Bestattungs-Riten - DER SPIEGEL
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Bestattungs-Riten: Gevatter Tod als Familienmitglied

Bestattungs-Riten Gevatter Tod als Familienmitglied

Spiele im Sarg, eisgekühlte Verstorbene und eine auf Schmalzkuchen versessene Leichenfrau: Als Schüler freute sich Helmar Meinel auf jede Beerdigung, denn dann gab es "Kreuzgeld". In seinem kleinen Heimatdorf im Vogtland hatte der Tod seinen festen Platz im Leben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lange Wollstrümpfe, die im Sommer arg juckten, ein weiter schwarzer Umhang mit Schalkragen und ein samtenes Barett im Martin-Luther-Schnitt. Das war die Trauertracht, in die ich mich kleiden musste, wenn ich bei den Beerdigungen das zwei Meter hohe Stangenkreuz mit der silbernen Christusfigur voranzutragen hatte. Am offenen Grab war mein Platz am Kopfende des Sargs, und je nach der Wichtigkeit des Entschlafenen in der dörflichen Gemeinschaft konnte sich die Abschiedszeremonie mit langatmigen Reden, Chorgesang und donnernden Ehrensalven der Schützen schon mal eine kleine Ewigkeit hinziehen. Dann war ich froh, wenn ich das schwere Utensil mit der Steckverbindung hinterher in zwei Teile zerlegen und unter dem Arm nach Hause tragen konnte. Mit einer Reichsmark als Lohn war ich der Krösus unter meinen Klassenkameraden.

Da mein Großvater Möbel- und Sargtischler war, wäre es geradezu geschäftsschädigend gewesen, sich nicht schon in der Jugend aktiv in der Trauerarbeit zu engagieren. Ende der dreißiger Jahre bis in den Krieg hinein lebten in ihr die seit Jahrhunderten unveränderten Bräuche fort und hielten die Dorfgemeinschaft in allen Lebenslagen von der Wiege bis zur Bahre intakt. Gevatter Tod gehörte zur Familie.

Beerdigung als Event

Die Beerdigungen auf dem sogenannten Gottesacker, dem im kleinen Luftkurort Wernitzgrün idyllisch am Wald gelegenen Friedhof in fast 700 Metern Höhe, hatten Ereignischarakter. Das ganze Dorf ging mit - und die Häuser waren, im sprichwörtlichen Sinne, wie ausgestorben an solchen Nachmittagen. Anonyme Bestattungen, Beisetzungen ohne Trauernde waren damals undenkbar.

Vielmehr war es selbstverständlich, dass am offenen Grab auch der ärgste Feind dem toten Nachbarn die letzte Ehre erwies. Darüber wachte schon die geheime Dorfpolizei, ein loser Zirkel von Klatschweibern, denen nichts entging. Nachreden wie "Der kam ja nicht mal zur Beerdigung seiner Großmutter!" konnten auf Jahre hinaus gesellschaftliche Ächtung bedeuten.

Für die heutige Gesellschaft mit ihrem Todestabu, ihrer Entsorgungsmentalität und dem Hygienewahn bleibt es unvorstellbar, dass die Verstorbenen seinerzeit vor der Beerdigung bis zu drei Tage lang - im Hochsommer schon mal mit Stangeneis vom fliegenden Händler gekühlt - im Hausflur im offenen Sarg aufgebahrt wurden, damit jedermann Abschied nehmen konnte.

Schon als Neuntklässlern war uns eine Scheu vor den Toten völlig fremd, wenn wir nach dem Unterricht zu zweit oder gleich grüppchenweise mit dem Ranzen auf dem Rücken zum Trauerhaus pilgerten, mit einem Diener stumm die letzte Ehre erwiesen und nicht zuletzt unsere kindliche Neugier befriedigten. Nicht selten waren die Verstorbenen ja Omas oder Opas unserer Mitschüler. Außerdem nicht zu verachten: Als Dank für den kindlichen Kondolenzbesuch gab es immer ein Stück vom traditionell zu Beerdigungen gebackenen Streuselkuchen.

Himmel oder Hölle?

Außergewöhnliche Aufwendungen für die Bewirtung bei Trauerfällen waren auch im Hause meines Großvaters Tradition. Nach getaner Arbeit erschien beim Sarglieferanten nämlich regelmäßig - zu einem offenbar beiderseits lohnenden Gedankenaustausch - die amtlich bestellte Bestattungshelferin des Sprengels aus dem nahen Erlbach, ohne Umschweife auch offiziell kurz Leichenfrau genannt, zum Nachmittagskaffee.

Zu ihr, einer in meiner Erinnerung nicht unbedingt diskreten Frau im Alter meiner Mutter, hatte ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis. Ihre Anwesenheit signalisierte zwar, dass zum Kaffee reichlich von dem Schmalzgebäck aufgetischt wurde, für das sie - ebenso wie ich - eine leidenschaftliche Vorliebe hegte. Negativ aber schlug zu Buche, dass es während ihrer Anwesenheit im ganzen Haus streng nach Desinfektionsmitteln roch. Die Formaldehydlösung, mit der sie beruflich umging, war offenbar dieselbe, in der die präparierten Frösche und Schlangen in unserem Biologieklassenzimmer schwammen.

Die langjährige gute Nachbarschaft mit den Menschen im Dorf machte in der letzten Lebensphase schließlich auch die Fertigung des mit viel Symbolik zugeschnittenen Sargs zu einer ganz individuellen Dienstleistung. Dazu begab sich der Großvater im dunklen Anzug mit Zollstock und Musterbuch ins Trauerhaus. Ein verstorbener Musiker bekam schon mal einen Geigenbogen auf den Sargdeckel geleimt, ein Forstwart ein hölzernes Geweih, ein strammer Nazi ein Hakenkreuz - wie auch immer diese Weichenstellung dann im Jenseits die Himmel-oder-Hölle-Entscheidung beeinflusst haben mag.

Als Sargpilot an der Werkstattdecke

In der beengten Werkstatt des Großvaters wurden die beiden handgetischlerten Schalen der sogenannten Kiste aus Platzgründen und zum Trocknen vor der Lackierung mit einem Flaschenzug nach oben gezogen. In der Mittagspause geschah es nicht selten, dass meine drei älteren Cousins mich im Alter von fünf, sechs Jahren in dem Unterteil des Sargs, der Wanne, an die Decke hievten, um dem von ihnen ausgedachten Kriegsspiel "Deutsches Luftschiff bombardiert London" zu frönen.

Aus der äußerst unbequemen Aufhängung unmittelbar unter der Zimmerdecke heraus musste ich Holzstückchen vom Abfall der Tischlerei als Bomben aus dem Sarg abwerfen, während ich gleichzeitig unter lebhaftes Flakfeuer ähnlichen Kalibers von unten genommen wurde.

Dieses für die damalige Zeit typische Jungenspiel mit leicht makabrer Note - wir kannten ja meist den künftigen Einlieger des Sargs persönlich - sollte für uns alle im nur wenige Jahre später folgenden Krieg zur bitteren Realität werden: Für mich, den Jüngsten, als Flakhelfer 1944 in den Bombennächten von Berlin mit glimpflichem Ausgang. Für die drei älteren Cousins im blühenden Alter von knapp über 20 in der Tragik ihres frühen Todes als Soldaten an der Ostfront. Niemand in der Familie hat es ausgesprochen, aber alle wussten, dass meine Cousins Ludwig, Werner und Rudolf nicht würdevoll in Särgen beerdigt worden waren, wie sie der Großvater so oft unter ihren Augen geschreinert hatte.