär als der schwarze Klotz im Berliner Tiergarten.
Wer in München ein Mädchen ansprach, hatte eine Stunde später Lippenstiftreste auf der Backe. Wer in Berlin eines ansprach, lief Gefahr, einen Schlagring zwischen die Zähne zu bekommen. Was mich zunehmend verblüffte, war der Eindruck, dass die abgelegene, in jeder Hinsicht zurückgebliebene Stadt sich als die Spitze der Avantgarde fühlte. Angesichts des erstickenden Muffs von West-Berlin begann München in meiner Erinnerung immer lieblicher zu leuchten. Ich hielt das Jahr durch und kehrte an die Isar zurück. Nie ist München so schön, wie wenn man aus Berlin kommt. Heute haben wir eine heimliche Hauptstadt und eine unheimliche.