Berufswunsch Steinewerfer: Der Tag, an dem das Volk aufstand
Berufswunsch Steinewerfer Der Tag, an dem das Volk aufstand
Seit meiner frühen Kindheit war ich auf der Suche nach Freiheit, obwohl ich den Sinn des Ideals noch eigenwillig verstand. Freiheit war draußen im Freien, dort, wo ich herumtoben konnte und niemand mir Grenzen setzte. Unfreiheit waren Verbote und Strafen. Kaum war ich neun Jahre alt geworden, trat ich ahnungslos in die Zeitgeschichte ein: Ich bekam laute Rufe nach Freiheit zu hören. Die weckten meine Neugierde und verlockten mich dazu, mich in die Geschehnisse zu trollen, die in die Geschichtsbücher eingehen würden. 17. Juni 1953: Ich stand mit staunenden Augen im Ostsektor von Berlin am Straßenrand der Stalinallee.
Der Nervenkitzel hatte mich in diesen Teil der Stadt getrieben. Ich hatte im Radio Tags zuvor von einem Volksaufstand gehört. Da wollte ich hin. Wollte sehen, wie das ist, wenn ein Volk aufsteht, obwohl ich nicht wusste, was das bedeutet. Ich stand also wie immer frühmorgens auf, wusch mich und zog meine Kleider an, frühstückte ungeduldig, packte das Pausenbrot ein und machte mich auf den Weg zu meiner Schule. An der ging ich vorbei und ließ sie hinter mir. Ich lief die kleine Straße entlang und bog an deren Ende in die größere nach rechts. Gegenüber der Johanneskirche versteckte ich meinen Schulranzen unter einem dornigen wilden Rosenbusch.
Dann lief ich die Strecke neben den Schienen der Straßenbahn entlang einige Hundert Meter weiter, bis ich eine Straße nach links abbog, die zur S-Bahn führte. In die stieg ich ein. Die Fahrt kostete, glaube ich, nur einen Groschen. Den opferte ich von meinem Taschengeld für den Volksaufstand. Dreißig Pfennig bekam ich die Woche; in langen Monaten kam eine Mark fünfzig zusammen. Viel Geld! Ich löste also an der S-Bahnstation in Berlin-Lichterfelde-West ein Ticket, bestieg die S1 und fuhr bis zur Friedrichstraße an der Sektorengrenze. Grenzkontrollen, zumal für kleine Jungen, gab es hier nicht. Dort stieg ich in eine S-Bahn um, die zum Alexanderplatz im Ostteil der Stadt führte. Dem Bahnhof entstiegen, rannte ich eilenden Schrittes lauten Rufen nach, die von der Stalinallee her kamen.
"Einheit, Recht und Freiheit", riefen die Erwachsenen. Männer bewarfen sowjetische Panzerspähwagen mit Steinen. "Am Potsdamer Platz", hörte ich Stimmen schreien, "sind sowjetische Panzer aufgefahren! Es wird geschossen!" Die Massen wurden unruhig. Ich rannte in dem Tumult zwischen den Großen die Stalinallee hinauf zum Alexanderplatz, dann links die Karl-Liebknecht-Straße hinunter und immer weiter geradeaus die lange Strecke Unter den Linden entlang, bis ich mit den anderen erschöpft am Brandenburger Tor ankam. Aus allen Richtungen strömten die Menschenmassen. Fahnen schwingend schritten sie durch das Tor in die Freiheit im Westen. Es gab noch keine Grenzmauern in der geteilten Stadt und auch keine Kontrollposten.
Atemlos spürte ich den Wind der Freiheit, ohne zu begreifen, worum es hier eigentlich ging. Ich wusste die Sprechchöre der Streikenden gegen die Obrigkeit des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaats noch nicht zu deuten. Aber ich hatte den Sinnenrausch der Revolution genossen, und ich beschloss, auch einmal älter zu werden und nach Freiheit zu rufen und mit Steinen zu werfen.
Zum Weiterlesen:
Der Text ist ein (leicht geänderter) Auszug aus Björn Pätzoldts Buch "Draußen ist Freiheit: Eine deutsche Nachkriegsbiographie".