Berlin vor dem Mauerfall - DER SPIEGEL
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Berlin vor dem Mauerfall: Ein heikler Badeausflug

Foto: Adriano Coco

Berlin vor dem Mauerfall Ein heikler Badeausflug

Hochsommerliche Temperaturen und eine Jugenderinnerung: Weil sich Ex-Ostberliner Adriano Coco nach dem klaren Wasser des Liepnitzsees sehnte, machte er sich im August 1989 auf zu einem riskanten Ausflug in die Mark Brandenburg - und erlebte ein Polit-Abenteuer.
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"Quatsch!" So kurz und bündig fegten wir am 13. August 1989, dem 28. Jahrestag des Mauerbaus, alle geäußerten Ängste vom Frühstückstisch und beschlossen trotz aller Gefahren einen Ausflug an den Liepnitzsee bei Wandlitz im Nordosten von Berlin. Der Frühstücksstisch stand in Charlottenburg und unsere BRD-Reisepässe galten zwar für spontane Trips, aber nicht fürs DDR-Umland. Es war Sonntag, es war heiß und die Sehnsucht nach einem erfrischenden Wiedersehen mit dem klaren Liepnitzsee in der Mark Brandenburg, der Insel und den Schatten spendenden Buchen ringsherum war größer als jede Furcht, von Volkspolizisten erwischt zu werden. Fünfzehn Jahre lag der letzte Ausflug zurück, den ich damals noch als Ost-Berliner unternommen hatte.

In jenem Sommer 1989 ging es auch innenpolitisch in der DDR heiß her. Ungarn hatte mutig bereits das erste Loch in den Eisernen Vorhang geschlagen. Immer mehr Menschen wollten raus aus Erich Honeckers Staat. Erster Schritt in ein neues Leben war für viele die westdeutsche Botschaft in Prag und die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der Hannoverschen Straße im Ost-Berliner Bezirk Mitte. Die diplomatischen Vertretungen platzten vor Flüchtlingen aus allen Nähten.

Diese Situation ermutigte auch uns. Wir spekulierten darauf, dass die gefürchteten DDR-Sicherheitsorgane - ob mit oder ohne Uniform - gerade am Jahrestag des Mauerbaus an die innerstädtische Grenze und in die Dissidentenszene abkommandiert sein würden, statt am Stadtrand harmlose illegale Ausflügler aufzuspüren.

Die Mittagszeit war schon vorüber, als wir auf dem Grenzbahnhof Friedrichstraße mitten im geteilten Berlin ankamen. Obwohl hier die ungefährlichste Hürde zu überwinden war - schließlich hatten wir gültige Pässe und waren ohne "Waren, Geschenke, Waffen, Munition, Funkgeräte" und schwarz getauschtes Ostgeld unterwegs - wurde uns doch sehr mulmig angesichts der Soldaten und Warteschlangen vor den Einlassschleusen.

Mit dem "Ferkeltaxi" ins Umland

Dann endlich, mit den Pässen in den Händen und dem Zwangsumtausch von 15 West- in 15 Ostmark im Portemonnaie - der Schwarzmarktkurs betrug, nebenbei bemerkt, bis zu 1:8 - konnten wir aufatmen und in die S-Bahn nach Karow steigen.

Im flirrenden Sonnenlicht war zwischen Ost- und West-Berlin gar kein so krasser Unterschied zu bemerken. Die Osthälfte war ebenso leer wie die Westhälfte. Wer konnte, war hüben wie drüben auf Ferienreise oder im Grünen.

Glück in Karow. Der Schienenbus, im DDR-Volksmund damals "Ferkeltaxi" genannt, wartete schon und brachte uns ins Umland. Nochmals verstärktes Herzklopfen an der Berliner Stadtgrenze in Schönerlinde und dann Augen zu und durch. In Wandlitz konnten wir dann endlich raus. Doch Stärkung musste noch sein, bevor es weitergehen würde zum Wander- und Badevergnügen an den Liepnitzsee. Mittagessen gab es im Restaurant vis-à-vis der Badeanstalt am Wandlitzsee zwar nicht mehr, doch der freundliche Kellner tröstete uns, die harten Westdevisen witternd, mit dem Trinkerspruch: "Zwei kleine Bier sind auch ein Schnitzel." Für die diskret zugesteckten zehn Westmark versprach er dann eine Reservierung zum Abendessen. Klappte - und schmeckte auch.

Staubig war der Weg zum Liepnitzsee und streckenweise stank es jämmerlich. Zwischen Privatbungalows, Ferienlager und "Urlaubsobjekten" (wie es im DDR-Jargon hieß) von volkseigenen Betrieben befand sich damals noch eine Schweinemästerei. Keine Menschenseele begegnete uns auf dem drei Kilometer langen Marsch zum See. Doch so als befänden wir uns in einem falschen Film, überholte uns plötzlich ein VW-Golf mit westdeutschem Helmstedter Kennzeichen.

"Komm doch her, du alter Stasi!"

Für meine Begleiterin, zufälligerweise auch eine gebürtige Helmstedterin, war dies ein angstbefreiender Wink des Himmels. Obwohl sie ihre Furcht gekonnt verborgen hatte, war sie mir doch mehr als skeptisch ins verbotene Berliner Umland gefolgt. Nur einmal, beim Baden im unvergleichlich klaren Liepnitzsee, bekam sie dann doch noch richtig Angst: um die am Ufer zurückgelassenen Pässe. "Die wollen doch alle abhauen", gab sie zu bedenken.

Der Nachmittag neigte sich dem Abend zu und wir erreichten die Fähre am südlichen Seeufer. Ob es auf der anderen Seite auch einen Weg zum Bahnhof Wandlitzsee gebe, wollten wir vor dem Übersetzen wissen. Ja, lautete die freundliche Antwort, immer in westlicher Richtung am See entlang und dann am "Objekt" vorbei. Gut, dass ich orts- und ostdeutschkundig war. Denn hinter "Objekt" verbarg sich ein Wassergrundstück, das zur nahen Waldsiedlung gehörte, dem Wohnghetto der DDR-Führung, in dem man sich vom wirklichen Leben abschottete. Heute ist das "Objekt" eine öffentliche Badeanstalt. Leider stehen die reetgedeckten Fischerhütten im Baustil der wendischen Ur-Siedler nicht mehr. Die SED-Politbüro-Prominenz hatte sie sich für Grill-Diners in Steinzeitambiente bauen lassen.

Auf unserer Rückfahrt öffneten sich in Karow die Türen des "Ferkeltaxis" unter leisem Zischen und Unglaubliches kam uns zu Ohren: "Komm doch her, Du alter Stasi, wenn Du Dich traust. Schon 131 Flüchtlinge in unserer Botschaft! Wenn ich noch rein käme, wär' ich der 132.!" Zwar rührte der Mut des Ost-Bürgers, der da lauthals krakeelte und mit "unserer Botschaft" die Ständige Vertretung West-Deutschlands in der DDR meinte, von einem veritablen Bierrausch her, aber uns stockte der Atem ob dieser gefährlichen Offenheit.

Berlin brodelt

Staunend beobachten wir die Szenerie. Der Bahnsteig war voller Menschen, die sichtlich erholt aus dem Wochenende auf dem Weg zurück in die brütend heiße Stadt waren. Alle sahen betreten weg von dem Mann und seiner Frau, die versuchte, ihn zu besänftigen. Aber das Wegsehen geschah nicht mit der sonst angewiderten Peinlichkeit gegenüber einem Betrunkenen, sondern mit einer unübersehbaren, wohlwollenden Billigung des alkoholisierten Wutausbruchs. Und unfassbar für uns Wessis war: Der Mann blieb unbehelligt. Kein Polizist kam und auch keine betont unauffällig gekleideten Herren mit Schlenkertäschchen am Handgelenk und grauen oder beigen, weich besohlten "Leisetreter-Schuhen" sprangen überfallartig hinter Bahnhofspfeilern hervor.

Stattdessen kam - erlösend für alle - der Zug in Richtung Friedrichstraße. Mit deutlich gesteigertem Puls bestiegen wir das Abteil, mehr ahnend als wissend, an diesem 28. Jahrestag des Mauerbaus eine DDR erlebt zu haben, in der die Angst vor dem allgegenwärtigen und übermächtigen SED-Staat und seinen "Sicherheitsorganen" auf damals noch unfassbare Weise im Dahinschwinden inbegriffen war. Drei Monate später wussten wir, dieser Hochsommertag war historisch. Es war der letzte 13. August in einem geteilten Berlin. Am 9. November fiel die Mauer.

Wenn wir jetzt an herrlichen Sommertagen vom idyllischen Liepnitzsee ins brodelnde Berlin zurückkehren, ist zum Glück nur noch eines so, wie es am 13. August 1989 war: das unbeschreiblich angenehme Gefühl auf der Haut und in den Haaren nach einem Bad im Liepnitzsee, dem keine Badelotion und keine Haarspülung der Welt das Wasser reichen kann. Unbedingt hinfahren!