Berlin nach dem Krieg - DER SPIEGEL
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Berlin nach dem Krieg: Bleierne Schätze

Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Walter Steinkopf

Berlin nach dem Krieg Bleierne Schätze

Abenteuerspielplatz Schlossruine: Als Christian Felchow nach dem Krieg das zerstörte Schloss Charlottenburg erkundete, machte er eine kostbare Entdeckung. Der Polizei konnte der halbwüchsige Plünderer entkommen - seinen Fund verkaufte er gewinnbringend.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Majestätisch liegt es da, inmitten des Berliner Großstadttrubels - das Schloss Charlottenburg. Heerscharen von Touristen durchströmen Jahr für Jahr den hübschen Bau und seinen Park. Das fein herausgeputzte Stück Berliner Geschichte sah nicht immer so würdevoll aus. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war das Schloss arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Problemlos konnte man durch Ruine hindurch spazieren, was besonders im Winter viele Berliner taten, um auf kürzestem Wege zur Rodelbahn zu gelangen.

Damals gab es noch einen sehr großen Querbau, der sich unmittelbar vor dem Schloss befand und den direkten Blick auf die Orangerie versperrte. Nach dem Krieg war auch er eine Ruine. Im Parterre war nur noch eine einzige Wohnung bewohnt. Teile der Hauptfassade und das Eingangsportal mit seinen Plastiken und Inschriften waren noch vorhanden. Im Gebäude selbst dagegen war die Zerstörung total. Selbst die ehemals massive Wendeltreppe aus Eisen war so sehr zerstört worden, dass Erwachsene sie nicht mehr betreten konnten. Ich aber, damals noch Kind, wagte mich vorsichtig über die Treppe und gelangte so in die anderen Geschosse und sogar bis aufs Flachdach. Ein toller Ausblick!

Im vollends zerstörten Obergeschoss fand ich Holzkisten, in denen sich Lampenschalen befanden, wie man sie früher für Gaslampen verwendete. Da die meisten unbeschädigt waren, schaffte ich sie die Treppe herunter, um sie später im Trödelladen zu verkaufen und so mein mehr als knapp bemessenes Taschengeld aufzubessern. Da fiel mir auf, dass nahezu alle Gas- und Wasserleitungen, die aus den aufgerissenen Wänden ragten, aus Blei bestanden, einem damals äußerst wertvollen Rohstoff, für den es nicht nur ein paar wenige Pfennige wie für die Lampenschirme gab.

Ich musste also unbedingt einen Weg finden, die Leitungen aus der Wand zu bekommen, ohne allzu viel Lärm zu machen. Ich versuchte es mit einem Seil, das ich um den Deckenauslass einer Lampenleitung schlang. Als ich mich an das Seil hing, fiel ich samt Bleirohr eine Etage tiefer. Der Boden unter mir war eingebrochen. Der Krach war so groß, dass der Mieter aus dem Parterre aus seiner Wohnung kam und in die Ruine hinaufschaute. Als er nichts entdecken konnte, rief er die Polizei. Aber als die Uniformierten kamen, trauten sie sich aus Sicherheitsgründen nicht in die Ruine.

Schließlich entdeckten sie mich durch ein Deckenloch. Sie baten mich inständig, herunterzukommen und versprachen mir sogar, meinen Eltern nichts von alledem zu sagen. Aber ich traute dem Frieden nicht und stieg lieber hoch aufs Dach, von wo aus ich alles Weitere beobachten wollte, ohne selbst gesehen zu werden. Ein Wachposten wurde vor der Ruine abgestellt. Er sollte mich schnappen, sobald ich zu flüchten versuchte. Als es langsam dunkel wurde, rief er mir immer wieder zu, ich solle herauskommen. Irgendwann gab er auf und ging über die Straße in sein Revier, worauf ich flink und unbemerkt die Ruine verlassen konnte.

Es dauerte schließlich einige Tage, bis ich einen Schrotthändler fand, der bereit war, von mir, einem Kind, Blei anzunehmen. Für den Transport verwendete ich einen alten Kinderwagen. Mit einer darüber gebreiteten Decke brachte ich die heiße Ware gemeinsam mit einem Freund zu dem Händler. Es war eine ganz schöne Plackerei den Spandauer Berg hinauf, aber der Verdienst war enorm. Wir waren gemachte Jungs und frönten für eine Weile unserem geheimen Nachkriegsreichtum.